Credit: Alan Aldridge. Honorarfrei bei Namensnennung. The Beatles Illustrated Lyrics, 'Revolution' 1968 by Alan Aldridge

© © Iconic Images, Alan Aldridge

Jugendkultur
10/16/2016

Revolution oder anpassen? Freiheit!

Eine großartige Ausstellung in London zeigt die 1960er-Jahre, ein Buch kritisiert die heutige Jugend.

von Helmut Brandstätter

Leicht und locker bewegen sich die grauen Haare hin und her, wenn Omas den Rhythmus spüren. "You say you want a revolution", die Beatles rocken im Kopfhörer, das weckt Erinnerungen, dazu haben sie auch früher getanzt. Damals, in den 1960er-Jahren, war das normal, heute schauen die Enkerl ungläubig auf ihre Großmütter, mit denen sie die Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum besuchen.

Die Schau ist deshalb so genial, weil kein Besucher gleichgültig durch die alten Hallen schlendern kann. Jedes Ausstellungsstück versetzt sofort in die 1960er-Jahre, egal, ob man damals schon dabei war oder nicht. Für die Älteren werden Erinnerungen wach, die Jungen versuchen, eine Zeit zu verstehen, über die sie schon öfters gehört haben, die sie sich aber nicht vorstellen können.

Der Kopfhörer weiß durch Ortung per Funk genau, wo der Besucher sich befindet, und informiert über politische Zusammenhänge oder unterhält mit Musik, die zu den Objekten passt. Knapp vor Schluss laden große Polster zum Niederlegen auf einer Wiese ein, so soll ein bisschen Woodstock-Feeling entstehen, wenn der Film über das Festival im Sommer 1969 die riesigen Leinwände und Lautsprecher bespielt.

Jimi Hendrix überlebensgroß, das war er in seinem kurzen Leben ja auch, vor allem als er die Nationalhymne "Star-Spangled Banner" so verfälschte, dass der Krieg in Vietnam durch Bombengeräusche auf der malträtierten Gitarre präsent wurde. Für die New York Times war das später "der größte einzelne Moment der 60er-Jahre." Im selben Raum erklärt es ein Spruch des Folk-Sängers Richie Havens, der in Woodstock "Freedom" sang, ganz einfach: "Es geht um Freiheit, danach haben wir immer gesucht."

Die Welt verändern

Worum ging es in den 1960er-Jahren wirklich? Um Freiheit, Vietnam, Sex, Musik? Um das alles und außerdem ein ganz anderes Leben. Museumsdirektor Martin Roth schreibt in dem farbenfrohen und tiefgründigen Bildband: "Ich lebte 1970 als Teenager in Deutschland und wollte, wie die meisten jungen Leute, die Welt verändern."

Bernhard Heinzlmaier hat in den 1980er-Jahren in Wien studiert, wurde bei den Sozialistischen Studenten politisiert und lebt heute als Jugendforscher in Hamburg. Wer nach dieser fröhlichen Londoner Ausstellung Heinzlmaiers neues Buch "Anpassen, mitmachen, abkassieren" liest, spürt noch intensiver die Wut eines Mannes, der zu jung für einen 68er und zu ungeduldig für die heutige Jugend ist. Freilich, Heinzlmaier beschimpft vor allem gnadenlos die sogenannten Eliten, die sich Staat und Wirtschaft aufteilen, aber dabei gehen ihm vor allem die junge Leute auf die Nerven, die sich alles gefallen lassen, anstatt sich einzumischen.

Egozentrische Elite

Heinzlmaier über das Funktionieren von Gesellschaft und Eliten: "Die Milieus der Ober- und Mittelschichten passen sich der Kultur der Unaufrichtigkeit opportunistisch an, integrieren sie in ihr persönliches Verhalten und lügen in ihrem Berufs- und Privatleben zum eigenen Vorteil, dass sich die Balken biegen." Die politischen Parteien sind für Heinzlmaier einfach kaputt, "geistig-ideologische Senioren der Gegenwartspolitik." Die Wiener Grünen wiederum "mussten gar keine Entwicklung von links nach konservativ-bürgerlich durchmachen, denn sie waren schon immer im Konservativismus zu Hause."

Das Schlimmste sind für den Jugendforscher die "auf den Geldbeutel fixierte Bourgoisie" und Manager: "Das Business-Volk trinkt erstaunlich viel, selbst Frauen, meist bürgerlicher Herkunft oder zumindest mit ein paar vestimentären Symbolen der Bürgerlichkeit aufgehübscht, gehen nicht ins Bett, bis sie nicht vier bis acht Gläschen Prosecco oder Wein in sich hineingekippt haben."

Ursprung 1960er-Jahre

Heinzlmaier polemisiert aber auch gegen "Rechtspopulisten mit ihrer Sündenbockideologie", gegen Fußballfans, Religionen, Yoga-Gläubige, und Internet-Poster. Seine Wutausbrüche lesen sich manchmal witzig, gehen aber wohl deshalb nicht tief genug, weil die Analyse strikt marxistisch-materialistisch aufgebaut ist.

Die 1960er-Jahre waren so vielfältig und wirken bis heute, das macht die Ausstellung bewusst. Die jungen Leute gingen vielleicht nicht mehr mit ihren Eltern in die Kirche, aber gerade damals folgten sie esoterischen Bewegungen und suchten Drogen zur Erweiterung des Bewusstseins. Die chemische Droge LSD wurde erst 1966 verboten, sie führt zu Halluzinationen, nicht zu politischem Engagement. John Lennon wird hier zitiert, dass er schwört, mit dem Text für "Lucy in the Sky with Diamonds" niemals LSD verherrlicht zu haben. Er habe sich damals auf eine Zeichnung eines dreijährigen Freundes seines Sohnes Julian bezogen.

Das macht die 60er-Jahre eben aus: Dass sich in kurzer Zeit alles verändert hat und dass alle auf ihre Art bei Veränderungen mitmachen konnten. Folk-Sänger Pete Seeger sang schon 1962 das Lied von den "Little Boxes", von den kleinen Schachteln, die zwar alle verschiedene Farben haben, wo aber alle hinein müssen, egal ob sie Manager, Anwälte oder Ärzte sind. Sie glauben zwar, sie hätten ein freies Leben, sind aber nur Inhalt von bunten Schachteln. Aus diesen Schachteln wollten nun die Jungen hinaus, ihren eigenen Weg gehen, zu den linken "Students for a Democratic Society", zum Baghwan, zur Anti-Vietnam-Bewegung, oder einfach nur dorthin, wo es gute Musik gab, die die Eltern ganz sicher grässlich finden würden.

Das, was dann zur Rock-Musik wurde, basierte auf der afro-amerikanischen Subkultur, dem Blues, Jazz und Folk. Die Gruppen fanden sich in Kalifornien, in San Francisco und Los Angeles, aber auch in England. Die Tournee der Beatles im Jahr 1964 hatte Einfluss auf die amerikanischen Künstler. Die Texte waren oft politisch, Joan Baez wurde zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Oder sie waren esoterisch, die Beatles gingen 1968 zum Guru Maharishi nach Indien. Auch hier fand jeder die große Freiheit, wie in der Mode: Was gefiel, war akzeptiert. Neu musste es sein, und anders.

Das ist wohl die Einmaligkeit der 1960er-Jahre: Jeder konnte seine kleine Welt nach seinem Belieben verändern.

Computer -Revolution

Das wird in der digitalen Welt noch komplizierter, die übrigens auch in den 1960er- Jahren ihren Ursprung hat. In der Londoner Schau wird die erste Computermaus ausgestellt, sie hieß: "X-Y position indicator for a display system". Eine Holzschachtel, entwickelt im Jahr 1968 von Douglas Engelbert.

"Die beste Art, die Zukunft vorherzusagen, ist sie zu erfinden". Das Zitat des Computerpioniers Alan Kay steht in der Victoria and Albert Hall wie eine Aufforderung am Ende der Schau: Leute, mischt euch ein, glaubt nicht, was euch vorgesetzt wird. Oder, wie Richie Havens auch heute sagen würde: "Es geht um Freiheit." Die muss jeder für sich identifizieren und finden.

Zum Buch:Manchmal kann man bei Bernhard Heinzlmaiers Buch „Anpassen, Mitmachen, abkassieren“ sogar lachen, etwa wenn er die Teilnehmer von Business-Seminaren mit Yoga-Kursen, Sackhüpfen und Alkohol-Exzessen karikiert. Sonst ist sein Buch zwar analytisch, aber auch depressiv.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.