Hast du im Krieg jemanden erschossen, Papa?

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Foto: www.corn.at / Deuticke Verlag/René Corn/Deuticke Verlag Sein Vater starb, als er zwölf war: René Freund, geboren 1967

Ein überraschend entdecktes Tagebuch führt zu "Mein Vater, der Deserteur".

Folgendes wird passieren: Der Autor wird von der notwendig gewordenen neuen Kücheneinrichtung im Almtal, wo er wohnt, erzählen: welches Chaos da herrscht beim Umbau.

Und dadurch wird er auf den D-Day zu sprechen kommen: auf den Organisationsaufwand, damit 150.000 alliierte Soldaten in der Normandie landen konnten.

Danach wird er dem Ärger Luft machen: Wenn man so viel Aufwand beim Töten zu leisten vermag – warum kann man nicht versuchen, allen Menschen Essen zu geben?

Der Schriftsteller und, zur Otto-Schenk-Zeit, Dramaturg des Theaters in der Josefstadt René Freund ist naiv.

Erfreulicherweise ist er das. Mit Hirn scheint gar nichts mehr weiterzugehen.

Anlass für sein Buch ist das Kriegstagebuch seines Vaters Gerhard Freund (Österreichs erster Fernsehdirektor), das er Jahrzehnte nach dessen Tod gefunden hat. Vater war desertiert. Im Kampf um Paris versteckte er sich, die Résistance hätte ihn später fast umgebracht.

Nie war darüber zu Hause geredet worden. Und auch diese Frage wurde nie gestellt: "Hast du jemanden erschossen, Papa?" (In welcher Familie wurde sie?)

"Mein Vater, der Deserteur" verarbeitet das neue Wissen um die Geschichte als Dokumentation und Erzählung inkl. Spurensuche in Paris und Gedanken zu Pazifismus und der überfallsartigen Feststellung: Das Beste, was ein Vater für seinen Sohn tun kann, ist zu sterben. Harter Stoff.

René Freund hat das Buch für sich geschrieben; uns lässt er mitlesen. Danach sollten wir unbedingt am eigenen Buch (weiter)schreiben.

KURIER: Warum haben Sie Ihre Familiengeschichte nicht in einem Roman verpackt?

René Freund: Ich wollte es nicht, und ich war mir – obwohl ich es ganz am Anfang überlegt habe – ganz sicher, dass ich es nicht will.

buch… Foto: /buch René Freund: 'Mein Vater, der Deserteur' Deuticke. 208 Seiten. 19,50 Euro. Präsentation 28. Oktober, Atelier 'Rahmen Bilder Spiegel', Zimmermanngasse 8, 1090 Wien. Weil?

Weil ich dieser Geschichte nichts Fiktionales hinzudichten wollte. Es ist die sehr persönliche Geschichte meiner Familie, gestützt auf viele Dokumente, und für mich wäre es fast eine Art Verrat gewesen, diesen authentischen Erzählungen Versatzstücke aus dem Repertoire des Romanautors hinzuzufügen und sie dadurch zu verändern.

Haben Sie sich durch den tiefen Blick in die Familie verändert?

Ich kann den Eltern und Großeltern viel mehr Verständnis entgegenbringen. Die Arbeit hat mich milder gestimmt. Andererseits auch wacher und aktiver gemacht: Der Krieg ist die Urkatastrophe der Menschheit. Wir müssen Nationalisten daran hindern, einen neuen anzuzetteln. Wir müssen Kriegsflüchtlingen helfen. Und wir müssen es schaffen, die Produktion von Kriegswaffen weltweit zu verbieten.

KURIER-Wertung:

(kurier) Erstellt am
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