AUSTRIA-HEALTH-VIRUS-PROTEST

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Analyse
09/21/2020

Rocksongs gegen Corona-Maßnahmen: Nicht die Freiheit, die sie meinten

Die Rockmusik singt von Aufbruch, Offenheit, Freiheit. Nun werden diese Songs in den Dienst einer "Freiheit" gestellt, die nie gemeint war.

von Georg Leyrer

Twisted Sister hat die Geschlechtergrenzen verwischt, noch bevor es diese so recht gab. Die Band pochte in den 80er Jahren auf die Freiheit von jeglichem Spießertum. Nun aber findet sich die Band auf der anderen Seite des Kulturkampfs wieder: Ihr Song "We're not gonna take it" ("Wir lassen es uns nicht gefallen") wird von jenen protestierenden Randgruppen als Kampflied missbraucht, die in den Coronamaßnahmen irgendwas zwischen jüdischer Weltverschwörung, Bill-Gates-Machtübernahme oder Illuminaten-Revolution erkennen. Das hat die Band nun vehement kritisiert.

Dies ist kein vereinzeltes Phänomen: Die Rockmusik hat viele Jahrzehnte von Freiheit gesungen. Nun werden diese Songs in den Dienst einer Freiheit gestellt, die nie gemeint war. Und einige Musiker schließen sich dieser Umdeutung sogar an.

Rockmusik und Autoritätskritik, das sind zwei Seiten der selben Medaille: Rock zeigt Eltern, Boss, der Gesellschaft und den althergebrachten Moralvorstellungen den Stinkefinger. Bzw. am Anfang den Hüftschwung, als es noch galt, verklemmte Sexualmoral aufzubrechen. Und später dann den Vogel, als die jugen Menschen zunehmend draufkamen, dass ihre Eltern auch nicht gescheiter waren.

Nun aber wird dieser Stinkefinger von jenen wirren Virenkritikern, die sich im Internet zusammenfinden und dann, zuweilen mit Judenstern und rechtsradikaler Begleitung, gegen Maske und Impfung auf die Straßen gehen, zunehmend gegen eine weitere Autorität gestreckt - gegen "das System".

Euer Protest ist falsch

Jene verschwörungstheoretisch unterfütterte und nicht zufällig mit einem faschistischen Begriff benannte Einbildung einer weltumspannenden Verschwörung also. Die wird ausgerechnet von jenen durchschaut, die auch Virenübertragung durch 5G fürchten oder glauben, dass die Erde flach ist (und von einem Schlagersoulsänger und einem veganen Koch). Sie denken, sie tragen den Protest von einst weiter.

Was wiederum die Rockmusikbranche in die irgendwie unangenehme Lage bringt, sich mit der Vernunft und der Wissenschaft, also zwei Autoritäten, solidarisieren zu müssen. Und jenen, die ihre Freiheitssongs für gesundheitliche Gefährdung missbrauchen, erklären zu müssen: Euer Protest ist falsch.

Es war schon mal mehr Rock'n'Roll.

"Verletzung meiner Freiheit"

Und immer, wenn es in der Rockmusik ein Fettnäpfchen gibt, findet sich ein Gallagher-Bruder, der reinhüpft: Noel Gallagher weigert sich, eine Maske wegen der Corona-Pandemie zu tragen. „Wenn ich mich infiziere, dann liegt es an mir“, sagte der frühere Oasis-Gitarrist („Don't Look Back In Anger“) im „Matt Morgan Podcast“. Er empfinde die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften in Großbritannien als Verletzung seiner Freiheit.

Auch Van Morrison, der Grantler des Blues, kündigt Protestsongs an, die sich gegen die Einschränkung persönlicher Freiheiten aussprechen sollen. "Born to Be Free," "As I Walked Out" und "No More Lockdowns" sollen die heißen. Man wolle "uns versklaven", heißt es darin. Und die Menschen sollen "für sich selbst denken" dürfen. (Auch mancher Opernstar hat schon eine große Corona-Verschwörung entdeckt.)

Gegen die Engstirnigkeit

Da braucht es schon einige argumentative Kurven, um hier etwas klarzustellen: Rockmusik rebellierte einst gegen irrationale, festgefahrene, unbegründet e gesellschaftliche Engführungen. Kurz: gegen Engstirnigkeit.

Nun aber soll sie der Soundtrack einer neuen Art von Engstirnigkeit werden: Eines antiwissenschaftlichen Sektierertums, oftmals zusammengebraut mit vager Naturreligion und extremer Esoterik, das sich nicht für, sondern eben gegen die Aufgeschlossenheit stellt. Wohlgemerkt: Es gibt fundierte und gut argumentierte Kritik am Umgang mit Corona, auch von wissenschaftlicher Seite. Die schaut aber anders aus als jene, die einen "Regierungsmaulkorb" beklagen und Impfungen ablehnen.

So schräg das auch klingt: Nun erst sieht man, wie sehr Rock'n'Roll und Wissenschaft am selben arbeiteten, am klaren Blick auf das, was ist.

Und das ist eben nicht das Zusammenschustern von Weltbildbrocken, das Gegen-Intellektuelle. Darauf lässt sich der Rock mit seiner reichen Historie nicht mehr reduzieren. Laute Gitarren sprechen, das merkt man besonders deutlich, wenn sie gerade nicht zu hören sind, von einer Wahrheit. Der Kampf gegen Impfungen oder Masken, gegen "Soros und Rothschild", gegen "pädophile Eliten" und all den anderen Kram nicht.

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