Theater der Jugend: Robert Musil mit "Clockwork Orange"-Touch

Theater der Jugend / Die Verwirrungen des Zöglings Törleß - nach Robert Musil von Thomas Birkmeir / Theater im Zentrum
Thomas Birkmeir, scheidender Direktor des Theaters der Jugend, inszenierte noch einmal „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß".

In seiner vorletzten Premiere als Direktor des Theater der Jugend hat Thomas Birkmeir noch einmal Robert Musils ersten Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" auf die Bühne gebracht. Insgesamt solide, und doch fragt man sich ein bisschen, warum. Gewiss, große Namen sind ein Publikumsgarant – mit ein Grund, warum so viele Theater auf Dramatisierungen berühmter Romane setzen. Vielleicht war man hier aber auch der Meinung, mit einem Drama, das unter Heranwachsenden in einem Internat spielt, junges Publikum (ab 15) begeistern zu können. Die Idee ist nachvollziehbar, die Umsetzung nur zum Teil gelungen.

Das liegt keineswegs an den Darstellern, auch nicht an der Regie (Thomas Birkmeir). Vielmehr lassen sich Musils 140 intensive Romanseiten schlecht in 1 Stunde 40 Minuten Bühnenspiel quetschen (Dramaturgie: Gerald Maria Bauer). Bei Musil geht es nicht um einen isolierten Gewaltexzess, sondern um einen Prozess. Was diese Burschen zur ausufernden, lang anhaltenden psychischen und physischen Gewalt an ihrem Mitschüler drängt, wird in der Bühnenfassung nicht ganz nachvollziehbar. 

Die inneren Vorgänge, die vielen Andeutungen, auch das Durchschimmern von sexuellem Begehren und die daraufhin noch größere Wut fallen großteils unter den Tisch. Notgedrungen. Einem jungen Publikum sind lange Monologe nicht zuzumuten, es soll ja einigermaßen rasant zugehen. Man sieht hier also Gewaltausbrüche, die eher an "Clockwork Orange" erinnern. Schläge sind zu hören, im Dunkeln ist nicht genau zu erkennen, was passiert, das macht die Situation umso grausamer. Auf der schrägen Bühne (Ulv Jakobsen) dominieren dicke Balken, die an Sichtbeton erinnern. Daneben Fauteuil und Sofa, benutzt von den Tätern. Das Opfer kniet auf dem Boden.  

Robert Musil beschreibt in seinem 1906 erschienenen Roman Vorgänge in einem k. und k.-Internat, hier ein strenges Eliteinternat. Vier Burschen in Schuluniform. Reiting (Haris Ademovic) und Beineberg (Jakob Elsenwenger) ertappen den jüngeren Basini (Robin Jentys) beim Stehlen, halten das aber geheim, um ihn bestrafen und quälen zu können. Sie nennen es „unter Kuratel stellen“, misshandeln und foltern ihn, physisch und psychisch. Törleß (Ludwig Wendelin Weißenberger) ist Zeuge, er will Basini zunächst bei der Schulleitung anzeigen, unterlässt das aber und wird zum Mittäter. Umso mehr, als ihn die Demütigung des Jüngeren seltsam zu faszinieren scheint. 
Bei Musil wird Basini am Ende entlassen, auch Törless verlässt das Internat. In „kühler Gelassenheit“, wie Musil schreibt. In dieser Bühnenfassung erfahren wir zudem, dass die Haupttäter Reiting und Beineberg später erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft geworden sein werden.

Das passt, denn es geht hier tatsächlich um Fragen nach dem Gut und dem Böse im Menschen. Letztendlich ist das auch eine Qualität dieser Aufführung: Man ist sich bewusst, dass sich die Motive der Täter nicht einfach erklären lassen, auch dann nicht, wenn man mehr Zeit hätte. Bei Musil heißt es: „Sobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam.“ 

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