Eklat bei den Salzburger Festspielen: Ein Weltprovinzstück ganz ohne Gewinner

Was außer viel hervorragender Kunst bleiben wird, ist aber nur ein weiterer großer Skandal in der Festspielgeschichte. Schade drum.
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Da sage noch einer, dass in Salzburg das Theater im Vergleich zur Oper zu kurz komme. Es spielt dort derzeit das allergrößte Festspieldrama, das man sich denken kann – und das, eigentlich, ein Weltprovinzstück ist.

Gegeben wird: das Stück von einem, für den Salzburg der wichtigste Kunstort der Welt war, und der dort an sich selbst gescheitert ist.

Und auch das Stück von einer Landespolitik, die mit dem lange gehegten Plan, Markus Hinterhäuser loszuwerden, ein argumentierbares Anliegen durchzog – das aber so selbstüberdribbelnd ungeschickt, dass unter der Festung Hohensalzburg nun ein Festspielscherbenhaufen liegt. 

Vorhang.

Ja, Markus Hinterhäuser war ein guter künstlerischer Leiter für Salzburg. Man erinnere sich, wie er vor seinem Antritt bereits als heimkehrender Sohn gefeiert worden war, was für Volten man schlug, um ihm den Weg zu ebnen (nicht nur nach seiner Amtszeit, auch vor seiner Amtszeit gab es eine Interimsleitung, die die Zeit folgsam absaß, bevor Hinterhäuser Zeit hatte zu kommen).

Und nein, Markus Hinterhäuser war zuletzt kein guter Intendant. Mit dem (wenn auch nur verschämt off the records geäußerten) Verweis darauf, dass künstlerische Leistungen kein schlechtes Benehmen entschuldigen, hatte das Kuratorium Recht. Es ist zu begrüßen, wenn Strukturen aufbrechen, die Männer schützen, die unter Genieverdacht stehend glauben, sich alles leisten zu können.

Lange schon war über den Führungsstil Hinterhäusers wenig Gutes zu hören. Dass man hier als zuständige Politiker sagen kann: Das geht sich nicht mehr aus, das ist nachvollziehbar.

Nur so war es nicht.

Herumdruckserei

Die offiziellen Statements von Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) übten sich, seitdem sich dieser Eklat abzeichnete, in der hohen Kunst der Herumdruckserei. Wer nach der entscheidenden Kuratoriumssitzung, als die große Trennung schon wie die typischen Landregenwolken ihre Vorabschatten über Salzburg warf, über „Humanismus“ und „Menschlichkeit“ spricht anstatt über konkrete Vorwürfe, der zieht einer derart gewichtigen Entscheidung den Boden weg. Und wenn man sich dann kaum vier Monate vor Start wirklich vom Festspielchef trennt, dann muss man das besser kommunizieren als mit „Auffassungsunterschieden“.

So etwas hat man nämlich eher über die beste Mozartkugelsorte oder darüber, ob Salzburger Nockerln die schlechteste Süßspeise des Landes sind. Der Prozess ist der Politik auf völlig unnötige Art entglitten – oder war von Anfang an schlecht aufgesetzt. Sonst gäbe es heute bereits die neue interimistische Leitung, sonst hätte es keine hohlen Ultimaten und kein verdruckstes Zurückrudern knapp vor der Ziellinie letzten Freitag gegeben.

Die Rezeption des Geschehenen teilt sich folgerichtig sofort an den langweiligen Bruchlinien auf, die sich eh schon durch die Gesellschaft ziehen: Die Fraktion „man wird ja wohl noch so sein dürfen“ bejammert, dass hier ein unbequemer, aber genialer Geist für seine Aufmüpfigkeit von der konservativen Politik entfernt worden sei. Die anderen freuen sich über genau das – ein „Linker“ weniger.

Offen reden

Man würde sich wünschen, dass aus dem allen zumindest eine scharf geführte, aber zivilisierte Diskussion als Ergebnis überbleibt. Darüber, warum so oft im Kulturbereich jene von Findungskommissionen und Politik ins Amt gehievt werden, die nicht dazu taugen, Menschen zu führen. Wo das Systemversagen liegt, wenn man am Ende eines großen Intendantenscheiterns immer hört, dass man das eh schon lange kommen sah. Darüber, warum sich die Politik auch in Deutschland und Österreich nun so geballt in die Kultur einmischt – und ob nicht auch hier bald Wohlverhaltensklauseln nötig sein werden, wenn die neu entdeckte Durchschlagskraft übers Ziel hinauszuschießen beginnt.

Was außer viel hervorragender Kunst bleiben wird, ist aber nur ein weiterer großer Skandal in der Festspielgeschichte. Schade drum.

KURIER-Wertung: Zwei von fünf Sternen

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