Kultur
09.09.2018

Premiere für "Ich weiß alles": Keiner wird gewinnen

Die erste Ausgabe der neuen Quizshow „Ich weiß alles“ mit Jörg Pilawa und Promi-Experten musste ohne finalen Showdown auskommen.

* Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends *

Schlaue Leute haben sich eine neue Samstagabend-Quizshow für sehr schlaue Leute ausgedacht. „Ich weiß alles“, behaupten diese sehr schlauen Leute und so heißt auch die neue, bombastisch angelegte Eurovisions-Sendung. 

Weil die ARD "das härteste Quiz Europas mit den schwersten Fragen" versprochen hat, wurden drei schwere Hürden eingezogen, bevor einer der Kandidaten aus drei Ländern in die finale Runde um 100.000 Euro einziehen kann. Hat man eine der drei Runden verloren, ist unwiederruflich Schluss.

In der ersten Runde treten die Kandidaten gegen Experten in vier Fachgebieten an. Hier konnte man per Zufallsgenerator etwa Fußball-Weltmeister Lothar Matthäus zugelost bekommen, der bei einer der drei Fragen tatsächlich der Meinung war, die Fußball-WM 2018 habe sich dadurch ausgezeichnet, dass vor diesem Finalturnier noch nie so viele Flitzer verhaftet worden wären. Tatsächlich konnten zwei von drei Kandidaten die Hürde „Loddar“ überwinden. 

Schauspieler Ben Becker war ein Mal als Goethe-Auskenner gefragt, Showlegende Thomas Gottschalk drei Mal als Beatles-Fan und Til Schweiger drei Mal als Deutschlands Mann für Hollywood

Kampf gegen den Schwarm

Hat man einen der Experten bezwungen, heißt es in der zweiten Spielrunde gegen die tausend Zuschauer im Studio anzutreten. Die Macht der Schwarmintelligenz kann insofern verringert werden, indem der Kandidat sich nach Beantwortung der drei Fragen jeweils aussuchen darf, gegen welche Altersgruppe welchen Geschlechts er spielt. Das ist nicht unspannend. Ist man zum Beispiel der Meinung, Männer über fünfzig haben eine Küche selten von innen gesehen, könnte man diese Gruppe bei einer Küchenfrage auswählen. Machosprüche bieten sich hier förmlich an. Und Moderator Jörg Pilawa macht davon reichlich Gebrauch, nicht nur bei einer Frage zum laut Fragetext „gerade voll im Trend liegenden Frühstücksklassiker ‚Eier Benedikt‘“. PIlawa referiert zum Beispiel darüber, dass Frauen über fünfzig ihr Geld vielleicht von ihrem Ehemann zugesteckt bekamen und daher nicht wissen könnten, dass der Euro und der Schweizer Franken aus Baumwolle gefertigt werden. Wenn man so denkt, könnte man auch sagen: Baumwolle hat ja auch irgendwie etwas mit Wäsche zu tun.

Wenn Pilawa mit „Ich weiß alles“ den Charme der Spielshowklassiker früherer Jahrzehnte in den Samstagabend zurückzaubern will, dann hat man dieses Ziel offenbar auch mit einer altertümlichen Einladungspolitik verfolgt. Unter den 18 Hauptbeteiligten (Moderator, Kandidaten, Experten und „Quiz-Giganten“) befanden sich bei der ersten Ausgabe der Show lediglich drei Frauen.

Der seltsam ungelenke Umgang mit Frauen gipfelte darin, dass Pilawa doch tatsächlich Ben Becker fragte, ob er nicht eine Beißhemmung verspüre, wenn er gegen eine Frau antrete. Die Tirolerin Katrin Tanzer gab die bestmögliche Antwort: Sie machte nicht nur Becker beim Themengebiet Goethe "platt", wie Pilawa so gerne sagt, sondern avancierte auch insgesamt zur besten Kandidatin des Abends. Letztlich scheiterte sie nur knapp am FInale, weil laut dem Rechercheteam der Show das US-Verteidigungsministerium mehr Menschen beschäftigt als die chinesische Volksbefreiungsarmee.

Weil gerade von den „Quiz-Giganten“ die Rede war: Diese sitzen hinter einem hässlichen Bürotisch-Ungetüm und sind bei Erreichen der dritten Runde zu bezwingen. Und sie heißen: Günther Jauch, Moderator von „Wer wird Millionär?“ (RTL), Susanne Kunz, Moderatorin der Schweizer Show „1 gegen 100“ und der hierzulande wohlbekannte „Mr. Millionenshow“ Armin Assinger.

Jauch und Assinger eint offenbar nur die Garderobe, die sie sich im Kölner „Millionenshow“-Studio teilen. Mit dem Skilehrer-Charme des Österreichers schien der deutsche Großmoderator zumindest an diesem Samstagabend wenig anfangen zu können. Die Chemie war aber immerhin gut genug, um bei den längeren Beratungen im Trio überwiegend die richtigen Antworten herauszufinden. Mit folgendem Ergebnis: Keiner der zehn „Ich weiß alles“-Kandidaten konnte dem Show-Motto gerecht werden und ins Finale einziehen.

Knifflig, aber noch kein Höhepunkt

An große  Quizshows wie 'Einer wird gewinnen’“ wollen ARD, ORF und SRG mit „Ich weiß alles!“ anknüpfen. Bei der ersten Ausgabe wurde daraus ein „Keiner wird gewinnen“. Das mag vielleicht den Ruf der Sendung stärken, eine schwer zu knackende Nuss zu sein, aber eine dreistündige Show sollte doch auf einen finalen Höhepunkt zusteuern. Wie das mit diesem Showkonzept zu schaffen ist, hat sich beim ersten Mal noch nicht gezeigt.

Nur Thomas Gottschalk wollte übrigens etwas dagegen tun. Der alte Fernsehshowfuchs, der zu Beginn als „Radiolegende“ vorgestellt wurde, schenkte dem letzten Kandidaten eine absichtlich falsch gegebene Antwort und bei der entscheidenden Schätzfrage, wie oft beim Beatles-Song „She Loves You“ das Wort „Yeah!“ gesungen wird, tippte er auf illusorische 753 Mal. Ein ehrenwerter und witziger Versuch, für Action zu sorgen, der sein junges Gegenüber aber letztlich auch nicht ins Finale gebracht hat.