Richard Price und sein "Lazarus Man"
Der mächtige Nick Nolte steht vor einer Leinwand und drischt Farbkleckse darauf, Schicht um Schicht. Dazu erklingt die Procol-Harum-Hymne „Whiter Shade of Pale“. Eine unvergessliche Szene aus dem Film „New York Stories“. Jeder, der sie gesehen hat, träumte fortan von einem New Yorker Loft.
Oder diese Szene: Paul Newmann als Pool-Profi Fast Eddie Felson versetzt den Billard-Kugeln einen exakten Stoß mit dem Köö und teilt seinem ehemaligen Schützling, dem damals noch pausbäckigen Tom Cruise, mit: „I’m back!“ Martin Scorseses Film „Die Farbe des Geldes“ als legendär zu bezeichnen, wäre zart untertrieben.
Und dann ist da „The Wire“. Eine epische Verquickung von Drogengeschäft, Medien und Politik. Die Mutter der Kultserien. „The Wire“ gilt als modernes TV-Meisterwerk und Anfang des Serienbooms, mit dem Bezahlsender wie HBO in den frühen 2000ern in den USA eine Fernsehrevolution auslösten.
Was diese medialen Geniestreiche verbindet? Ihr Drehbuchautor. Richard Price, geboren 1949 in der Bronx. Price kennt die Straßen New Yorks, wo er heute noch lebt. Er setzt ihnen immer wieder literarische und filmische Denkmäler. Etwa in seinen fantastischen Cop-Romanen „Die Unantastbaren“ und „Clockers“, letzterer verfilmt von Spike Lee.
Nichtsnutze auf der Stiege
In all diesen Filmen, Büchern und Serien spielen die „Brownstones“ eine zentrale Rolle, diese meist vierstöckigen Stadthäuser aus dem 19. Jahrhundert, verkleidet mit braunem Sandstein, zu finden in Harlem und Brooklyn. Auf den Stufen davor sitzen oft Nichtsnutze herum und hecken Unfug aus. Das tun sie auch in „Lazarus Man“, dem neuen Roman von Richard Price. Er spielt in East Harlem, früher als „Crackistan“ bekannt. Als der Roman einsetzt, 2008, ist das hier immer noch keine Gegend, in der Mütter (Väter sind meist nicht da) ihre Söhne gern zum Spielen rausschicken. Das Risiko, in irgendeine Sache verwickelt zu werden, ist groß. Vielen geht’s mies. Der eine oder andere fingiert schon einmal einen Überfall für Kost und Logis im Gefängnis und Onkel Malik vom Eckladen „Eat & Run“ überlegt sich zweimal, ob er sich aufregen soll, wenn einer die Zeche nicht zahlt. Das Risiko ernsthafter Zores wäre groß. Zugleich aber gilt: Leben und leben lassen. Dass der „minderbemittelte Riese“ Bobby, der „Trottel des Viertels“, morgens herumjault und alle aufweckt, nimmt man hin. „Man verurteilte niemanden, weil er so und so gestrickt war.“
Lebend begraben
Als eines dieser Brownstone-Häuser zusammenkracht, glauben manche an ein Verbrechen. Detective Mary Roe fühlt sich an 9/11 erinnert. Damals hat sie im Leichenschauhaus Opfer identifiziert. In der Arbeitspause hat sie eine wildfremde Frau weinend umarmt. Sie wurde ihre „Sis“. Dabei ist Mary ziemlich hart gesotten. Mary Roe macht sich auch jetzt wieder auf die Spur der Opfer und der Vermissten und irgendwas kommt ihr merkwürdig vor an diesem Mann, der 36 Stunden nach dem Einsturz so gut wie unversehrt aus den Trümmern geborgen wird.
Anthony Carter, 42, ehemaliger Lehrer, hat einige Drogenprobleme, ein schwieriges privates und insgesamt ein eher patschertes Leben. Die Mutter war schwarz, der Vater weiß, er selbst sein Leben lang in der Identitätskrise. Als man Anthony in den Trümmern findet und fragt, ob er die Augen öffnen könne, fürchtet er „in einer Welt voller Sorgen zu landen“. Wie er unter den Schutthaufen dieses Hauses geraten ist, weiß er nicht mehr, aber man sagt ihm: „Gott muss Sie lieben“. Er wird eine lokale Berühmtheit, tritt in einer TV-Show auf und wird Redner, etwa bei Calvin, der ein Förderprogramm für Jugendliche organisiert. Auch Royal, der ein heruntergekommenes Beerdigungsinstitut betreibt, engagiert den „verschütteten Typen“, der so ergreifend von seinem „Geschenk der zweiten Chance“ spricht. An den Umständen der Wiederauferstehung dieses Lazarus alias Anthony mögen manche Zweifel haben, doch seine Geschichte wird höchst authentisch geschildert und an dem Satz „es geht nicht um Unglück, sondern darum, wie man mit dem Unglück umgeht“, ist was dran.
Die Mama von Prince
Rund um den gewinnenden Anthony und die spröde Polizistin Mary, die nicht nur Vermisste finden, sondern auch ihr Privatleben ordnen muss, zeichnet Richard Price ein vielschichtiges Porträt eines durchwachsenen, in vieler Hinsicht aber liebenswerten Viertels. Als routinierter Drehbuchautor weiß er mit Tempo, Spannungsaufbau und Lokalkolorit so umzugehen, dass man beim Lesen jede Szene vor Augen hat. Nebenfiguren wie die 1 Meter 80 große Frau, die alle „die Mama von Prince“ nennen, oder der arglose Straßenfotograf Felix, der das wenige Geld, das er hat, verschenkt, wachsen einem ans Herz.
Price stattet seine Protagonisten mit viel Hintergrund aus. Er erzählt mit Genauigkeit und Liebe vom New Yorker Straßenleben. Und mit viel Humor. In den Seitensträngen stecken köstliche Minidramen. Etwa die Geschichte, als Bestatter Royal Schauspielschüler einen Horrorfilm bei sich drehen lässt. Sie gehen ihm dann so auf die Nerven, dass er ihnen mit einem plötzlichen Sprung aus einem Sarg einen Riesenschreck einjagt.
Dieser Royal wäre einen eigenen Roman wert.
Richard Price:
„Lazarus Man“
Übersetzt von Henning
Ahrens.
S. Fischer,
400 Seiten.
27,95 Euro