Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Zum 100. Geburtstag von Peter Zadek: "Er war der Größte!"

Eine Hommage des Schauspielers und Theatermachers Paulus Manker, der mehrfach mit dem Regisseur zusammengearbeitet hat.
Regisseur Peter Zadek stützt sich nachdenklich auf sein Kinn.

von Paulus Manker

Er hat das deutsche Theater geentert wie ein Pirat. Seine Mitstreiter waren wilde, verwegene Kerle, mit todesmutigen Bräuten an ihrer Seite, mit einer gnadenlosen Suche nach Wahrhaftigkeit und Entertainment: die nackte Eva Mattes als Desdemona, die der schwarz verschmierte Ulrich Wildgruber als Othello tot über den Paravent hängt (1976 am Hamburger Schauspielhaus); Gert Voss’ militanter Shylock in der Pose eines Straßen waschenden Juden, der kniend einen Scheck ausstellt, was einen Proteststurm unter den Wiener Juden auslöste, weil sie sich plötzlich ihres geliebten Bildes vom gedemütigten Juden beraubt sahen – etwas, das sich auch nur der Jude Zadek erlauben konnte (1988, Burgtheater); Angela Winklers verhuschtes Elementarteilchen Rebekka in Ibsens „Rosmersholm“ (2000, Akademietheater); ihr juveniler Hamlet (1999, Wiener Festwochen); Jutta Hoffmann als sprachgestörte, lesbische Gräfin Geschwitz, die Sensation in Wedekinds „Lulu“ (1988, Hamburger Schauspielhaus) mit Uwe Bohm als unbeschwertem, jugendlichem Jack the Ripper, der Susanne Lothar die Eingeweide aus dem Leib reißt; und natürlich Ulrich Tukur als SS-Kommandeur Kittel in Joshua Sobols „Ghetto“ (1984, Volksbühne Berlin).

Oft waren es Nebenfiguren, die verblüfften, einem den Atem raubten. Das lag wohl an Zadeks Begabung, Zentren zu finden, wo keiner sie vermutete, oft nicht einmal der Autor selbst. Dieser Regisseur konnte manchmal sogar klüger sein als der Autor, den er inszenierte.

Mit Bruno Ganz

Anfang der 1960er-Jahre ging Zadek ans Theater in Bremen, das unter Kurt Hübner zum bedeutendsten und zugleich poppigsten Theater der gesamten Bundesrepublik wurde. Dort inszenierte er, jeweils mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, den er zu seinem jugendlichen Star heranbildete, Schillers „Die Räuber“, Wedekinds „Frühlings Erwachen“ und Shakespeares „Maß für Maß“. „Die Räuber“ im Pop-Art-Bühnenbild seines kongenialen Bühnenbildners Wilfried Minks konnten nur in samstäglichen Mitternachtsvorstellungen gezeigt werden, so radikal war Zadeks Deutung. Die Figuren waren grelle Comicfiguren, sie traten in Horrorfilm- und Western-Kostümen auf, Bruno Ganz als monströse Meerkatze mit angeklebten Riesenohren und rot geschminkten Affenlippen.

Mit Herbert Grönemeyer

Zadek führte das Theater in eine neue Zeit, als elektrisierenden Schub, der aus dem Aufbruch in die Fantasie kam, seine Bremer Aufführungen wurden zu Ikonen der deutschen Theatergeschichte.

Zadeks nächste Blüte fand 1972 – 1977 am Schauspielhaus in Bochum statt. Er inszenierte dort „Der Kaufmann von Venedig“ (ein Stück, das er insgesamt vier Mal in seinem Leben inszenierte, als emigrierter, jüdischer Junge eine Art Obsession für ihn), „König Lear“, „Frühlings Erwachen“ (mit Herbert Grönemeyer) und „Hamlet“. Bei Shakespeare fand Zadek all das, was Theater für ihn ausmachte: Schönheit und Wildheit, Horror, Obszönität und Grazie, das freie Anarchische des englischen Dramas war schon damals seine Sache.

Zadeks zweiter Lieblingsautor war Anton Tschechow, einer der ernstesten und genauesten Dichter, und einer der graziösesten dazu.

Mit Ulrich Wildgruber

In den meisten dieser Aufführungen spielte sein Lieblingsschauspieler Ulrich Wildgruber die Hauptrolle (der seine Karriere übrigens 1963 am Wiener Volkstheater begonnen hat). Später wechselte seine Liebe zu Gert Voss und Angela Winkler, die vor allem am Burgtheater seine Protagonisten waren. Sie gehörten zu Zadeks „Privatclub“ von Schauspielern, die allesamt Verrückte waren, außergewöhnliche, große, aber auch kuriose Schauspieler:innen mit überbordender Fantasie.

Mit Udo Lindenberg

1979 inszenierte Zadek eine Revue von Udo Lindenberg, wobei es ihm darum ging, mehr Theater in den Rock ’n’ Roll zu bekommen und mehr Rock ’n’ Roll ins Theater. Die Presse schäumte: „Es gibt keinen besseren Beweis dafür, wie sehr das über Jahre gehegte Misstrauen berechtigt war gegenüber einem Mann, der mit Shakespeare Schindluder getrieben hat und mit unverhohlener Genugtuung berichtet, er habe mit diesem Lindenberg zusammen Faust-Texte zur Gitarre gesungen.“

Unsicherheit von Menschen schien Zadek immer der nahrhafteste Boden von Kunst. Sogar Angst oder Misstrauen. „Der Tod der Kunst ist jede Form von Sicherheit“, das war sein Credo. Unerfüllte Pläne hat es bei ihm über Jahre gegeben, die leider nie das Licht der Welt erblickten: Uli & Uli als Faust und Mephisto. Wildgruber und Tukur, Anfang der 1990er-Jahre am Berliner Ensemble, die Fassung hätte von Heiner Müller gestammt! Tukur wäre auch Liliom gewesen, damals in Hamburg, an der Seite von Susanne Lothar. Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit Uwe Bohm stand auch auf der Wunschliste, seltsamerweise auch „Pygmalion“ mit Gert Voss als Henry Higgins.

46-223404660

Paulus Manker als Richard III. in Peter Zadeks Inszenierung an den Münchner Kammerspielen (1997). 

Mit Martin Wuttke

George Bernard Shaw überhaupt, er liebte ihn. Er sollte der Letzte sein, den er („Major Barbara“, 2009 in Zürich) noch inszenierte. Und Martin Wuttke als Kowalski in „Endstation Sehnsucht“ in Paris, mit Isabelle Huppert. Und nach dem Riesenerfolg von „Lulu“ 1986 in Hamburg wollte Zadek das Stück in London noch einmal machen, mit Peter O’Toole als Dr. Schön. Und natürlich Fassbinders (ein alter Freund von ihm, er hat sogar in einem Film von ihm mitgespielt) antisemitisches Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, und Zadek meinte dazu: „Das Interessante an dem Stück ist die Frage, ob man mit Antisemitismus leben kann, ich meine nicht als Jude, sondern als Deutscher.“

Kein österreichischer Autor

Auch den Juden Arthur Schnitzler hätte ich gern von ihm inszeniert gesehen, ich habe es ihm mehrfach vorgeschlagen, aber immer nur ein mitleidiges Lächeln von ihm geerntet. Einen österreichischen Autor hat er überhaupt nie inszeniert.

Um eines ist mir besonders leid: 2000 machten wir „Richard III.“ und „Alice im Wunderland“ an den Münchner Kammerspielen. Beim Gastspiel bei den Wiener Festwochen wollte er eine Vorstellung von „Richard III.“ in den Kostümen von „Alice“ spielen lassen, mit Lady Anne als Alice, Königin Elisabeth als Grinsekatze und dem Kaninchen, mir, als buckligem Richard, mit riesigen Ohren, Pelz und Höcker. Ewig schade.

Kein Griff an den Pimmel

Ach ja, und als wir während seiner Direktion in Hamburg 1984 bei ihm vorstellig wurden, Ulrich Tukur, Christian Redl und ich, und ihm mitteilten, wir würden gerne Genets „Zofen“ machen, und zwar ohne Regisseur und zu Silvester, da hörte er uns geduldig an, legte dann den Kopf zur Seite, wie nur er es konnte, und meinte dann freundlich: „Kinder, wenn ihr euch an den Pimmel fassen wollt, dann müsst ihr das doch nicht auf meiner Bühne tun.“

Über Peter Zadek kann man gar nicht genug schreiben, so groß, so reich, so vielfältig war sein 50-jähriges Schaffen. Seine Aufführungen ließen einem Augen, Herz und Seele übergehen. Ohne ihn will man eigentlich gar nicht mehr Theater machen. Am 19. Mai wäre der große Meister 100 Jahre geworden.

Kommentare