Kultur
08.06.2018

"Präsidentinnen" auf Albanisch: Werner Schwab erobert Tirana

Eine Herausforderung: Sabine Mitterecker inszenierte die radikale Komödie des Dramatikers, der heuer 60 geworden wäre.

Sabine Mitterecker wurde schon mehrfach mit Nestroys ausgezeichnet – in der Kategorie „Beste Off-Produktion“. Denn die Regisseurin, 1963 in Böheimkirchen geboren, fügt sich nicht in den klassischen Betrieb ein, sondern sucht sich immer wieder ungewöhnliche Herausforderungen. Im Museum moderner Kunst z.B. dramatisierte sie „Frost“ von Thomas Bernhard. Und 2016 inszenierte sie in einer ehemaligen Sargfabrik am Stadtrand von Wien „Schatten (Eurydike sagt)“ von Elfriede Jelinek.

Nun ging sie ein ganz besonderes Wagnis ein: In Tirana, der Hauptstadt von Albanien, setzte sie „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab um. Auf Albanisch. Die Idee hatte Kiço Londo, der Intendant des Teatri Kombetar Eksperimental „Kujtim Spahivogli“. Dieses vom Staat finanzierte Theater ist, erzählt Mitterecker, nach einem einst sehr populären Regisseur und Schauspieler benannt, der in den 1970er-Jahren beim kommunistischen Diktator Enver Hoxha in Ungnade gefallen und in den späten 1980er-Jahren in Vergessenheit gestorben ist. Auf der Suche nach einem Regisseur wandte Londo sich an die österreichische Botschaft. Immerhin findet heuer das Kulturjahr Österreich-Albanien statt. Und die für den Kulturaustausch zuständige Beamtin empfahl Mitterecker.

Verstopfte Aborte

Nun, zurück in Wien, zieht die Regisseurin ihr Resümee. „Die Gage war keineswegs üppig, aber in Ordnung – und die Arbeit in Tirana eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.“

Über ein halbes Jahrhundert lang hatte Hoxha das Land isoliert und wirtschaftlich ruiniert. In Tirana sei zwar allerorts Aufbruchstimmung bemerkbar, so Mitter-ecker. „Aber die Leerstellen der Abschottung sind gegenwärtig, auch im kulturellen Feld. Interesse besteht an Ansätzen jenseits des Realismus. Theater, das Welt nicht abbildet, sondern Weltbilder zur Disposition stellt. Da ist Schwab natürlich bestens geeignet.“ In seiner bitterbösen wie drastischen Komödie träumen sich die Pensionistinnen Erna und Grete mit dem Mariedl, das die verstopften Aborte mit der bloßen Hand reinigt, vergeblich in eine bessere Welt.

Die Arbeitsbedingungen am Theater seien, sagt Mitter-ecker, generell hart: „Feste Verträge für Schauspieler sind die Ausnahme, bezahlt wird pro Vorstellung, im Nachhinein und oft mit Verspätung. Eine Wohnung in Tirana – die Stadt hat mittlerweile eine Million Einwohner, mehr als ein Drittel der albanischen Bevölkerung lebt hier – kostet mehr als ein durchschnittlicher Monatslohn und damit auch mehr als eine Monatsgage. Man hat manchmal Mühe, vernünftige Probenzeiten zusammen zu bekommen, weil jeder Zweitjobs oder Unterrichtsverpflichtungen hat, um über die Runden zu kommen.“

Zudem waren im Fall von „Presidentet“ sprachliche Hürden zu überwinden. „Ein bis zwei Mal die Woche stand uns eine Dolmetscherin der österreichischen Botschaft zur Verfügung. Adriana Tolka, die die Erna spielt, spricht sehr gut Englisch. Sie hat viel für ihre Kolleginnen übersetzt. Ermira Gjata, meine Grete und in Albanien ein gefeierter Fernsehstar, versteht kaum Englisch, spricht aber – vor allem, wenn es emotional wird – italienisch. Eni Jani – aus Mariedl wurde Mari-le – versteht Englisch und hat ein sehr gutes intuitives Verständnis in Theaterdingen. So habe ich mich mit Englisch, Italienisch, Händen, Füßen und zum Schluss auch mit ein paar Brocken Albanisch durchgeschlagen.“

Doch ist es überhaupt möglich, die Kunstsprache von Schwab mit all den Neuschöpfungen und Verdrehungen adäquat zu übersetzen? Mitterecker ging an den Text wie an eine Partitur heran: „Ich habe im Vorfeld den albanischen und den deutschen Text nebeneinander montiert und Satzstrukturen verglichen. Wenn bei Schwab in einem Absatz viermal das Wort ,Verkehr‘ vorkommt, sich aber im Albanischen nichts wiederholt, weiß man, dass die Übersetzung den Schwab-Sound nicht getroffen hat oder die Drastik seiner Sprachbilder umgeht.“

Inspirierende Anarchie

Mitterecker schärfte also nach. Einen Skandal habe sie mit ihrer Regie aber nicht ausgelöst. „Dass man ein Stück auf die Bühne bringt, das – an der Oberfläche – von Scheiße, Sexualität und Gewalt handelt, war ungewohnt und neu. Und dass gerade Frauen von solchen Dingen öffentlich sprechen, war dann schon auch irritierend für manche. Aber die Anarchie der ,Präsidentinnen‘ war wohl gerade für die Frauen inspirierend.“ Die Kritiken seien – „soweit ich das mitgekriegt habe“ – sehr positiv gewesen: „Es schreiben wenige, aber kompetente Blogger und Kritiker. Ein ausgeprägtes Feuilleton gibt es nicht. Das Medium, in dem die Theater von sich reden machen, ist das Fernsehen. Die Schauspielerinnen waren mehrfach in Frühstückssendungen und Talkshows.“

Mitterecker würde „Presidentet“ nun gerne in Wien zeigen. Immerhin leben hier ungefähr 50.000 Albaner. Und mit Übertiteln. Denn: „Ich hätte auch im Deutschen ,Die Präsidentinnen‘ nicht anders inszeniert.“