© EPA/SPIKE LEE COURTESY OF BOB PETERSON & NIKE HANDOUT

Kultur
07/03/2021

Regisseur Spike Lee: "Immer mehr Weiße sagen, diese Scheiße muss sich ändern"

Der afroamerikanische Star-Regisseur wird im zweiten Anlauf Jurypräsident des Filmfestivals in Cannes. Auf Netflix kann man seinen Film „Da Five Bloods“ sehen.

von Elisabeth Sereda

Eigentlich hätte Spike Lee schon im letzten Jahr der Jurypräsident des Filmfestivals in Cannes sein sollen, doch die Pandemie kam dazwischen. Daher übernimmt Spike Lee heuer den Vorsitz des Festivals, das kommenden Dienstag startet und mit der Verleihung der Goldenen Palme endet.

Zudem läuft Spike Lees neuester Film „Da Five Bloods“ derzeit auf Netflix. Die Geschichte von fünf schwarzen Vietnamveteranen ist eine Hommage des Regisseurs an seine Vorbilder.

Ein Interview mit dem 63-jährige via Zoom aus seinem Produktionsbüro in Brooklyn.

KURIER: Das Jahr 2020 brachte eine weltweite Pandemie und Amerika zusätzlich noch Rassenunruhen nach dem Tod von George Floyd. Wie geht es Ihnen mit all dem?

Spike Lee: Erinnern Sie sich an Eric Garner, der vor sechs Jahren in Staten Island auf dieselbe Weise wie George Floyd ermordet wurde, und dann fragen Sie sich, wie viel sich wirklich verändert hat. Ich habe zu Beginn der Pandemie entschieden, nur von Tag zu Tag zu leben, und das hat sich auch nicht verändert.

Sind Sie noch optimistisch?

Ich war immer optimistisch. „Do The Right Thing“ ist ein optimistischer Film, und das war vor 31 Jahren. Es war immer so, dass sich Geschichte wiederholt hat. Was mir derzeit sehr viel Optimismus gibt, ist, dass sich die junge weiße Generation, meine jungen weißen Brüder und Schwestern, uns anschließt, mit uns auf die Straße geht. Ich finde das sehr erfreulich, dass es nicht nur schwarze und braune Menschen sind. Aber auch hier wiederholt sich die Geschichte, denn das war auch während der Bürgerrechtsbewegung der Fall, die ich als Kind miterlebte.

Was macht Sie heute noch wütend?

Wütend ist nicht das richtige Wort. Was ich erschöpfend finde, ist, wenn Weiße die Schwarzen fragen, wie wir Rassismus beenden können. Leute, das liegt an Euch. Ihr müsst Euch überlegen, wie ihr das macht. Es sind nicht wir, die euch umbringen und dann freigesprochen werden, was zur Verletzung auch noch eine Beleidigung ist. Aber wie gesagt, ich habe Hoffnung, weil es immer mehr Weiße gibt, die sagen, diese Scheiße muss sich ändern, und schwarze Leben zählen.

In „Da Five Bloods“ geht es um ehemalige Vietnamkämpfer und deren Traumata. Kannten Sie Vietnam-Veteranen?

Ich bin 1957 geboren, also war ich zehn Jahre alt, als der Vietnamkrieg begann. Alt genug, um zu verstehen, was passiert, aber zu jung, um eingezogen zu werden. Vietnam war der erste Krieg, der in die amerikanischen Haushalte übertragen wurde, ein Krieg, der im Fernsehen lief. Deshalb habe ich auch die Flashbacks von den Kriegsszenen auf Super 16 gedreht, denn so sah ich den Krieg als Kind im TV. Ich erinnere mich aufgrund des Fernsehens sehr genau an vieles, was in diesen Jahren passierte, die Ermordung von Dr. Martin Luther King, die Abdankung von Richard Nixon.

Der Film läuft aufgrund von Corona nicht im Kino, sondern auf Netflix und erreicht dadurch viel mehr Zuseher…

Ja, Gott arbeitet auf mysteriöse Weise, nicht wahr? Das war natürlich alles nicht geplant. Der Plan war, ich sollte Jurypräsident beim Cannes-Filmfestival sein und „Da Five Bloods“ sollte außerhalb des Wettbewerbs das Festival eröffnen.

Wettbewerb
Nach einem Jahr Corona-Pause eröffnet das Filmfestival kommenden Dienstag mit „Annette“ von Leos Carax. In den Hauptrollen spielen  Marion Cotillard und Adam Driver ein Liebespaar. 24 Filme laufen im Wettbewerb, darunter Paul Verhoevens  Nonnenfilm  „Benedetta“  und Wes Andersons „The French Dispatch“, in dem  Christoph Waltz mitspielt

Österreicher in Cannes
Regisseurin Jessica Hausner ist Mitglied der Jury. Zwei österreichische (Ko-)Produktionen laufen in  „Un Certain Regard“: „Große Freiheit“ des 1976 in Kitzbühel geborenen Regisseurs Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich sowie „Moneyboys“, das Langfilmdebüt des Regisseurs C.B. Yi. In der „Quinzaine des Réalisateurs“ feiert „Train Again“, der neue Film von Peter Tscherkassky, Weltpremiere   

 

Welche Vietnamfilme haben Sie inspiriert?

Ich muss mich bei meinem Bruder Oliver Stone bedanken, der einige sehr gute Filme gemacht hat. Der hat das nicht geträumt, der war dort. Und mein Bruder Francis Ford Coppola. Ich hatte gerade mein Stipendium für die NYU-Filmschool bekommen und ein Volontariat bei Columbia Pictures. Ich war zum ersten Mal in L.A. und sah dort „Apocalypse Now“. Ich war zutiefst beeindruckt – von Vittorio Storaros Kamera bis zu Walter Murchs Sound. Später besetzte ich Laurence Fishburne in „School Daze“, weil ich ihn in „Apocalypse Now“ gesehen hatte. Und Albert Hall in „Malcolm X“ aus demselben Grund. In „Da Five Bloods“ gibt es mehrere Hommagen an „Apocalypse Now“.

Gibt es für Sie noch eine filmische Herausforderung?

Um es mit meinem Helden Akira Kurosawa, der immer meine größte Inspiration war, zu sagen: Ich habe immer noch ein Universum vom Film zu lernen. Je älter ich werde und je länger ich Film studiere, desto mehr wird es zur New Orleans Gumbo, wo der Mix immer wieder ein bisschen anders ist und immer besser wird, je öfter man ihn aufwärmt. Das hat auch mein anderer Held, John Huston, immer gesagt.

Ihre Filme wurden stets aus der Sicht der Schwarzen gemacht und haben es geschafft, die Grenzen der Hautfarben zu sprengen. Gab es jemals Momente in Ihrer Karriere, in denen Sie sich übersehen fühlten?

Ich habe einige Filme gemacht, die die Leute anfangs nicht kapierten, und die erst später entdeckt wurden. „25th Hour“ war so einer, und „Bamboozled“. Und auch als ich „Do The Right Thing“ herausbrachte, gab es Kritiker, die meinten, ich würde mit dem Film Unruhen bewirken, ich würde Blut an den Händen haben. Heute gilt er als Klassiker.

Welche systemischen Veränderungen in der Politik müssen Ihrer Meinung nach in den USA geschehen?

Dieses altertümliche System der Wahlmänner muss verschwinden, das ist einfach überholt. Und es muss Restitution für 400 Jahre Sklaverei gezahlt werden, aber darüber wird jetzt wenigstens geredet.

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