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Literatur
10/19/2019

"Quichotte" von Salman Rushdie: So nerven kann das Grandiose

Nach 1001 Nacht kommt „Quichotte“ ins heutige Amerika und verrät uns: Es schaut gar nicht gut aus ....

von Peter Pisa

Wenn Kriminelle König werden können und jemand mit schlechtem Haar Präsident, dann leben wir im Zeitalter des Alles-ist-möglichr, schreibt Salman Rushdie.

Es gibt keine Regeln mehr, und dann kann sogar ein wunderschöner Fernsehstar von einem alten Mann erobert werden, der einen Fuß nachzieht und aussieht wie eine dünne, lange Skulptur Giacomettis.

Rushdie hat wieder etwas transferiert.

Das ging in „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ (2015) schief, als er 1001 Nacht ins heutige New York transferierte und Dschinns durch die Ritzen kamen und über das Nichtzusammenhängende des Nichtzusammenhangs diskutiert wurde.

Damals sagte Rushdie, seine Leser müssen Humor mitbringen. Ein sehr spezieller ist notwendig.

Dulcinea

Jetzt hat der 72-Jährige „Quichotte“ (Don Quijote / Quixote) in unser digitales Zeitalter herübergeholt.

Mister Ismael Smile ist ein amerikanischer Pharma-Vertreter indischer Abstammung; und ein eifriger Fernsehzuschauer.

Er gönnt sich die Narretei, in den indisch-amerikanischen TV-Star Salma R. verliebt zu sein. Wobei ihm klar ist, dass er unmöglich bei ihr anklopfen und auf Gegenliebe hoffen darf.

Deshalb fährt er durch die USA, wo er Taten vollbringt und den Heiligen Gral sucht. Der Gral ist Dulcinea – demnach Salma R.

Rushdie kann bei dieser Gelegenheit die irre Gegenwart bestaunen.

Ismael Smile wünscht sich einen Sohn, und der nimmt, Zauberei, auf dem Beifahrersitz Platz. Der Sohn bekommt den Namen Sancho, weil ihm, den neuen traurigen Ritter, sonst Entscheidendes fehlen würde.

Das sind alles gute Ideen.

Und, ähnlich wie bei Cervantes, tritt der Erfinder dieser Geschichte auf, ein erfolgloser US-Autor (richtig, mit indischen Wurzeln).

Erfinder und Erfindung.

Reales und Nicht-Reales, Wahrheit und Lüge, vereinigt euch. Man kennt sich nicht mehr aus. Das sagt uns der Roman. Schau dir was an ...

Was hätten andere Schriftsteller mit diesem Stoff gemacht? Etwas weniger Sprudelndes – und vielleicht weniger Grandioses. Rushdies Reichtum an Sprache und Bildung ist enorm, mit seinen Ausuferungen, die bis zu Bachelor-Kandidaten reichen, kann der indisch-britische Schriftsteller einen allerdings erschlagen.

„Quichotte“ fasziniert und nervt gleichermaßen.

Könnt’ ein bisserl ruhiger sein, zumindest, wenn es nichts Wesentliches zu erzählen gibt. Ein Beispiel:

„Die Zeit (was ist denn die Zeit?), diese tödliche Kammer des Schreckens (was macht sie denn Arges?), deren Wände langsam dem glücklosen Bewohner näher rücken (bis WAS geschieht?), bis sie das Leben aus ihm herausquetschen (bei wem tut sie das?), drückte auf Quichotte (wann?), als er vor dem Apartmenthaus seiner Halbschwester stand (was treibt er dort?) und hinaufschaute.

Quichotte schaut also zum Fenster, das ist alles.

Man stelle sich einen genialen Rushdie-Satz vor, wenn Quichotte auch noch hinaufgeht zur Wohnung seiner Halbschwester (und dann womöglich niemand daheim ist)!

Die Sehnsucht nach einem Gedicht wird groß, einem dreizeiligen. Das reicht meist völlig ...

Ja, Schnecke,

besteige den Fuji, aber

langsam, langsam!

(ein Haiku von Kobayashi Issa, 1763 – 1828)

 

Salman
Rushdie:
„Quichotte“
Übersetzt von
Sabine Herting.
C. Bertelsmann Verlag.
464 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern