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Kultur
07/03/2019

Reichenau: So ist "Eine blassblaue Frauenschrift"

Kritik: Ein Auftakt mit einem Abschied und Gedenken an einen ganz Großen bei den Festspielen.

Gedenken an den unvergleichlichen Peter Matić, der bei der Eröffnungsproduktion der diesjährigen Festspiele Reichenau den Minister in der Bühnenadaption von Franz Werfels Erzählung „Eine blassblaue Frauenschrift“ hätte spielen sollen. Zehn Tage vor der Premiere ist Peter Matić aber überraschend im Alter von 82 Jahren verstorben; mit einer kurzen Ansprache würdigte das Intendanten-Ehepaar Renate und Peter Loidolt den singulären Schauspieler.

Doch das Leben am Theater geht weiter – so wäre es wohl auch im Sinne von Peter Matić gewesen. Mit Thomas Kamper wurde kurzfristig ein Ersatz gefunden, und so konnte diese „Blassblaue Frauenschrift“ doch plangemäß über die Bühne gehen.

Zwischen den Zeiten

Nach der Dramatisierung durch Hermann Beil und Vera Sturm im Jahr 2002, hat diesmal Nicolaus Hagg diesen Werfel adaptiert – und das auch richtig gut. Denn Hagg setzt auf viele Kunstgriffe, spielt gekonnt mit Zeitebenen, liefert aber auch immer die historischen Bezüge mit.

Denn immerhin ist das Geschehen rund um den opportunistischen Sektionschef Leonidas, der es sich dank seiner Heirat mit der reichen Amelie Paradini gut im Leben eingerichtet hat, im Jahr 1936 angesiedelt, also knapp vor der Auslöschung Österreichs. Darauf Hagg Bezug, indem er die Figur von Amelies Bruder Paul (Alexander Rossi spielt ihn sehr smart) als männliche Kassandra dazu erfunden hat.

Im Zentrum der von Julian Pölsler im 30-er-Jahre-Bühnenbild von Peter Loidolt dekorativ in Szene gesetzten Handlung steht aber natürlich Leonidas, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere von einer alten Liebschaft eingeholt wird.

Zwischen den Zeilen

Joseph Lorenz gibt diesem von Lebenslügen geplagten Karrieristen mit unglaublicher Präsenz, zeichnet virtuos das Porträt eines selbstverliebten Gecken, der mit all seinen Lügen und Ränken ganz charmant durchkommt. Beeindruckend, wie Lorenz mit sprachlichen Nuancen jongliert, wie er diesen selbst ernannten „Seiltänzer des Lebens“ zwischen den Zeilen in all seinen Facetten zeigt. Das ist große Schauspielkunst!

Aber Lorenz hat auch tolle Partnerinnen und Partner: Stefanie Dvorak etwa als einst brutal abservierte Ex-Geliebte Vera Wormser, die in Rückblenden ganz das verliebte Mädel sein darf, die in der Wiederbegegnung mit Leonidas zu herrlich-lakonischer Verbitterung findet.

Eine starke Leistung, nach der man umso mehr bedauert, dass Dvorak in den Plänen des neuen Burgtheaterdirektors Martin Kušej gar keine Rolle mehr spielt.

Dritte im Bunde ist Fanny Stavjanik als „ihrem“ Leonidas bedingungslos ergebene Amelie, die ihre Figur mit Noblesse und einer feinen, wohl dosierten Prise Überspanntheit ausstattet.

Erdig hingegen verkörpert Peter Moucka den national(sozialistisch) gesinnten Hofrat Skutecky: Eine erbärmliche, weil nach oben buckelnde, nach unten tretende Beamtenkreatur, von der trotz aller Jovialität stets Gefahr ausgeht. Wie auch Einspringer Thomas Kamper dem Minister Vinzenz Spittelberger die erforderliche blasierte Schleimigkeit verleiht. Allesamt sind sie gut gezeichnete Charaktere, die schnurstracks dem eigenen Untergang entgegengehen. Nur Leonidas wird weiterhin als Seiltänzer reüssieren.