"Rebecca": Das 100-Millionen-Dollar-Fiasko

"Rebecca": Das 100-Millionen-Dollar-Fiasko
Falsche Geldgeber und ihre falschen Nichten: Der Wiener Musical-Export "Rebecca" ist Teil eines gewaltigen Betruges geworden.

Das ist schon ein sehr spezieller Moment in der Geschichte von ,Rebecca"", sagte Kathrin Zechner im September 2008.

Da hatte die damalige Musical-Intendantin der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) soeben einen Vertrag mit zwei US-Produzenten unterschrieben, die "Rebecca" an den Broadway bringen wollten. Und stattdessen Opfer eines der unglaublichsten Fiaskos in der Broadway­geschichte wurden.

Ben Sprecher und Louise Forlenza hatten noch nie eine große Broadway-Inszenierung aufgestellt. Beim vergeblichen Versuch, zu den für "Rebecca" benötigten 12 Millionen Dollar zu kommen, gerieten sie an einen Mittelsmann namens Mark C. Hotton. Hotton steht nun unter Verdacht, vier Geldgeber erfunden zu haben, dafür in einem komplexen Betrugsplan eMails, Webseiten, ja ganze Firmen gefälscht und erfunden und durch diese Tricksereien das Musical zum Implodieren gebracht zu haben.

"Rebecca" wurde unter medialem Getöse ("bizarr", schrieb die sonst sehr nüchterne New York Times) abgesagt, Sprecher und Forlenza klagten den inzwischen vom FBI verhafteten Hotton und seine Frau auf unvorstellbare 100 Millionen Dollar Schadenersatz. Diese Anzeige liegt dem KURIER vor. Die Anwälte listen darin erstaunliche neue Details auf.

4,5 Millionen Dollar sollten die vier von Hotton erfundenen Geldgeber bringen. Getroffen haben Sprecher und Forlenza diese Geldgeber allerdings nie.

Nicht-Nichte

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Dafür eine angebliche Nichte eines Investors: Hotton brachte die Frau zu einem Geldgeber-Event mit. Nur: Laut Sprechers Anwälten war die "Nichte" ebenfalls eine Betrügerin, von Hotton bezahlt, um die Produzenten zu täuschen.

Auch jenen Mann namens Wexler, der im Namen des "Geldgebers" Paul Abrams (den Hotton an Malaria "sterben" ließ) mit den Produzenten Konversation führte, hatte Hotton erfunden. Sprecher hätte misstrauisch werden können, denn Hotton hat sich in seiner Konstruktion öfter vertan: Er kam mit den eMail-Adressen der falschen Investoren durcheinander. Sprecher merkte davon nichts.

In zunehmender Verzweiflung wollte der Produzent zuletzt sogar sein Eigenheim verpfänden, um "Rebecca" doch noch zu finanzieren. Aber auch dabei fiel er auf Hotton herein: Die Firma, die die Zwischenfinanzierung gewähren sollte, war ebenfalls erfunden. Auch hier soll Hotton einen Komplizen beigezogen haben, der sich als Kreditgeber am Telefon vorstellte.

Insgesamt haben die US-Produzenten an Hotton 50.000 Dollar direkt gezahlt und weitere zwei Millionen investiert, die sie laut Anzeige "sonst nicht ausgegeben hätten". Den Schaden durch die Absage beziffern sie auf "mehrere Hundert Millionen Dollar". Darunter 500.000 Dollar der VBW, auf deren Rücküberweisung man hofft.

Die Motivation von Hotton könnte aber überhaupt ganz woanders liegen: Mit demselben Konstrukt könnte er eine Immobilienfirma parallel zu "Rebecca" um 750.000 Dollar erleichtert haben, hieß es in Medienberichten.

Hotton drohen nun 20 Jahre Haft. Seine Involvierung in "Rebecca" war "gut gemeint", sagte Hottons Anwalt nach der Verhaftung.

"So einen Stumpfsinn kannst du nicht erfinden"

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Ich habe immer geglaubt, dass Wien die intriganteste Theaterstadt ist", sagt VBW-Chef Thomas Drozda zum KURIER. Bei "Rebecca" wurde er eines Besseren belehrt.

KURIER: Wie haben Sie den Niedergang von "Rebecca" erlebt?

Thomas Drozda: Uns rief der Produzent an und sagte, ein Investor ist verstorben. Das war so schlicht – Südafrika, Safari, Malaria –, dass man sich denkt: Das kann nicht gelogen sein. So einen Stumpfsinn kannst du nicht erfinden.

"Rebecca" wurde an einen Produzenten vergeben, der noch nie eine große Broadway-Show auf die Beine gestellt hat. Eine gute Idee?
Der Vertrag wurde vor fünf Jahren gemacht. Es ist nicht so, dass sich 15 Produzenten angestellt hätten. Ihn gab’s, er wollte es tun. Ich habe die Entscheidung nicht getroffen, aber ich finde sie richtig – man hatte die komplette künstlerische Kontrolle, was äußerst selten ist. Und Ben Sprecher hat große Produzenten an Bord geholt, das ,Who’s who" des Broadways.

Aber in der New York Times ist gestanden, dass die wirklichen Broadway-Größen abgesagt haben.
Klar ist, dass die mit dem Markteintritt der Europäer keine besondere Freude hatten. Aber es stimmt: Die Blockbuster-Mainstream-Investoren hatten wir nicht.

Warum haben die VBW 500.000 Dollar hineingesteckt?
"Rebecca" war in Wien eine absolute Erfolgsproduktion. Es bot sich für uns die Gelegenheit, diese am Broadway zu zeigen. Zu Beginn des Jahres war absehbar, dass die Finanzierung für unsere US-Produzenten schwer zu stemmen sein wird. Die Entscheidung war schwierig und wurde im Aufsichtsrat intensiv diskutiert.

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