Kultur
27.01.2018

Roberto Saviano: Camorra, The Next Generation

"Der Clan der Kinder" ist der erste Roman des Journalisten, der unter Polizeischutz steht. Nichts Neues, aber man schreit.

Es ist egal, ob Roberto Saviano eine Reportage über die Camorra wie "Gomorrha" schreibt oder einen Roman.

Denn so oder so: Nichts ist erfunden. Der Krieg auf den Straßen und in den Menschen ist Tatsache. Die Kinder in Neapel gehen den Fängern wie die kleinen Meeresfische ins Netz.

Rotzlöffel

Sie sehen Licht – das machen die Nachtfischer, indem sie elektrische Lampen ins Meer halten; und das macht die Camorra, indem sie den Buben sagt: Eine tolle Zukunft habt ihr wohl keine, aber jetzt, in der Gegenwart, könnt ihr es gut haben und auf der weißen Terrasse des luxuriösen Restaurants Nuovo Maharaja sitzen oder Basketballschuhe kaufen, viele coole Basketballschuhe und T-Shirts, das geht ganz schnell.

Und dann stirbt man ganz schnell.

Aber so entstand die neue Camorra.

Camorra 2.0.

Nehmen wir den kleinen Biscottino. Er zielt auf einen alten Mafioso. "Oha", lächelt der, "sieh mal an, der Rotzlöffel. Du glaubst, ich habe Angst vor einem Jüngelchen wie dir?"– "Um ein Junge zu werden, hab ich zehn Jahre gebraucht, um dir ins Gesicht zu schießen, brauche ich eine Sekunde."

Er schießt. Die Ehefrau wirft sich auf den Sterbenden. Biscottino schießt ihr zuerst auf die rechte Pobacke, denn er will sehen, ob Luft aus diesem Ballon kommt, er ist ein Kind. Es kommt keine Luft, er tötet die Frau mit einem Schuss in den Nacken.

Der Schriftsteller Roberto Saviano gibt zu, so etwas wäre ihm nie eingefallen.

Das ist ein Dialog im Roman bzw. ein Verbrechen, das sich laut einem Abhörprotokoll der Polizei in Neapel so abgespielt hat.

Beim Roman "Der Clan der Kinder" kann man sich also leider nie beruhigen: eh alles nicht wahr.

Elf Buben werden beobachtet, wie sie zunächst, um zur Konsumgesellschaft zu gehören, mit Drogen handeln, dann Überfälle begehen, mit dem Segen eines Bosses eine Mafia-Gruppe gründen ... und daheim lassen sich die Eltern noch immer überzeugen: "Jaja, mein argloser Sohn."

Auf der Straße greifen sie in die Hose: "Sie glauben, wir sind Kinder – aber wir haben DAS hier und DIE hier ..." (Eier und eine Pistole)

Lange Lesepausen sind schlecht, weil aus vielen Namen von Lollipop bis Stavodicendo Chaos im Kopf wird.

Neapel ist viel mehr. Saviano zeigt nichts Neues, sondern wieder den hässlichsten, brutalsten Teil. Er sticht zu und dreht das Messer um. Viel ist das nicht, aber es tut weh. Man schreit – und vergisst trotzdem nie den Satz von Novalis: Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter.


Roberto Saviano: „Der Clan der Kinder“
Übersetzt von Annette Kopetzki.
Hanser Verlag.
416 Seiten.
24,70 Euro.
Erscheint am
Montag.

KURIER-Wertung: ****