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Kultur
09/19/2012

Salman Rushdie: Der Ornithologe des Terrors

Die Geschichte seiner Flucht vor dem Todesurteil ist ein Aufruf gegen die Intoleranz, die der Islam früher überhaupt nicht gekannt hat. Eitel ist das Buch aber leider auch.

von Peter Pisa

Salman Rushdie schreibt „er“, wenn er von sich erzählt. Er kann sich nicht ans „Ich“ gewöhnen, das am Valentinstag 1989 vom sterbenden Ayatollah Khomeini zur Tötung „freigegeben“ wurde.

Rushdie glaubt nicht, dass Khomeini vor dem Todesurteil „Die Satanischen Verse“ überhaupt gelesen hat.

Und, um das auch gleich zu verraten, ja, er würde die 25 Millionen Mal verkauften „Satanischen Verse“ heute wieder schreiben. Genau so. Es sei kein Buch gegen den Islam. Er habe doch nicht vier Jahre bloß für eine Beleidigung gearbeitet!

„Ich kann sehr viel schneller beleidigen.“

Spesen

Erst am Wochenende hat die staatsnahe Stiftung „15. Chordad“ im Iran das Kopfgeld auf 3,3 Millionen US-Dollar erhöht.

Eine „Anpassung“, die seit 23 Jahren in regelmäßigen Abständen geschieht.

Wahrscheinlich „für die Spesen“, wie der Brite mutmaßt: „Mörder, hebt eure Rechnungen auf! Geschäftsessen lassen sich absetzen!“

Vielleicht hängt das höhere Kopfgeld aber mit der Autobiografie zusammen, die Dienstag zeitgleich in 27 Ländern erschienen ist.

Krähen

Joseph Anton“ heißt sie: Die Vornamen der geschätzten Schriftsteller Conrad und Tschechow waren Deckname während jener zehn Jahre, in denen sich der in Bombay geborene Autor von der englischen Polizei beschützen ließ. Seit 1999 verzichtet er darauf.

Die „Er“-Form hat zumindest am Anfang (von 720 Seiten) den Effekt, wie ein Roman zu klingen: Eine Krähe sitzt auf einem Gerüst, Vorbote des privaten Unglücks.

Es folgen hunderte Krähen – Symbole für den veränderten Islam, die neue Intoleranz, die Bedrohung der ganzen Welt.

Und er, „Ornithologe des Terrors“, beobachtet.

Mit dem 9/11-Terror endet das Buch. Da ist der heute 65-Jährige Vater von zwei Kindern (mit denen er nicht im Park Fußball spielen kann), und vier Ehen hat er hinter sich.

Perücke

Rushdie hält sich nicht mit Kindheit und Jugend auf. „Joseph Anton“ ist die Geschichte seiner Flucht. Im arabischen Raum wurden Rushdie-Puppen aufgehängt, in Europa Menschen ermordet, die auf die Meinungsfreiheit hingewiesen hatten, auf Verleger, Übersetzer, und Buchhändler wurden Attentate verübt, und Bücher brannten.

Die Polizei überredete den Gejagten zu einer Perücke: „Sie können über die Straße gehen, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen.“ Kaum draußen, hörte er eine Stimme: „Seht doch, da ist dieses Arschloch Rushdie mit Perücke!“

Die Biografie war überfällig und notwendig. Sie gehört zum intellektuellen Kampf gegen Gruppen, die Gegner mundtot machen wollen und sogar töten.

Leider ist Salman Rushdie nicht nur intelligent, sondern auch eitel. Viel Text wird verschwendet, um Kollegen vorzuführen, von denen er sich verraten fühlt (John le Carré z.B.).

Und noch mehr Text für Liebesbekundungen ihm gegenüber. Er hat mit Pynchon zu Abend gegessen! (Pynchon hat Hasenzähne.) Und die nicht gar so bekannte Eva Figes umarmte ihn. Im Ritzy-Kino war’s. In Brixton. Sie umarmte ihn: „Es tut gut, Sie fühlen zu können.“ Stimmt. Aber Rushdie könnte genießen und schweigen.

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