Kultur
06.08.2018

Kritik: Quälender Hunger und Hamsun Mysterien Theater

Salzburger Festspiele. Frank Castorf ließ sich vom Roman „Hunger“ zu einem langen, wilden Szenenreigen animieren.

In „Hunger“ (1890), dem ersten Roman von Knut Hamsun, erzählt ein Intellektueller, der sich einmal als Andreas Tangen ausgibt, über seine verzweifelten Versuche, als Schriftsteller zu reüssieren. Erfolgserlebnisse sind rar: Dieser Hans im Unglück versetzt nach und nach sein gesamtes Habe, er hat später auch kein Zimmer mehr, streunt allein durch die Stadt, schläft schließlich auf Wacholderbeeren im Wald. Und wenn er zwischendurch doch ein paar Kronen hat, sind sie gleich wieder weg.

Mitunter kommt es zwar zu Begegnungen und auch Gesprächen. Über weite Strecken aber ist der Roman ein innerer Monolog – und eine genaue Beschreibung dessen, was der Hunger auslöst. Der Ich-Erzähler, der zunächst noch stark darauf achtet, als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft angesehen zu werden, gibt nicht nur seine Prinzipien auf und verroht: Der nagende Hunger beflügelt geradezu seine Fantasie – und löst immer stärkere Wahnvorstellungen aus.

Lässt sich ein solcher Text, wenn es tatsächlich um ihn gehen soll, überhaupt dramatisieren? Bettina Hering, die Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, beauftragte jedenfalls Frank Castorf. Und der ehemalige Intendant der Volksbühne rückte mit seinen Vertrauten, darunter etlichen Lieblingsschauspielern an, um auf der Pernerinsel von Hallein den Versuch zu wagen. Die in der Tat überbordende, sehr typische Castorf-Inszenierung (mit viel Live-Video) beginnt wie das Buch, wenn auch ironisch gebrochen: „Es war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist...“

Grandioser Auftakt

Nahtlos geht Josef Ostendorf, der große Marthaler-Schauspieler, als zurückblickender Erzähler zu einer Passage ein paar Seiten weiter über: „Hatte der Finger des Herrn auf mich gezeigt? Aber warum gerade auf mich? ... Ein Schwarm von Ungeziefer war in mein Inneres eingedrungen und hatte mich ausgehöhlt. Was, wenn Gott geradezu im Sinn hatte, mich ganz zu vernichten?“

Dieser ungemein packende Monolog, bei dem Ostendorf immer stärker rülpsen und würgen muss, leitet aber nicht zur „Geschichte“ ein, die Hamsun in seinem sehr autobiografischen Roman erzählt. Denn Castorf weigert sich wieder einmal, eine durchgehende „Geschichte“ aufzubereiten. Den letzten Teil, das „Vierte Stück“, von „Hunger“ – mit einer tatsächlichen Handlung und mehreren Figuren – hat er daher, abgesehen von den wenigen Schlusssätzen, gestrichen.

Castorf wählte nur einige Motive aus – und kontrastiert oder ergänzt sie mit Szenen aus Hamsuns nachfolgendem Roman (1892), der als Variation mit verkehrten Vorzeichen gilt. Erzählt wird von der Ankunft eines Mannes namens Nagel, der gelbe Anzüge trägt und sich als Agronom ausgibt, in einer Hafenstadt. Was dann passiert, ist verworren, mysteriös, bizarr; nicht ohne Grund heißt der Roman „ Mysterien“.

Auch Nagel ist ein Alter Ego von Hamsun, der 1882 in die USA ausgewandert war, aber dort nie Fuß fassen konnte – und 1888 endgültig nach Norwegen zurückkehrte. Castorfs Interesse gilt vor allem diesem Kauz, der sich hymnisch zum Nationalsozialismus bekannte: Sein im Endeffekt sechsstündiger Abend wächst sich zu einer komplexen und kommentierten Annäherung an Hamsun aus. Da fallen die Episoden und auch die Epochen in Eins.

Das zeigt sich bereits an der wiederum liebevoll pittoresken Architektur aus bereits bekannten Versatzstücken (Strommast, Schuppen) und neuen Elementen: Aleksandar Denić kombinierte auf der heftig rotierenden Drehbühne ein Holzhaus, über das bereits Gras gewachsen ist, mit einem Geschäft („Mysterium Forlag“), im Inneren liegen ein Büro, das auch eine Redaktionsstube sein könnte, und die Dachkammer des Schriftstellers.

Überall entdeckt man Anspielungen auf den Nationalsozialismus, darunter ein Plakat von Dr. Oetker mit Puddingpulver für die Wehrmacht oder eines der SS mit den Worten„Germanske Norge“. Der perfideste Hinweis findet sich neben dem realistisch nachgebauten McDonald’s: Der Imbiss hat die Nummer „88“, die in der Szene für „Heil Hitler“ steht. Castorf übt gerne Kritik am amerikanischen Way of Life. Und das billige Fast Food ist eben die Nahrung der Ärmsten; in der Festspielinszenierung gehen die schicken Damen lieber in die „Goldene Gans“...

Dass Text und Assoziation einander ergänzen, ist von der ersten Minute an ersichtlich: Marc Hosemann, der als Einziger durchgehend eine Figur, eben den Ich-Erzähler aus „Hunger“, verkörpert, versucht fahrig, das Hakenkreuz einer Carlsberg-Reklame wegzurubbeln. Von nun an gehört die NS-Zeit wie selbstverständlich dazu, später wird „Hart wie Krupp-Stahl“ zitiert – und Nagel für Nietzsches Idee vom Herrenmenschen Partei ergreifen.

Der Hungerleider, der sich bei Hamsun geschwächt dahinschleppt, agiert die ganze Zeit wie von Sinnen, berauscht vom Hunger: Er versetzt seine Habseligkeiten gleich auf einmal – und schuftet von da an im Unterleibchen. Die Zusammenführung ähnlicher Motive führt mitunter aber zu Anschlussfehlern, etwa wenn Hosemann plötzlich doch Geld in der Hosentasche hat.

Irgendwann dann der abrupte Bruch, der Switch zu „Mysterien“: Alle Schauspieler tragen gackerlgelbe Anzüge, unzusammenhängend folgen Szenen, in denen jede und jeder brillieren darf: Nachwuchstalent Rocco Mylord zum Beispiel mit einem Nagel-Monolog oder Sophie Rois, der es, von Daniel Zillmann gedemütigt, komplett die Stimme verschlägt.

Mühsamer Ausklang

Immer chaotischer wird die Abfolge: Einige Szenen sind definitiv zu lang, andere unerheblich, dann liefert Ostendorf eine absurde Hitler-Nummer ab (inklusive Wienerisch), Buster Keaton verschlingt auf dem Screen Spaghetti, Kathrin Angerer macht große Augen – und Lilith Stangenberg lässt sich auf ein Abenteuer mit dem heruntergekommenen Helden ein. Sehr körperlich das Ganze, wie eben immer bei Castorf. Zum Schluss überlagern sich die beiden Romane. Denn Hosemann taucht in einer Szene von „Mysterien“ auf, einem gewaltigen Free-Jazz-Duell zwischen Stangenberg und Lars Rudolf. Spätestens da hätte Schluss sein müssen. Doch Castorf wollte und wollte kein Ende finden. Wer nicht geflüchtet war, bejubelte schließlich die Verausgabung.