© Kurier/Franz Gruber

Porträt
08/29/2021

Die Psychoanalytikerin der Hollywood-Stars: Erika Freeman im Interview

„Man muss ein bisschen meschugge sein, um nicht ganz verrückt zu werden“ sagt Erika Freeman. Gespräch mit Michael Niavarani am 5. September.

von Werner Rosenberger

Worauf kommt es an im Leben? Auf die optimistische Einstellung. Vor allem in der Krise. „Darauf zu vertrauen, dass es morgen besser wird. Dass auf jede Nacht ein Tag folgt. Heute war es schon nicht schlecht, aber morgen wird es besser. Ein Ende gibt es nicht. Denn wenn etwas am Ende schlecht ist, dann ist es nur noch nicht fertig“, sagt Erika Freeman.

Geboren 1927 in Wien, musste sie als Zwölfjährige vor den Nazis flüchten und erreichte am 12. 3. 1940 New York. Auf den Tag genau fünf Jahre später kam ihre Mutter Rachel Grau, die im Untergrund die Kriegsjahre in Wien überlebt hatte, bei einem der letzten alliierten Luftangriffe im Luftschutzkeller unter dem Philipphof am Albertinaplatz ums Leben.

Yentl

Rachel Grau – Zionistin und die erste weibliche Hebräischlehrerin Europas – hatte sich in ihrer Jugend als Mann verkleidet, um selbst Hebräisch lernen zu dürfen. Was Frauen damals verboten war. Das inspirierte den Literaturnobelpreisträger Isaac B. Singer zu dessen Erzählung „Yentl“, die als „Yentl the Yeshiva Boy“ mit Barbra Streisand verfilmt wurde.

Freemans Tante Ruth Klüger-Aliv war ein Gründungsmitglied des Geheimdienstes Mossad, als einzige Frau. In Rumänien organisierte sie unter Lebensgefahr Schiffe, um Juden nach Palästina zu bringen. „Sie war eine Heldin der israelischen Geschichte – größer als das Leben selbst“, sagt Freeman. Seit 2007 kehrt sie für das Projekt „A Letter To The Stars“ immer wieder nach Österreich zurück. In die Stadt, in der man sie als Kind einst ermorden wollte.

Während der Corona-Pandemie wohnte die 94-Jährige im Hotel Imperial: „Das ist meine Rache an Hitler.“ Der hatte das Nobelhotel als seine „Wiener Residenz“ bezeichnet. Als eine der bekanntesten Psychoanalytikerinnen in den USA hat die Altwienerin Schauspieler wie Marlon Brando („Er war sehr einsam, als er zu mir kam“), Woody Allen, Marilyn Monroe („Sie war sehr lieb und so dankbar, wenn jemand nett zu ihr war“), Liv Ullmann oder Burt Lancaster beraten. Einige von ihnen wurden Freunde.

„Mein Mazel war, dass ich die wirklich berühmten Stars kannte und kenne. Alle so nett und bescheiden und zuvorkommend. Die wirklich großen Künstler haben kein ausgeprägtes Ego. Ganz im Gegensatz zu den Wannabees“, sagt Freeman.

Sensoren

„Schauspieler sind psychisch instabil, weil die meisten nicht wissen, wer sie sind, und nach sich selbst suchen, oft an sich zweifeln oder sich verstecken, weil sie sich gegen die Welt wehren müssen. Kreative Menschen haben etwas Spezielles an sich. Sie hören mehr, spüren mehr, haben feinere Sensoren. Und das tut manchmal sehr weh.“

Auch auf dem Parkett der Politik bewegt sie sich elegant als Freundin von Hillary Clinton, mit der sie das Frauennetzwerk „Women’s Forum“, gründete. Sie stand auch der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir mit Rat zur Seite und erzählt von einer Begegnung mit dem früheren Wiener Erzbischof Kardinal Franz König: „Ein großartiger Mann. Wir unterhielten uns angeregt, bis er nach einer Weile sagte: ,Von dieser Frau bekomme ich in einer Stunde mehr als von meinem Berater in einem ganzen Jahr.'“

Da hätte sie im Übermut gesagt: „Eminenz, wenn wir Juden versprechen, nie wieder einen Jesus Christus auf die Welt zu bringen, könnt ihr uns dann endlich den Ersten verzeihen?“ Darauf der Kardinal: „Eine gefährliche Frau!“

Anna Freud

Mit Hochachtung spricht sie von ihrem Lehrer, Sigmund Freuds Lieblingsschüler Theodor Reik. Und erinnert sich an ihren Besuch bei Anna Freud in London. „Ihr Vater wollte, dass sie sich schöner anzieht. Aber sie weigerte sich. Sie war nicht schlampig gekleidet, es war einfach keine Mode, sondern gewöhnliche Schmattes.“

Am ersten psychoanalytischen Kongress nach dem Krieg in Wien wollte Anna Freud aus Abneigung gegenüber der Stadt nicht teilnehmen. Freeman: „Sie war eine leidenschaftliche Reiterin, und als ich sie zur Teilnahme überreden wollte, stellte sie eine Bedingung: ,Nur wenn ich die Lipizzaner reiten kann.’ Ich versprach, das zu arrangieren durch meinen Kontakt zum Außenminister. Das war Bruno Kreisky.“

„Die Wege Gottes sind immer unergründlich und meist unerfreulich“, so Sigmund Freud. Freeman ist gläubig – „Aber Juden streiten sich ja immer mit Gott“ – und dankbar: „Der Besuch auf der Erde zahlt sich aus, wenn man das Glück hat, und der liebe Herrgott lässt einen lange leben. Der Herrgott ist so ein lieber Kerl, er verzeiht alles. Aber Geduld muss man mit ihm haben. Doch er hat ja auch viel Geduld mit uns.“

Veränderung

„Ich weiß, warum man sich vor uns Juden fürchtet“, sagt die Psychoanalytikerin. „Jedes Mal, wenn ein Jude kommt, verändert sich die Welt. Und man kann niemals mehr die Welt so sehen, wie sie einmal war. Moses, Jesus, Freud, Marx und noch viele mehr: Alle haben die Welt verändert. Aber die Leute sind an etwas gewöhnt und wollen nichts anderes. Vor allem nicht, dass ein Jude kommt und sagt: Ich zeige dir etwas Neues.“

Am Ende noch einmal die Frage: Worauf kommt es an im Leben? „Nützlich zu sein, etwas zu lernen, die Welt zu verbessern, wenn man kann. Zu helfen, dankbar zu sein und Freude zu haben“, so Freeman. „Wir wissen von Eric Kandel: Wenn du Freude hast, passiert etwas in deinem Gehirn, das dich gesund und gescheit macht. Oder wie Sholom Aleichem sagte: Lach’ a bisserl on credit – etwas Lustiges wird schon kommen.’“

 

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