© APA/AFP/JEFF PACHOUD

Kultur
09/15/2021

Regisseur Oliver Stone im Interview: "Ich bin entsetzlich wütend"

Der Regisseur, der heute seinen 75er feiert, über den Fall Amerikas, die Politik der Aggression und den Vorteil davon, die Welt mit den Augen des Weltbürgers zu betrachten

von Elisabeth Sereda

Der große Billy Wilder beschrieb das Geheimnis eines guten Regisseurs in zwei Worten: „Langweile niemanden.“ Die Besten haben sich immer an dieses Mantra gehalten.

Oliver Stone, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, ist einer von ihnen. 33 Werke als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, drei Oscars – für „Midnight Express“ (als Autor), „Platoon“ und „Geboren am 4. Juli“, ist er einer der wenigen, die sich nie wiederholt haben. Der geborene New Yorker jüdisch-katholischer Abstammung wurde durch seine eigenen Erlebnisse im Vietnamkrieg genauso geprägt wie durch die Musik seiner Jugend, die Unruhen der 1960er und die Bewegungen der 1970er Jahre.

1986 drehte er zwei Filme, die ihm zum Durchbruch verhalfen, „Salvador“ mit James Woods und das noch viel berühmtere „Platoon“. Er widmete sich so unterschiedlichen Themen wie Finanz und Geiz („Wall Street“), Sex, Drugs and Rock’n Roll („The Doors“), Gewalt („Natural Born Killers“). Und er drehte eine Reihe an erinnerungswürdigen Biografien („Nixon“, „JFK“, „The People vs. Larry Flint“, „Snowden“) und Dokus, zuletzt über Wladimir Putin eine Serie, die Ende des Jahres ins Fernsehen kommt.

„Ich bin 1946 geboren, als Amerika ein sehr spezielles Land war, und ich meine das im positiven Sinn“, sagt er im KURIER-Interview. „Dann kam das Debakel des Vietnamkrieges. Ich habe die Degeneration meines Landes erlebt, in Form von militärischen Interventionen, der Gewalt und der Verherrlichung des Militärs, der Vergötterung von Geld und Macht. Ich fühle mich wie Tacitus, der über den Fall von Rom schrieb. Viele Amerikaner kapieren das nicht, sie leben in einer Blase, sind isoliert. Es erstaunt mich immer wieder wie blind arrogant ein Imperium sein kann.“

KURIER: Erkannten Sie das schon als junger Mann, als Soldat in Vietnam?

Oliver Stone: Nein, aber Vietnam hat meine Filme von Anfang an geprägt, mein Wissen und meine Erfahrung wuchsen daraus. Aber erst als ich 1990 „JFK“ drehte, begann ich wirklich die Hintergründe zu verstehen.

Die da sind?

In der Ermordung John F. Kennedys liegt die Wurzel vieler späterer Desaster, falschen politischen Entscheidungen und der weiteren Geschichte Amerikas. Wäre Kennedy nicht erschossen worden, wäre die Historie eine ganz andere. Verglichen mit dem Römischen Reich war das dasselbe wie die Ermordung von Julius Cäsar.

Was war der Auslöser für ihren Pessimismus?

Es begann sicher mit Vietnam, aber in den 1970ern sah ich eine große Veränderung. Ich dachte wirklich, das Land würde einen positiven Weg einschlagen. Aber dann kam Reagan und damit eine sehr konservative Richtung, die bis heute anhält, ganz gleich, wer Präsident ist. Es ist die Politik der Aggression.

Nicht alle Ihre Filme wurden positiv aufgenommen. Liegt das an Ihrer Vorliebe für den Außenseiter?

Ein Beispiel: ich machte „Snowden“ 2016 und das war ein sehr schwieriges Unterfangen. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich technologisch weiterbilden musste. Ich lernte sehr viel über die NSA, eine Spionageorganisation, die es seit den 1950ern gibt, und die alles an persönlichen Informationen sammelt und nun seit 70 Jahren die Leute ausspioniert. Das ist sehr George Orwell. Als „Snowden“ in den USA rauskam, interessierte es niemanden. Die meisten Amerikaner glauben bis heute, dass er ein russischer Spion ist, denn das ist die Information, die ihnen die Regierung und die Medien fütterten.

Wie erhalten Sie Ihre künstlerische Ader am Leben?

Wut. Wenn man etwas sehr stark als unethisch und falsch empfindet, dann muss man dafür ein Outlet finden. Für mich ist es Film. Ich bin entsetzlich wütend über das, was diese Gangster – ich meine damit die Politiker – meinem Land angetan haben. Meine Rache sind meine Filme, die natürlich auch unterhaltend sein müssen. Und das ist manchmal sehr schwer.

Welcher Ihrer Filme sticht für Sie persönlich hervor?

„JFK“, denn das war eine besondere Herausforderung gegenüber dem politischen System. Ich war jung genug es zu machen, ohne zu wissen, wer der Feind ist.

Was haben Sie noch vor?

Ich will noch ein großes Projekt machen, meinen Coup d’etat, wenn Sie so wollen. Die neue „JFK“-Doku ist so etwas. Eine Art Fortsetzung des Films, wo ich all die Information hineinpacke, die aufgrund des Films herausgekommen ist.

Was war das größte Geschenk Ihrer Karriere?

Ich sage immer, dass ich durch Filme zum Weltbürger wurde, dass ich die Welt nicht nur aus den Augen des Amerikaners sehe. Und ich glaube, das ist sehr wichtig.

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