Kultur
07.04.2017

Roland Düringer: Wut ist eine Emotion, die behindert

Roland Düringer, 53, polarisiert und steigt auch den Mächtigen des Landes mit einer eigenen politischen Bewegung auf die Zehen. Im Interview erzählt der Kabarettist, der im Herbst mit einem neuen Programm auf der Bühne steht, warum er für sein Projekt nur 500 Euro ausgeben will, wie es ist, ein Tier zu schlachten und weshalb wir alle einen Plan B brauchen.

Herr Düringer, sie wurden am Weltspartag 1963 geboren. Vielleicht ein Omen. Ein Brief von Ihnen an den damaligen Finanzminister und Vizekanzler, in dem Sie Ihren Unmut über die Causa Hypo kundtaten, war 2014 Ihr erster Akt, sich aktiv in die Politik einzumischen.

Wobei der Weltspartag ja zugleich auch Halloween ist, wo die bösen Geister kommen.

Der Kabarettist als böser Geist.

Das mit der Hypo war der Auslöser. Mir wurde klar, dass ich als Kasperl Möglichkeiten habe, die ein normaler Bürger nicht hat und wollte schauen, wo das hinführt. Das hat dann zu einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Herrn Spindelegger geführt – in ganz kurzer Zeit. Aber die Hypo war letztendlich nur die Spitze des Eisberges.

Zwei Jahre später haben Sie die Bewegung ‚G!lt‘, eine Plattform für Nichtwähler, ins Leben gerufen. Sie sagen explizit, es handelt sich um keine Partei, sondern ein Kunstprojekt. Das müssen Sie erklären.

Ich versuche, eine Idee, die ich im Kopf habe, umzusetzen. So ist auch mein erstes Programm „Atompilz von links“ entstanden. Ich bin zum Bundesheer gegangen, weil ich gewusst habe, ich mache ein Stück drüber. Beim Projekt ‚G!lt‘ will ich schauen, ob man aus einem Pool von 1,5 Millionen Nichtwählern der letzten Nationalratswahl, 2.600 Leute dazu bringt, eine Unterstützungserklärung zu unterschreiben, damit wir auf dem Stimmzettel stehen und eine sonst ungültige Stimme eine Möglichkeit hat, gezählt zu werden.

Welche Fragen tauchen bei den Lesungen für Ihr neues Buch „Meine Stimme gilt. Und deine?“ am häufigsten auf?

Die Leute fragen: „Aber Herr Düringer, wenn ich Sie jetzt wähle ...“ – ich sage dann: Sie können mich nicht wählen. „Okay, dann halt die Partei ...“ – ich antworte, Sie können auch keine Partei wählen, Sie können sich registrieren. „Aha, aber was passiert mit meiner Stimme?“ Nichts, Sie behalten Ihre Stimme, sie wird nur irgendwo registriert und kommt im Wahlergebnis vor.

Um Machtverhältnisse zu verändern?

Das passiert automatisch. Es ist wie eine Waage, auf der 100 Prozent aufgeteilt werden. Wenn auf einer Seite was wegfällt, kommt auf der anderen was dazu. Es gibt 183 Sitze im Nationalrat. Für G!lt werden keine Sessel dazugestellt, sondern es müssen ein paar Sesselkleber weichen und wer anderer kann sich drauf setzen.

Da will ich aber wissen, wer darauf sitzt und wofür diese Menschen stehen.

Diese Menschen werden Sie kennenlernen, wenn es soweit ist. Bei einer Partei erfahren Sie das nie. Sie kennen den Spitzenkandidaten, aber alle anderen auf der Liste kennt meistens keiner. Bei uns geht’s genau um die Menschen, die sich reinsetzen – für Sie. Das werden ganz normale Leute sein, von denen jeder ein unterschiedliches Weltbild hat und seine Entscheidung trifft. Das ist eigentlich Demokratie.

Für so ein Projekt wird man auch Geld brauchen. Investieren Sie Ihr eigenes?

Ich werde dem Projekt vielleicht 500 Euro borgen, ein Darlehen sozusagen. wir haben auch die Idee, dass uns jemand was spenden kann – oder man sagt, ich borg’ euch was und geh ein bissl ins Risiko. Wenn ihr ein Prozent erreicht’s, gibt’s eine Wahlkampfkostenrückerstattung und ich krieg mein Geld zurück. Wenn ihr es nicht schafft, ist das Geld eben weg. So, als würde man ins Casino gehen.

Wieso würden Sie dem eigenen Projekt nur 500 Euro borgen?

Mehr hab’ ich momentan nicht. Ich muss auch schauen, was ich mit meinem Geld mache. Es gibt Sinnvolleres, als deppert in die Politik zu investieren.

Was machen Sie denn mit Ihrem Geld? Investieren passt ja nicht zu Ihnen.

Doch, doch! Ich habe einen Gemüsegarten, ich habe Schweine, ich habe den Jagdschein gemacht, ich habe warmes Gewand zuhause, ich habe auch einen Schlafsack und ich habe gute soziale Kontakte. Also habe ich irrsinnig viel Zeit investiert in meine Altersvorsorge.

Wird man diese private Seite von Ihnen auch in der geplanten Doku über Ihr Kunstprojekt G!lt sehen?

Die Doku wird es nicht geben. Das habe ich erst erfahren. Es gab irgendwie eine schlechte Stimmung gegenüber dem Projekt. Meine Idee war, ein Projekt, das es in der Form noch nicht gegeben hat, zu dokumentieren. Es gab nur einen, der etwas Ähnliches gemacht hat. Der Comedian Jón Gnarr hat es geschafft, für vier Jahre Bürgermeister von Reykjavík zu werden und hat ein Buch darüber geschrieben. Ich habe mir gedacht, wenn der Trottel einen Film gemacht hätte, wäre das super geworden.

Was war bei Ihnen das Problem?

Naiv wie ich bin, hab ich gemeinsam mit einer Produktionsfirma bei der Filmförderung eingereicht – ganz normal für einen Dokumentarfilm. Die Filmförderung hat zugesagt, aber innerhalb der österreichischen Filmszene, die keine große ist, gab es von Seiten des Regieverbandes große Widerstände, weil das ja Parteiwerbung wäre. Das ist ein vollkommen vertrotteltes Argument, weil der Film erst ein Jahr nach der Wahl erschienen wäre. Werbung macht man vorher, nicht nachher. Aber die Filmschaffenden kennen sich halt nicht so gut aus, wie Politik funktioniert.

Hat Sie die Absage wütend gemacht?

Das wäre schlecht. Wut ist eine Emotion, die behindert. Du musst total drüberstehen. Wenn man in Österreich einen Film machen will, den wirklich viele sehen, darf das kein Dokumentarfilm sein, den sich dann 5.000 Leute ansehen. Das muss ein Film sein, den man auf YouTube stellt. Dann braucht man auch keine Förderung. Was filmisch zu dokumentieren, ist heute eigentlich keine Kunst mehr. Das kann jeder Dillo, ein Handy wo draufhalten. Es wäre nur schade, wenn lustige Bilder verloren gehen. Deshalb will ich es dokumentieren.

Wut ist also ...

... ein schlechter Ratgeber. Es ist eine Emotion.

... die Antrieb sein kann. Sie wirken so, als müssten Sie sich einfach einmischen.

Es ist immer gut, sich einzumischen – wenn die Wut weg ist. Dann überlegt man: Okay, was stört mich? Kann ich es ändern oder nicht? Wenn ich es nicht ändern kann, brauche ich mich auch nicht zu ärgern, weil es eben so ist. Oder man sagt: Moment, das ist was, das man ändern könnte. So sehe ich das Projekt. Wenn ich mit der politischen Kultur in dem Land unzufrieden bin, hat das nichts mit einer Parteifarbe zu tun, sondern damit, wie Politik nach außen kommuniziert wird. Es geht um die Phrasendrescherei und die ewiggleichen Mantras.

Sie machen sich mit Ihrer Kritik angreifbar.

Ich würde bei so einem Projekt um zehn Jahre altern, wenn ich alle Beleidigungen, die in den nächsten Monaten auf mich zukommen werden, ernst nehmen würde. Ich habe auch nicht den Anspruch, mit dem Projekt etwas zu erreichen. Ich strebe keine vier Prozent an, es ist mir vollkommen wurscht. Ich möchte nur eine Möglichkeit bieten. Und das kann nur ich tun! Kein einziger Nichtwähler im Land kann sagen, pass auf, wir machen eine Nichtwähler-Partei. Der Knackpunkt sind die Unterstützungserklärungen. Das bedeutet nämlich, dass man sein Gesicht zeigen muss. Wenn man, gerade am Land auf dem Gemeindeamt für G!lt unterschreibt – vor dem Gemeindebediensteten – weiß das ganze Dorf, wer den Düringer unterstützt.

Ja und?

Da kann’s sein, dass einer sagt, du weißt aber schon, dass deine Dachgaube um drei Zentimeter zu hoch ist. Bis jetzt war’s wurscht, aber jetzt werden wir uns das genauer anschauen. Dabei wäre es ganz leicht, in Zeiten der Digitalisierung, seine Unterstützungserklärung auf jeder Gemeinde anonym abzugeben. Dann würden viel mehr Petitionen Erfolg haben. Aber egal, was du unterschreibst, du musst Farbe bekennen. Davor haben viele Angst.

Sie arbeiten seit Jahren an einem Plan B, um so gut als möglich, unabhängig vom System zu agieren ...

Das ist eigentlich das, was jeder Mensch machen sollte. Man überlegt sich in einem gewissen Alter einfach, ob es nicht sinnvoller wäre, eine Wohnung im Ortszentrum zu nehmen und nicht ein Haus draußen in der Einschicht. Ich weiß ja nicht, ob ich mit 75 noch Holz hacken kann. Man sorgt für etwas vor, was passieren könnte – ohne hysterisch zu sein. Ich bin seit über 50 Jahren auf dem Planeten und habe die Kindheit in Wien verbracht. Es ist immer alles besser geworden. Aber irgendwann habe ich gespürt, dass es in eine andere Richtung geht.

Was war das für ein Erlebnis?

Ich hatte eine großartige Deutschlehrerin in der HTL, die Gerti, a junge, fesche. Sie hat mich in den 1990ern, als ich schon der Herr Düringer aus dem Fernsehen war, gefragt, ob ich im Deutschunterricht eine Projektwoche mit ihr machen möchte. Als ich dann in der Klasse stand, war das eine andere Welt. Ich habe Anfang der 1980er maturiert. Keiner von uns hat sich Sorgen um die Zukunft gemacht. Das hat in unserem Weltbild nicht existiert.

Was war mit den Schülern in den 90ern?

Es waren Schüler zwei Jahre vor der Matura. Da saßen lauter angepasste Menschen mit schickem Haarschnitt, die nur über Geld, Job und ihre spätere Pension geredet haben. Ich dachte mir nur: Okay, es geht um Zukunftsängste und ökonomische Vernunft. Das Monetäre war so wichtig, es ist eine irrsinnige Blase entstanden, auf die viele Leute reingefallen sind. Was ich mir von Freunden hab anhören müssen ...

Weil Sie nicht vorgesorgt haben?

Es gab eine Zeit, da habe ich unverschämt viel Geld verdient – mit Werbeverträgen, Kino da, live spielen dort vor 2.000 oder 3.000 Zuschauern. Ich habe mir halt viele Autos gekauft, keine billigen, lauter Einzelstücke, amerikanische Hot Rods, Autos mit 500 PS und alle haben gesagt: „Oida, bist du deppert? Leg dein Geld an.“ Das haben nämlich sie gemacht und dann kam 2008. Da hab ich gesagt: Seht’s, jetzt simma gleich. Ich hab auch viel Geld verloren mit den Autos, nur ich hab an Spaß g’habt und ihr schaut’s blöd aus der Wäsch’, weil die Altersvorsorge beim Teufel ist.

Was raten Sie Ihrer 15-jährigen Tochter?

Früher konnte man seinem Kind sagen, wenn du brav lernst, wirst du es einmal besser haben als wir. Das kann ich meiner Tochter nicht sagen. Dieser Wohlstand, den besonders die in den 60er-Jahren Geborenen genießen durften, war ein Griff auf die Zukunft. Wir haben Energiesklaven gehabt, fossile Energien, und jetzt bricht uns das alles weg. Die nächste Generation wird das bezahlen müssen und dann sehr zornig sein. Es gibt nichts mehr zu verteilen. Das ist praktisch der Anfang vom sozialen Unfrieden. So wie unsere Demokratie aufgestellt ist, kann sie nur in einer Diktatur enden.

Wie beinhaltet Ihr Plan B noch?

Man sollte damit rechnen, dass der Schmäh irgendwann vorbei ist. Dann muss man sich fragen: Was mache ich dann? Nehmen wir jemanden, der stark auf Karriere setzt. Man muss sich zwischendurch überlegen, was man eigentlich ohne Karriere ist. Ich habe versucht, mich über die letzten Jahre so zu konditionieren, dass ich, wenn einmal keiner mehr zum Düringer kommt, auch noch ein Leben habe.

Sie haben auch den Jagdschein gemacht und schlachten selbst. War das nicht eine irrsinnige Überwindung?

Töten ist grundsätzlich nix Schönes, es ist was Brutales. Bei der Jagd weniger, weil man eine große Distanz zum Ziel hat. Bei einem Schwein stehst du ja wirklich daneben, wenn du es mit dem Schlachtschussapparat tötest. Das ist was total Grausliches. Aber zu sagen: „Das ist ja grauslich“ und sich dann eine Leberkässemmel zu kaufen, das geht sich nicht aus, nicht bös sein.

Es kann halt nicht jeder selber schlachten.

Das stimmt, aber für mich müsste es in jeder Schule Pflicht sein, mit den Kindern einen Schlachthof zu besuchen, wenn sie alt genug sind und es packen. Jeder soll einmal schauen und dann entscheiden, ob er das will oder nicht. Man muss hinschauen.

Sie bauen auch selber Lebensmittel an, um im Notfall unabhängiger zu sein. Im Buch „Blackout“ wird das Szenario eines Stromausfalls in Europa beschrieben. Da holen sich dann die Menschen, die nichts haben, das Essen von denen, die es haben – auch mit Waffengewalt.

Bei mir schaut das anders aus. Ich stehe vor meinen selbstangebauten Zucchini mit der Waffe, so wird’s sein! Ich werde sagen: Bei mir Einkaufen ist sehr teuer.

Und wenn eine ganze Horde Sie bedroht?

Dann werde ich die Zucchini aufgeben. Es ist immer eine Einschätzung der Situation logischerweise. Kraft erzeugt automatisch Gegenkraft. Ein Freund von mir arbeitet in einem Waffengeschäft, da stehen die Leute Schlange. Das sind keine Verbrecher, sondern normale Menschen. Das ist so. Hoffen wir aber, dass die Welt nicht eskaliert.

Wie auch immer es kommt: Ich würde keine Waffe im Haus haben wollen.

Man muss einmal definieren, was eine Waffe ist. Jedes Auto ist eine tödliche Waffe. Wenn ich viele Leute umbringen will, kauf ich mir keine Schusswaffe, sondern fladere einen Lkw und fahre in einen Christkindl-Markt. Zu sagen, ich wünsch mir eine Welt ohne Waffen, ist lieb.

Man muss sich also verteidigen?

Ich bin im 10. Bezirk aufgewachsen und war oft im Park. Der, der zuerst hinhaut, hat gewonnen. Das gibt’s nix zu beschönigen.

Na gut, aber was kann man tun?

Lern Karate und hau einmal zurück. Das sind große gesellschaftliche Probleme, die auf uns zukommen. Das Problem sind nicht die Ausländer, die kommen, sondern die vielen jungen Männer. Junge Männer haben dicke Eier, viel Testosteron und wollen raufen. Ich war auch einmal jung und weiß das. Viele junge Männer sind immer ein Anlass, einen großen Bogen zu machen, egal, ob Ausländer, Rapid-Fans oder G’scherte auf dem Feuerwehr-Heurigen. Die Menschen fürchten sich vor vielen jungen Männern auf einem Fleck. Das ist kein Vorurteil.

Lassen Sie uns positiv enden. Wie lautet Ihr Tipp für uns alle in Sachen mehr Unabhängigkeit?

Der Überbegriff lautet Daseinsmächtigkeit. Eigentlich müsste man hinterfragen, was man aus sich heraus ohne das System noch machen kann. Das ist das Wichtigste. Ich würde jedem empfehlen, einmal ein paar Tage mit nix auszukommen. Voriges Jahr war ich unter der Leitung von einem Ausbildner des Jagdkommandos drei Tage in den Bergen: nur mit Jacke, Hose und Messer.

Also ein Hardcore-Survivaltraining.

Das kann ich jedem empfehlen. Wir waren zwar eine Gruppe, aber jeder für sich unterwegs. Du merkst, was wirklich wichtig ist – Unterstand bauen, Feuer machen, Trinkwasser suchen und ein Pappi finden. Dann bist du glücklich. Und wenn du die erste Nacht bei fünf Grad ohne Feuer im Freien gelegen bist und langsam die Sonne aufgeht, ist das wie Weihnachten und Ostern zusammen, weil du weißt: Jetzt wird’s warm!

Roland Düringer, 53, wurde 1963 in Wien geboren und absolvierte eine HTL. Sein Vater war Garderobier im Burgtheater, weshalb Düringer an Schauspiel-Workshops teilnahm. Dort traf er auch Alfred Dorfer und seine Karriere als Kabarettist nahm ihren Lauf. Mit der Gruppe Schlabarett brachte er 1985 sein erstes Programm „Atompilz von links“ auf die Bühne. In den 90ern erlebte er seinen Kabarett-Höhpunkt, machte Erfolgsfilme wie „Hinterholz 8“ und spielte vor Tausenden Menschen. 2011 äußerte er sich in seiner vielbeachteten „Wutbürgerrede“, die in „Dorfers Donnerstalk“ ausgestrahlt wurde, erstmals öffentlich politisch. Seither ist er Aktivist und gründetet 2016 die Bewegung „G!lt“, mit der er 2018 bei der Nationalratswahl antreten will. Düringer hat eine 15-jährige Tochter aus einer früheren Beziehung und ist verheiratet.

Im Herbst feiert Roland Düringers Programm „Der Kanzler“ Premiere. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wird er wieder eine Rolle spielen und keinen Vortrag halten. Sein Buch „Meine Stimme g!lt“ ist bei Brandstätter erschienen. www.gilt.at