Kultur
07.03.2012

Resetarits: Jenseits aller Wutbürger-Moden

Trotz des Namens "Un Ruhe Stand": In Lukas Resetarits' 24. Soloprogramm geht es recht gemütlich zu. Premiere war am Dienstag im Wiener Stadtsaal.

Da kann man noch so sehr versuchen, höflich zu sein: Der alte Mann will und will sich nicht den Vortritt geben lassen. Wie auch – es ist das eigene Spiegelbild: Lukas Resetarits kann es nicht glauben, dass er alt geworden ist.

Und machte daraus sein 24. Soloprogramm. Das Altern eröffnet gänzlich unerahnte Möglichkeiten. Da wäre etwa der Doppelkinn-Hautlappen: aus diesem könnte man doch einen Eigenhauthandschuh machen, sinniert Lukas Resetarits. Oder ein Brillenetui.

Im Nasenhaarzelt ist es wohlig warm

Das Altern birgt aber auch so manche Gefahr. Aufgespritzte Lippen und rundherum glattgebügelte Falten – dank dieser Kombination schaut so manche ältere Mitbewohnerin zunehmend aus wie eine "weggeworfene Sexpuppe". Männer fortgeschrittenen Alters hingegen können sich in jenes Ganzkörperzelt zurückziehen, das ihnen nach und nach durch die Nasen- und Ohrenhaare erwächst.

Trotz des Namens: In Lukas Resetarits’ 24. Soloprogramm, "Un Ruhe Stand" (Premiere war am Dienstag im Stadtsaal in Wien), geht es recht gemütlich zu. Man trifft einen Altmeister unter den Kabarettisten wie einen guten Freund, der ein paar neue Anekdoten mitgebracht hat – die zwar noch nicht immer perfekt sitzen, jedenfalls aber ganz ähnlich sind wie die bisherigen. Was ja wiederum auch gut ist, weil deshalb mag man einander schließlich.

Generalthema ist das Altern, aber es geht um alles Österreichische: um die Zeit, als die Postbeamten einen noch zu Hause abholten, wenn ein Anruf im Amt wartete. Ums Heute, wo man dank Handy immer erreichbar wäre – wenn nur jemand anrufen würde. Um den 100.000 Euro-Schein, der heimliche Geldtransporte für die Schwiegermama um so vieles leichter machen würde. Um die Exkursion der FPÖ zur beinharten Kontrolle tschetschenischer Würstelstände. Um die Angst, sich im Whirlpool die Beulenpest zu holen.

Wutbürger-Mode

65 wird Resetarits heuer, doch selbst im gesetzlichen (Un-)Ruhestandsalter hat sein Programm glückhaft wenig mit der grassierenden Wutbürger-Mode zu tun. Resetarits hat auch jetzt noch keinen selbstgerechten, spätberufenen Zorn parat, keine einfachen Lösungen für die Probleme des Landes. Obwohl sich ja eh vieles von selbst erledigt: Die heimischen Häuslbauer müssen sich nun nicht mehr vor dem kommunistischen Einmarsch fürchten. Und wenn man vor lauter Gedanken (können Windräder als Riesenventilatoren die Erderwärmung verhindern?) eh nicht einschlafen kann, ist senile Bettflucht auch nicht mehr so schlimm.
So rappt Resetarits und singt dann – Sparpaket! – einen Blues mit nur einer Note. Lässt die Gastarbeiter von einst als Pensionisten auf dem Bankerl sitzen und über den Zuzug der neuen Ausländer raunzen. Und überlegt zum Schluss, ob es sich noch auszahlt, einen neuen Zehnjahreskalender zu kaufen. Langer Applaus.

KURIER-Wertung: **** von *****