Renate Welsh im Kino: Als das Ich seine Worte wiederfand
Sprachlosigkeit, hatte sie oft gedacht, muss das Schrecklichste überhaupt sein. Und dann hat sie die Sprachlosigkeit selbst ereilt.
Die Schriftstellerin Renate Welsh hat nach einem Schlaganfall im Sommer 2021 das Sprechen verloren und mit den Worten das Ich. „Ich hatte gar keine Worte. Und indem ich keine Worte hatte, hatte ich kein Ich. Ich ohne Worte gab es nicht. Es war ein Gehen auf völlig schwankendem Boden“, erzählt Renate Welsh im Gespräch mit dem KURIER.
Welsh hat die Sprachlosigkeit in ihren Büchern und Schreibwerkstätten immer zum Thema gemacht. Ohne zu wissen, wie persönlich dieses Thema für sie selbst einmal werden sollte.
Der Dokumentarfilmer Martin Nguyen begleitet die 87-jährige Wienerin in seinem einfühlsamen Porträt „Renate“ (ab 13. 2. im Kino) zurück zur Sprache und zu sich selbst. Der Film folgt Renate Welshs Leben von ihrer Kindheit voller Schuldgefühle am frühen Tod der Mutter bis zu ihrer literarischen Arbeit mit Christine Nöstlinger und Mira Lobe. Er begleitet sie in ihre Schreibwerkstätten für sprachlose Außenseiter, wo sie Obdachlosen oder Bergbäuerinnen hilft, ihre eigene Stimme zu finden. Und er zeigt, wie Renate Welsh selbst damit ringt, ihre Stimme wieder zu finden.
„Ich wollte nicht nur die öffentliche Renate Welsh zeigen, die sich zurückgekämpft hat, die wieder lesen und sprechen kann. Erst durch die Anstrengung sieht man, was für ein Weg das war, von wo sie losgegangen ist. Ich wollte auch die verletzliche Renate zeigen. Da merkt man erst, was für eine Stärke sie hat“, sagt Martin Nguyen.
Renate Welsh hatte mit den Verwüstungen, die der Schlaganfall in ihrem Hirn hinterlassen hatte, schwer zu tun. Sie schreibt darüber in ihrem 2023 veröffentlichten Roman „Ich ohne Worte“. Sie musste befürchten, das Wüten des Schlaganfalls habe viel gelöscht. In ihren Gedanken tauchten Sätze von Kindern auf, die sie einst im Spital betreut hat. „Ich hab ins Krankenhaus müssen, weil ich schlimm war.“
Kindersätze aus Kinderbriefen sind es auch, die sie zum Weitermachen ermutigen. Sie tauchen auch im Film auf. Ein Kind schreibt ihr: „Ich mag deine Bücher, weil darin so viel Platz für mich ist.“ Ein anderes schreibt: „Ich hab nicht gewusst, dass es Spaß macht, über etwas nachzudenken.“ Diese jugendlichen Liebesbezeugungen beziehen sich oft auf wegweisende, mutmachende Kinderbücher wie „Das Vamperl“.
Welsh hat noch viel mehr geschrieben. Wie schwierig es ist, ihren Büchern Genrebegriffe überzustülpen, zeigt etwa der Roman „Johanna“ über ein uneheliches Kind, das als Magd auf einem Bauernhof arbeitet. Sie erzählt darin ein Kinderleben in den 1930er-Jahren vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus. Ist das ein Kinderbuch? Ein „Erwachsenenbuch“? Renate Welsh sagt im Film: „Ich weiß nicht, was der Unterschied zwischen einem Kinderbuch und einem richtigen Buch ist.“
In der Filmdoku sieht man auch: Langsam hat sie immer schon gesprochen. Denn, sagt sie zum KURIER: Mit Sprache muss man behutsam umgehen, Worte wollen gut überlegt sein. „Mit Worten kann man Ziegelsteine machen und mit Ziegelsteinen kann man Häuser bauen. Man kann mit ihnen aber auch Fenster einwerfen.“
So sehr Renate Welsh die Bedeutung von Sprache unterstreicht, so wenig will sie von der eigenen Bedeutung wissen. Dass ein Film über sie gedreht werden sollte, war ihr rätselhaft. Als Regisseur Nguyen mit seiner Idee auf sie zukam, dachte sie zunächst: „Aber wirklich nicht! Doch Schreibende haben alle eine gewisse Eitelkeit. Martin hat ja zuvor den Dokumentarfilm ,Herr Doktor geht‘ über meinen Mann (Allgemeinmediziner Shiraz Rabady, Anm.) gemacht, der der uneitelste Mensch ist, den ich kenne. Ich bin relativ uneitel, was Schriftstellerei betrifft, aber ein gewisses Maß an Narzissmus hat jeder, der sich auf irgendeine kulturelle Tätigkeit einlässt. Ohne die würde man etwas Handfesteres tun. Ich hab jedenfalls den Film, den der Martin über meinen Mann gemacht hat, angeschaut und war beeindruckt, wie unaufdringlich er ist.“ Das lässt sich auch über den Film „Renate“ sagen. Bei der Sichtung der Rohfassung dachte sie noch: „So viel Ich ist nicht auszuhalten. Wie kann man das anderen zumuten?“
Liebe Renate Welsh, keine Sorge. 82 Minuten Renate Welsh sind auszuhalten. Mehr noch: „Renate“ ist ein beglückendes Filmerlebnis. Die Welt braucht solche Filme jetzt.