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Interview
05/03/2021

Rapper Cro macht Pause vom deutschen Ich

Der als Carlo Waibel geborene Musiker erzählt, warum er sich für das neue Album "trip" auf Bali erden musste

Vor zehn Jahren schoss Cro mit dem Hit „Easy“ an die Spitze der Charts. Und etablierte damit seine Panda-Maske und den entspannten Sound zwischen Rap und Pop als Gegenentwurf zu den angriffigen Beats und Texten der deutschen Gagsta-Rapper. Das gefiel den ganz jungen Fans genauso wie den Müttern. Es folgten drei Nummer-eins-Alben, jede Menge Nachahmer des Sounds und Auftritte in ganz Europa.

Im Sommer 2020 tauschte der 1990 als Carlo Waibel in der Nähe von Stuttgart geborene Musiker und Grafiker die Panda-Maske gegen einen futuristischen, von Daft Punk inspirierten Helm ein. Und zog nach Bali, um das Comeback vorzubereiten.

Resultat ist das eben erschienene Doppelalbum „trip“, das mit dem „SOLO“-Teil den Sound von „Easy“ fortführt, während der „Trip“-Teil psychedelischen, auf der Gitarre geschriebenen Songs gewidmet ist und damit an die Woodstock-Ära erinnert.

KURIER: Sie haben mit dem Album „Trip“ in Berlin begonnen, wo Sie sich im Funkhaus ein Tonstudio eingerichtet haben, sind dann aber nach Bali gegangen. Entstand der „Solo“-Teil eher in Berlin und der „Trip“-Teil eher in Bali?

Cro: Das Album ist eigentlich komplett auf Bali entstanden. Nur wenige Skizzen sind in Berlin entstanden. Das Funkhaus war eher dazu da, dass ich noch einmal eine kleine Schule in Sachen Sound hatte. Im Funkhaus sind sehr viele Studios mit ganz vielen Super-Typen, die viel darüber wissen, wie und mit welchen Geräten man am besten aufnimmt. Das hat mir sehr viel weiter geholfen. Und dann bin ich nach Bali und habe das angewendet, was ich gelernt habe.

Was hat Sie an Berlin gestört, dass Sie das Gelernte nicht dort anwenden wollten?

Nach Berlin wollte ich, weil dort alles aus unserer Szene zusammenkommt. Für einen Künstler ist das super. Das sehe ich heute immer noch so. Aber nach Bali bin ich gegangen, weil ich eine Abwechslung von meinem deutschen Ich haben wollte. Ich habe gemerkt, dass ich mich das ganze Leben kaum von Deutschland wegbewegt habe. Und kaum auch mal andere Wege gegangen bin und das Leben von außen betrachtet habe. Als ich hier ankam, konnte ich den ganzen Trubel richtig gut abstreifen. Ich war viel alleine, habe meditiert, Yoga gemacht, zu mir gefunden und mich einmal um mich gekümmert. Ich konnte das, was in den letzten Jahren alles passiert ist, von außen betrachten. Das war ein wichtiger Perspektivenwechsel.

Was hat Sie an Ihrem deutschen Ich gestört?

Wenn man etwas macht und viele Leute feiern das, dann macht das etwas mit dir. Dein ganzes Land kennt dich, und das geht sogar über die Grenzen hinaus nach Österreich, in die Schweiz, nach Paris und London. Dadurch läufst du mit großem Selbstbewusstsein durch die Gegend. Du hast tolle Häuser, gehst nur mehr in die besten Restaurants, hast die tollsten Autos. Da muss man sich manchmal auch wieder erden. Denn du gewöhnst dich wahnsinnig schnell an diesen Lebensstandard, den Erfolg und die Verwöhnung. Aber du brauchst das alles eigentlich nicht. Da ist es ganz gut, mal wieder zu sehen: So lange du gesund bist, frei atmen kannst, dich frei bewegen kannst, genügend Geld zum Essen hast und um das zu machen, was dir Spaß macht, ist alles super.

War die Entscheidung, dortzubleiben, durch den Lockdown erzwungen?

Zum Teil. Aber es ist wunderschön hier und es inspiriert mich, hier zu sein. Ich mag Asien, die Luft, das Wetter, ich mag die Zurückhaltung, das Essen, die Höflichkeit. Ich werde trotzdem nie ganz nach Bali kommen, ich werde immer mit einem Fuß in Deutschland bleiben. Das sind meine Wurzeln und ich mag es auch, zwischendurch mal auf Deutsch zu plaudern, oder kurz um die Ecke zu gehen und Brötchen zu holen.

Was war die Intention dahinter, ein Doppelalbum mit zwei so unterschiedlichen Teilen zu machen?

Ich wollte einmal etwas Neues wagen und experimentieren, schauen, wie weit kann ich mich aus meiner Komfortzone rausbewegen und mit verschiedenen Zugängen spielen. Ich habe Gitarre gelernt und wollte sehen, was passiert, wenn ich ausgefeilte Songs schreibe und meine Stimme anders benutze. Ich wollte einen bunten Blumenstrauß schaffen.

Welche Auswirkungen hatten die unterschiedlichen Stimmungen der beiden Stile auf die Themen, die Sie in den Songs behandeln?

Da sind sie tatsächlich sehr unterschiedlich. In der „Trip“-Hälfte geht es viel um Natur, diese Erdung, von der ich gesprochen habe, das Minimalistische. Darum, dass ich nicht viel brauche, wenn ich oben ohne durch den Dschungel renne. Auf der anderen Seite geht es um Disco, Funk und das Nachtleben. Ich brauche in meinem Leben beides. Ich kann nicht immer nur super bewusst durch die Welt laufen, ich brauche manchmal auch das Laute und Action.

Der Song „Quarandream“ ist in der Quarantäne entstanden. Wie war die für Sie? Hatten Sie das Gefühl, dass Sie die erzwungene Ruhe kreativer gemacht hat?

Nein, in Bezug auf Kreativität bin ich eigentlich immer auf dem gleichen Level. Aber wenn dann so ein Virus reinknallt und die ganze Welt verändert, regt das natürlich zum Denken an. Und dem war es auch geschuldet, dass wir hier in Bali in Quarantäne waren und uns alle zusammengeschlossen haben. Da ist dieser Song entstanden, weil das alles wie ein Traum war. Auf Deutsch habe ich das übersetzt mit: „Ich weine keine Quaranträne!“ Denn es war fast zu schön. Es war ruhig, die Welt ist am Lagerfeuer gesessen und hat gewartet. Aber der Song ist eigentlich romantisch, denn er handelt von wahrer Liebe. Er sagt: Ich will nur dich, du willst nur mich – aber das in einer Zeit, wo keiner sich mehr sicher ist und jeder die anderen argwöhnisch angeht.

In dem Song „Diamonds“ stellen Sie fest, dass Sie eine Frau verletzen, wenn Sie sie verwöhnen. Wie kommen Sie darauf?

Dabei geht es darum, dass in Beziehungen oft einer den anderen mehr liebt und nicht immer alles in Balance ist. Der eine zeigt immer ein bisschen mehr Interesse, und der andere spielt dann mit dem Partner. Deshalb sage ich in Diamonds: „Ich lasse für dich Diamanten regnen, aber ich verletze dich damit auch sehr“. Denn in so einer unausbalancierten Beziehung gibt sich einer komplett hin, aber der andere hat dann Angst davor, das anzunehmen.

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