Kultur
09.09.2017

Salman Rushdie warnt vor dem Joker

Weltweit ist zeitgleich sein Roman "Golden House" erschienen – ohne Dschinns.

Andere brauchen Tausende Details, die sie notieren, mitunter auf kleinen Karteikarten, ehe sie beginnen, ihren großen Roman zu schreiben.

Salman Rushdie braucht Zehntausende. Auch wenn diesmal keine Dschinns durch die Ritzen nach New York kommen (hurra!) wie zuletzt, 2015, in "Zwei Jahre,acht Monate und achtundzwanzig Nächte".

Aber die Art ist ähnlich.

Treibsand

Sagen wir, es gibt eine Party, und es taucht eine somalische Künstlerin auf.

Dann wird Rushdie zunächst nicht über sie schreiben, sondern bemerken, dass ein Galeriebesitzer sie mitgenommen hat, und dieser Galeriebesitzer – so wird er schreiben – ist ein Filou und hat als Junger wegen des Vietnamkriegs Monets Seerosen im Museum besprüht. Das war – wird Rushdie weiter ausführen – ein Protest wie im Jahr 1974, als ein Bild von Rubens geritzt wurde ...

Und so weiter und so fort, tief hinein, bis man im Buch steckt wie in Treibsand ... und dieses Wehrlose ist bei "Golden House" durchaus erstrebenswert.

Man lasse sich ausnahmsweise gefangen nehmen und von Fragen löchern.

Erstens (und das ist ein Zitat): "Wer sind wir jetzt? Wer verdammt noch mal weiß das überhaupt?"

Zweitens:

Können das Gute und das Böse nebeneinander existieren – in einem Menschen, in einem Land –, wie Whisky und Wermut, die doch gemeinsam einen durchaus brauchbaren Cocktail namens Manhattan ergeben?

Beim 70-jährigen Schriftsteller ist diesmal das Reale deutlicher als sonst erkennbar, manchmal so ungewohnt deutlich, dass man zur Behauptung neigt: Nein, das ist ja gar kein Rushdie.

Die Figur im Zentrum des Romans nennt sich wie ein Caesar, Nero Golden. Ein alter Mann, steinreich ist er. Bauunternehmer, Geldwäscher, Pate ... Sein Haar ist schwarz gefärbt, ölig zurückgekämmt.

Nero Goldens Aufstieg wird vom Nachbarn, einem Filmregisseur, verfolgt. Er verfängt sich selbst im Spinnennetz (vor allem sein Sperma verfängt sich).

Schamlose Zeit

Obama wurde gewählt, einmal, ein zweites Mal – und die Zeit wird schamloser, die Menschen laufen als lebende Fake News umher, es geht nur noch darum, besser lügen zu können als die verlogene Wahrheit.

Bis der böse Joker kommt bzw. bis Trump Präsident wird, werden Nero Goldens drei Söhne tot sein, und sein Palast in New York wird brennen ... samt russischer Ehefrau, deren Intrigen Rushdie den meisten Raum bietet.

Sie ist nur eisgekühlter Wodka, während Nero Golden etwas sympathischer wirkt, gut wie Whisky und Wermut ist der Kerl aber deshalb noch lange nicht.

Auf seiner Wahrheitssuche ... bzw. bei seiner Warnung vor der Herrschaft der Psychopaten verbraucht Salman Rushdie zwar keine Dschinns.

Aber sehr wohl Batman, Flash Gordon, Bob Dylan, Gorbatschow, Spider Man ... und langsam wird es wirklich Zeit für den Nobelpreis (nicht nur wegen der "Mitternachtskinder").


Salman Rushdie:
„Golden House“
Übersetzt von
Sabine Herting.
C. Bertelsmann Verlag.
512 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *****