© Luca Locatelli

Kultur
05/01/2020

Raus aufs Land – aber auf welches?

Architektur-Vordenker Rem Koolhaas zeigt Formen des Landlebens, die durch Corona an Aktualität gewinnen

von Michael Huber

Die Pandemie hat das Projekt gekillt und es gleichzeitig geschärft: Denn die Ausstellung „Countryside, the Future“, die der niederländische Architekt und Theoretiker Rem Koolhaas mit vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für das New Yorker Guggenheim Museum vorbereitet hatte, musste wenige Wochen nach Eröffnung wieder schließen.

Das etwas unübersichtliche, aber höchst lesenswerte Begleitbuch lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass Koolhaas einmal mehr seinen Finger an wichtigen Zeitphänomen hat – und dass diese in der Post-Corona-Ära noch an Brisanz gewinnen werden.

Landleben 2.0

Es geht da etwa um die Frage, wie auch Länder ohne große Anbauflächen künftig Ernährungssouveränität erlangen können. Es geht darum, von Landflucht geprägte Regionen wieder zu Lebensräumen zu machen. Wobei nicht so sicher ist, ob die Landbevölkerung von morgen sich eher aus Menschen oder aus Robotern zusammensetzen wird.

Der Slogan „Countryside, the Future“ (Das Land, die Zukunft) ist mittlerweile schon in Immobilienanzeigen aufgetaucht, die begüterten Städtern, die sich durch einen Umzug aufs Land den Mühen des urbanen Distanzhaltens entziehen wollen, Liegenschaften im Grünen anbieten. Ein Missverständnis: Die Land-Visionen, die in Koolhaas’ Buch als Fallstudien versammelt sind, liegen weit von jenen Idyllen entfernt, wie sie auch Lifestyle-Sender oder Marketingkampagnen für Agrarprodukte beschwören. Es sind aber auch keine tristen Nicht-Orte: Das Land, so macht das Buch klar, ist heute ebenso ein Ort der Technologie und Innovation wie die Stadt, mit vielen Mischformen, Vor- und Nachteilen.

Techno-Bauern

Die Niederlande, die trotz ihrer Kleinheit und Bevölkerungsdichte als zweitgrößter Exporteur von Agrarprodukten weltweit gelten, sind nicht zufällig Ausgangspunkt der Erkundungen. Unter bis ins kleinste Detail regulierten Bedingungen wird hier etwa Kresse als maßgeschneidertes „Superfood“ gezüchtet, ohne Gentechnik und Kunstdünger, aber mithilfe maximaler Automatisierung (siehe Bild oben). An der Universität von Wageningen, die als Vorreiter in Sachen agrotechnischer Innovation gilt, suchen Forscher das sogenannte „Pixel Farming“ voranzutreiben: Es ist eine Form der Mischkultur, in der aber die Zusammensetzung von Pflanzen und Böden auf digitalem Weg, oft mithilfe künstlicher Intelligenz, optimiert wird.

Interessant ist dabei der Umstand, dass ländliche Zukunftsrojekte in „Countryside, the Future“ aus einer Perspektive angegangen werden, die bisher das Zusammenleben von Menschen im urbanen Raum im Fokus hatte.

In seiner Studie „Delirious New York“ (1978) prägte der spätere Pritzker-Preisträger Koolhaas den Begriff von der „Kultur der Verdichtung“ für das Schauspiel von Mensch und Technik, das sich in den Straßen Manhattans ebenso entfaltete wie im Vergnügungspark von Coney Island.

Im „Harvard Design School Guide to Shopping“ (2001) richteten Koolhaas und Mitstreiter den Blick auf Einkaufszentren und andere Orte, an denen sie urbane Aktivität, aber auch Raumverschwendung konstatierten – der Begriff „Junkspace“ blieb ein geflügeltes Wort.

Urbanismus für Pflanzen

Es ist daher nicht überraschend, wenn Koolhaas nun die Methode des „Pixel Farming“ als „Urbanismus für Pflanzen“ bezeichnet und in einem anderen Kapitel mit Staunen und Abscheu das „Tahoe Reno Industrial Center“, kurz TRIC, besichtigt.

In diesem 433 Quadratkilometer großen Areal haben viele US-Giganten Lagerhäuser, Tesla baute hier eine Fabrik namens „Gigafactory“, Google ein riesiges Rechencenter. „Von der Dimension her ist es eine Metropole, von der Bewohnerzahl ein Dorf“, schreibt Koolhaas – und in Sachen Architektur ein „Nichts, ohne Symptome von Humanismus“: Auch so sieht Landleben anno 2020, im Jahr der extremen Distanzierung, aus.

An anderer Stelle besichtigt der FAZ-Redakteur Niklas Maak Dörfer in Europa – etwa in Süditalien, wo Flüchtlinge Leben in alte Mauern zurückbrachten und Ex-Bewohner zur Rückkehr motivierten. Oder in Frankreich, wo Menschen, die (noch vor Corona) vor überbordender Kontrolle aus Städten flohen, neuartige Kommunen gründeten. Einen Fahrplan in die Zukunft ergibt das nicht. Wohl aber eine Anregung, abseits des üblichen Stadt-Land-Gegensatzes über neue Arten gesellschaftlichen Lebens nachzudenken.

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