© Otto Müller Verlag

Kultur
12/05/2011

Reichart: Als noch der Voest-Wind wehte

Die Nachkriegsjahre im Schatten des Linzer Stahlwerks. Einsam waren die Kinder der stolzen "Voestler" und völlig durcheinander.

von Peter Pisa

Journalisten und Schüler sind arme Hunde. Wenn sie einmal "Kind" oder "Mädchen" schreiben, sind sie dem folgenden "es" ausgeliefert. Das Mädchen weinte. ES hatte Hunger.
Hässlich ist das.

Die oberösterreichische Schriftstellerin Elisabeth Reichart muss sich darum nicht kümmern und tut es nicht. "Das Mädchen" wird im nächsten Satz zu "sie", weil Mädchen keine Sachen sind. Bei manchen Erwachsenen könnte man eher darüber reden.

Authentisch

Das fällt auf zu Beginn von "Die Voest-Kinder" , weil dem namenlosen Mädchen die Fantasie durchgeht. Drachen, Kobolde ... das strengt an. Da entfernt man sich vorübergehend beim Lesen und kümmert sich um"sie" und "es".

Reichart ist auch Historikerin. Sie weiß Bescheid über die 1938 als "Hermann Göring Werke" gegründete Voest und über die KZ-Häftlinge, die dort Kriegsgerät bauen mussten.
Sie hat sich trotzdem entschieden, aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, dessen Vater in den 1950er-, 1960er-Jahren "Voestler" war.
Das ist "konsumierbarer".
Authentisch wird es dadurch auch, weil Elisabeth Reichart selbst "Voest-Kind" war. Und zum Kotzen ist es so und so.

Damals, also bald nach dem Krieg, sagte man zu schlecht gestopften Zigaretten, die brennen "wie ein Jud". Und für die Roma, die überlebten, wurde noch immer (schon wieder) Hitler herbeigesehnt. Sie hausten in Baracken neben der Siedlung, die von der Voest für die Familien ihrer Arbeiter angelegt wurden.

Verwirrend

Das Gemeinschaftsgefühl der "Voestler" untereinander war groß. Für ihre Kinder blieb keine Zeit. Die waren einsam.

Das Mädchen im Roman hat ein Riesendurcheinander im Kopf. Ist SIE (einmal sei es gestattet) ... ist sie ein Nazi? Das Wort schnappte sie auf, als sie drei, vier war. Die Eltern geben nie Antwort. Vater ist im Werk. Mutter muss die Wäsche vom Trocknen aus dem Garten holen, weil der schwarze Voest-Wind wieder weht.
Und der Krieg will verdrängt werden.

Schon bekommt der Rassismus neue Nahrung: Ein schwarzes Baby wird in der Siedlung adoptiert. Sein leiblicher Vater ist bei der Arbeit für die Voest in Afrika verunglückt. Auch Pfarrer und Lehrerin rufen: "Neger bringen Unglück!"

Wie kann da ein Kind lernen, sich selbst zu gehören? Das Buch wird so intensiv, dass man sich zur Erholung den Anfang zurückwünscht, den man nachträglich zu schätzen lernt.

KURIER-Wertung: **** von *****

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