Kultur 17.05.2018

Roger Waters live in Wien: Besser geht es nicht

© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Der Ex-Pink-Floyd-Bassist lieferte mit seiner "Us + Them"-Show ein faszinierendes Gesamterlebnis.

„Es war großartig, heute für euch spielen zu dürfen. Da ist so viel Liebe im Raum, das kommt an, wir können das hier auf der Bühne spüren!“ So bedankte sich Roger Waters Mittwochabend bei fast 10.000 Zusehern, die den Ex-Pink-Floyd-Bassisten nach seiner „Us + Them“-Show in der Wiener Stadthalle zurecht mit frenetischen Ovationen bedachten.

Der 74-Jährige hat für diese Tour nämlich eine Show zusammengestellt, die in jeder Hinsicht ein unvergleichliches Erlebnis ist. Und das beginnt schon beim Eintreffen des Publikums: Der monströse LED-Schirm hinter der Bühne zeigt das Bild einer Frau, die auf einer Düne sitzt und auf das Meer schaut. Meeresrauchen, der Wind ist zu hören, er leise dann lauter, langsam beginnt sich das Bild zu bewegen. Vögel kreischen und wegen der überall in der Halle unter der Decke hängenden Boxen, hat man das Gefühl, sie zischen einem von links nach rechts über den Kopf.

© Bild: Brigitte Schokarth

Startschuss für den Auftritt von Waters und seiner zehnköpfigen Band ist, wenn die Sonne über dem Meer untergeht. Mit „Speak To Me“ und „Breath“ aus dem Pink-Floyd-Album „The Dark Side Of The Moon” geht es los. Der erste Teil ist optisch - gemessen an Floyd-Maßstäben - mit Video-Einspielungen von einem Flug durchs All oder Uhren bei "Time" relativ reduziert. Trotzdem gibt es schon jetzt die ersten Gänsehautmomente, wenn die Backing-Sängerinnen Jess und Holly bei „Great Gig In The Sky“ zum Duett in den hohen Tönen ansetzten, und die Band dem Sound, den man so gut von den legendären Alben kennt, perfekt und dynamisch zum Leben erwecken.

Nur drei der Songs von seinen Solo-Alben hat Waters in die „Us + Them“-Show eingebaut, weil etwa „Picture That“ oder „The Last Refugee“ gut in das höchst politische Konzept der Show passen. Sie bilden einen Ruhepol, bevor bei „Another Brick In The Wall“ Kinder in Sträflingsanzügen auf die Bühne kommen, sich die dann vom Leib reißen und ihre T-Shirts mit der Aufschrift „Resist“ zeigen.

Roger Waters
© Bild: Kurier/Juerg Christandl

Mit „Resist“ geht es auch in der Pause weiter. Putin soll man sich entgegenstellen, steht in roten Lettern auf der LED-Wand, Orban in Ungarn, aber auch Kurz in Österreich. Danach wird im zweiten Teil die Optik so spektakulär, wie es die Musik schon seit Beginn war. Zu „Dogs“ aus „Animals“, senkt sich quer durch die Länge der Halle in Form von Rollleinwänden die Battersea Power Station vom ikonischen Cover dieses Albums von der Decke. Bei „Pigs“ werden die Rollleinwände zum Hintergrund für hemmungslose Trump-Niedermache, bei der der US-Präsident unter anderem als Schwein und als schreiendens Baby dargestellt wird. Man sieht Bilder von Kriegen, von Müll sammelnden Kindern, von Ghettos und Flüchtlingen, ein aufblasbares Schwein fliegt durch die Stadthalle. Der Schriftzug „Hilfe, wir leben in einem dystopischen Albtraum“ leuchtet auf. Dann steht plötzlich die Pyramide vom Cover von „The Dark Side Of The Moon“ aus Lasern geformt in der Halle und wird mit den zugehörigen Regenbogenfarben beleuchtet.

© Bild: Brigitte Schokarth

Aber all das ist nie reine Effekthascherei. Immer steht die visuelle Umsetzung im Dienste der Botschaft, die Waters mit der Show rüberbringen will. Denn zu den im Zusammenhang mit der Musik so verstörenden Bildern gibt es auch Hoffnung: „Money“ ist heute wie damals „die Wurzel alles Bösen“. Der Schluss aus all dem: Es gibt kein „Us And Them“, kein „Uns und die“! Wir sitzen alle im selben Boot und können dieses Chaos nur überwinden, wenn wir Empathie entwickeln und uns um einander kümmern.

In Wien schiebt Waters vor der Zugabe - weil er die Zuneigung der Stadthallenbesucher heute so gut spüren kann, aber auch aus traurigem aktuellen Anlass - ein flammendes Plädoyer dazwischen, sich für die Rechte der Palästinenser einzusetzen, die gerade wieder „wie Tiere abegschlachtet“ wurden. Und dann bringt er diese Reise durch den dystopischen Albtraum zu einer positiven Lösung: Bei „Comfortably Numb“ berühren sich endlich die zwei Hände, die sich in der Show immer wieder auf einander zu bewegten, aber nie erreichen konnten, und sprengen alle Mauern und Grenzen.

Ein furioses Ende eines Gesamtkunstwerks für alle Sinne, das Herz und Hirn gleichermaßen bediente und bewegte, bei dem großartige Musik und faszinierende visuelle Effekte perfekt zusammenspielten und die Musiker all das mit so viel Leben, Feuer und Leidenschaft erfüllten, dass es nur ein Fazit gibt: Besser geht es nicht!

© Bild: Brigitte Schokarth
( kurier.at , schoki ) Erstellt am 17.05.2018