Salzburger Festspiel-Drama: Das Kuratorium auf heikelstem Terrain
Markus Hinterhäuser geht im September, die Salzburger Festspiele brauchen schon für kommendes Jahr eine neue Leitung, es folgen langwierige Arbeitsprozesse: Wenn die Sitzung des Festspielkuratoriums am Freitag dieses weitgehend erwartete Ergebnis bringt, dann wird vergiftetes Terrain betreten, auf dem Vorsicht notwendig ist.
Ein Gebot der Stunde ist hier die absolute Transparenz: Das Kuratorium muss deutlich und im Detail benennen, warum Hinterhäusers bereits unterschriebener Vertrag bis 2031 nicht mehr gelten soll. Der allgemeine Verweis auf eine „Wohlverhaltensregel“, die nicht so heißt und deren Inhalt nicht öffentlich ist, reicht hier nicht.
Ebenso wenig genügen anonyme Stimmen aus dem Kuratorium, die laut Medien von einer „Eskalation“ Hinterhäusers sprechen.
Es mag sehr gute Gründe geben, Hinterhäuser zur Tür hinaus zu bitten. Seit langer Zeit schon mehrt sich die Kritik an seinem Führungsstil. Die Öffentlichkeit hat ein Recht, diese Gründe zu erfahren. Und es darf keinesfalls nur der Eindruck zurückbleiben, dass die Lokalpolitik sich vom Festspielchef beleidigt fühlt und sich daher an ihm abarbeitet. Denn das Kuratorium vollzieht den größten Eingriff am lebenden Patienten, den es in seinem Pouvoir hat. Erklärt es sich nicht oder nur so vage wie bisher, macht es Diskussionen auf, die brandgefährlich sind.
Führungsstil
Dann weiß man nicht offiziell, ob sich Hinterhäuser vielleicht nur nicht die Hände gewaschen hat, bevor er das Kuratorium begrüßte.
Oder ob er wirklich, wie übrigens auch manche Kulturleitungsperson in Wien, einen Führungsstil aus der Steinzeit gepflegt hat, der nicht mehr geht. Hier wäre durchaus argumentierbar, Konsequenzen zu ziehen – wenn auch die Fragen bleiben, warum genau hier begonnen wird und warum überhaupt eine „Wohlverhaltensklausel im Vertrag stand“. (An dieser Stelle darf man sich kurz mit dem Gedanken amüsieren, was wäre, wenn es eine ähnliche Klausel in der Politik gäbe.)
Oder, und hier wird es heikel, wird Hinterhäuser doch wegen – im weitesten Sinne – der Kritik an der Politik oder auch Rempeleien gegen die lokal Mächtigen rausgehaut? Dann wären wir an einem Punkt, an dem die heimische Politik nicht ankommen darf: Auch nur in Verdacht zu kommen, einen Kulturmanager wegen ideologischer Differenzen oder mangelnder Unterwürfigkeit zu entfernen. Die Hürde läge hier hoch, wirklich hoch: Man muss schon viel aushalten als Lokalpolitiker, der zufällig die wichtigsten Festspiele der Welt im eigenen Bundesland hat.
Genau das aber steht mangels anderer Erklärungen im Raum. Die Kunstkurie ist bereits auf diesen vermeintlichen Zug aufgesprungen und fordert, dass „Kunst frei“ bleiben solle. Das ist natürlich eine völlige Themenverfehlung (wie schon die Zusprechung der höchsten Auszeichnung des Landes an Teodor Currentzis durch die Kurie).
Hinterhäuser muss ja explizit eben nicht wegen seiner Kunst abtreten, das wäre angesichts der diesbezüglichen Erfolge auch absurd. Aber die Politik muss diesem Eindruck unbedingt entgegentreten, wenn er nicht zutrifft.
Ohne eine offensive Kommunikation – auch von Hinterhäuser, damit ein Gesamtbild entstehen kann – hinterlassen Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) nämlich genauso fatale Argumentationsruinen wie der deutsche Kulturminister Wolfram Weimer bei der Berlinale und bei einem Buchhandlungspreis, der völlig eskaliert und dann abgesagt wurde (das muss man einmal schaffen!).
Es darf sich übrigens auch Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) nicht hinter seinem Kuratoriumsmitglied verstecken, auch wenn das formal richtig sein mag. Dieser einmalige Vorgang bei einem der wichtigsten kulturellen Aushängeschilder Österreichs ist kein Fall für „Ich respektiere die Entscheidung des Kuratoriums“.
Weil allem Erwarten nach auch hier, wie beim ORF, sündteure Rechtsstreits folgen werden, wenn heute nicht zumindest eine Seite auf einen Kompromiss einschwenkt. Und wegen des kulturpolitischen Verfalls in Europa überhaupt: Wir sind umgeben von Ländern, in denen Intendanten aus sehr schlechten, nämlich ideologischen Gründen entfernt werden. Heute ist ein entscheidender Tag, ob Österreich auch in diesen Verruf kommt.
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