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Kultur
04/11/2021

Pop-Songs im Wandel: Droht der Tod der Refrains?

Billie Eilish macht es vor: Songs, die nichts mehr von der üblichen Strophe/Refrain-Form haben - aber Welthit-Format

von Brigitte Schokarth

„Wenn man heute in die Top 40 reinhört, passiert etwas Eigenartiges: Der Refrain, der emotionale Höhepunkt des Pop-Songs, das elektrisierende Hoch zum Mitsingen und Abreagieren, verschwindet!“

Das postulierten der Songwriter Charlie Harding und der Musiktheoretiker Nate Sloan vor Kurzem in ihrem Podcast „Switched On Pop“. Eine „seismische Verschiebung“, sagen sie, sei das, der Tod der Refrains.

Tatsächlich sind die größten Hits der letzten Jahre weit entfernt von der Strophe/Refrain-Form, die sich seit den 60er-Jahren im Pop etabliert hat. Zum Beispiel der Superhit „Bad Guy“ von Billie Eilish: Er beginnt mit einer dumpfen, aber eingängigen Drum-and-Bass-Linie, über die Eilish hypnotische Verse wispert, die wie freie Assoziation anmuten. Anstatt eines Refrains, der die Dynamik steigert, bricht dann die Musik weg, während Eilish bekennt: „I’m the bad guy“. Das, was am ehesten einem Refrain gleichkommt, ist eine kurze dahinwippenden Keyboardmelodie, die komplett ohne Gesang auskommt. Und der Schluss ist ein neuer, überraschend wuchtiger Bass-Part.

Allein auf Spotify wurde der Song an die 1,75 Milliarden Mal gestreamt. Auch wenn das vielleicht keine Absicht war, ist er ideal für dieses Medium und andere Plattformen wie TikTok, über die Musiker heute ihre Musik vertreiben. Will man da erfolgreich sein, muss man nämlich die Aufmerksamkeit der Hörer in den ersten 30 Sekunden des Songs an sich reißen. Denn bezahlt wird man erst, wenn ein Hörer über 30 Sekunden im Song drinnen bleibt. Deshalb beginnen Songs heute mit sogenannten Hooks und die Business-Plattform Quartz behauptet: „Streaming verändert, wie Songs geschrieben werden.“

Anders sieht das Ralf von Appen, Professor für Theorie und Geschichte der Popularmusik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er analysiert seit Jahren die Strukturen von Pop-Songs, hält diese Entwicklung für signifikant, ortet ihren Anfang aber schon in der Zeit bevor sich Streamingdienste als das Haupt-Medium der Musikkonsumation etabliert hatten.

Dominanz der Refrains

„Diese Strophe/Refrain-Form war viele Jahrzehnte dominant“, erklärt er im KURIER-Interview. „Dabei wurde zuerst eine Geschichte vorgestellt, der Song langsam eingeleitet, dann kam der Refrain zum Mitsingen, dann die zweite Strophe mit der Weiterführung der Geschichte. Dann vielleicht noch ein neuer Teil, oder ein Runterfahren der Energie, was beides zum Abfeiern der letzten Wiederholung des Refrains hinführte. Wegen der Dekaden langen Dominanz dieser Dramaturgie eines Pop-Songs, ist die für uns so selbstverständlich geworden wie das Atmen. Doch schon ab 2008 wurde diese Form langsam aufgebrochen. Da kam Rihanna mit ,Umbrella´, mit diesem ,ella ella eh eh eh´, wo ich mich gefragt habe, was das ist. Auch ,I Gotta Feeling´ von der Black Eyed Peas im Jahr 2009 fiel schon aus dem Rahmen.“

Die Gründe dafür sieht von Appen in Einflüssen aus den Musikformen von EDM (Electronic Dance Music) und Hip-Hop: „Es gab damals viele Kooperationen von EDM- und Pop-Künstlern, wie die von David Guetta mit Rihanna bei dem Song ,Who’s That Chick?´. Das hat der EDM, die vorher im Underground war, zu größerer Akzeptanz im Mainstream verholfen. Das, was man heute Pop-Drop nennt, also eine kurze Pause, bevor es oft mit Synthesizer-Riffs ekstatisch weitergeht, kam aus der EDM in den Pop. Gleichzeitig gibt es heute viele Songs wo Rap-Parts auf drei achttaktige Motive folgen. Es gibt so nicht nur ein neues Modell, das das alte ersetzt, sondern viele. Ein Songaufbau hat nicht mehr zwei oder drei Stufen, sondern vier oder fünf.“

Als Beispiele führt von Appen „Can’t Stop The Feeling!“ von Justin Timberlake, „Up“ von Cardi B. und Songs des „Avantgardisten“ Drake an, der „ganz verrückte Formen“ kreiert. Gleichzeitig gibt es aber auch den Retro-Trend mit Songs wie „Watermelon Sugar“ von Harry Styles oder „Cardigan“ von Taylor Swift mit eindeutigen Refrains.

Wenige Regeln

Diese Vielzahl der neuen Möglichkeiten begeistert Songwriterin Emily Warren. Die 28-jährige New Yorkerin ist für Hits der Chainsmokers und Shawn Mendes verantwortlich und hat für Dua Lipa „New Rules“ und „Don’t Start Now“ geschrieben. „Als ich das Songwriting lernte, gab es dafür viele Regeln wie: Die Strophe muss etwas tiefer sein, als der Refrain“, sagt sie. „Aber jetzt sind nicht mehr die Refrains, sondern die Hooks wichtig. Die sind kürzer, simpler, prägnanter, aber weniger verbindlich.“

Deutet der Wechsel von Refrain zu Hooks auf eine Änderung der sozialen Funktion von Pop-Songs hin? Das englische Wort für Refrain ist „chorus“ und leitet sich vom Chorgesang ab. Es bezeichnet den Teil, der die Einladung zu Mitsingen ist, der deshalb früher oft durch Einsatz von Backgroundchören verstärkt wurde. Hooks dagegen haben häufig keinen Gesang und müssen nichts anderes tun, als augenblicklich die Aufmerksamkeit der Hörer zu kapern.

Dass Musik ohne ausladende Mitsingrefrains weniger Verbindendes, weniger Wert für ein Gemeinschaftserlebnis bei Konzerten hat, glaubt von Appen aber nicht: „Shows von Billie Eilish zeigen, dass man ,Bad Guy´ sehr gut mitsingen kann. Und ein Pop-Drop und der plötzlich einsetzende Bass danach funktionierten perfekt, um Massen von Leuten in Stadien über die Musik zu synchronisieren.“

Aber nicht nur die prägnanten Melodien, sondern auch die Pop-Songs selbst sind über die Jahre kürzer geworden. Von Appen hat berechnet, dass die durchschnittliche Songlänge in den 90ern bei 4:34 Minuten lag, 2010 bei 3:59 und 2020 bei nur mehr 3:27. In den ersten Monaten von 2021 war der Rückgang aber extrem: Die heurigen sechs Nummer-eins-Hits der US-Billboard-Charts hatten eine Durchschnittslänge von 2:55 Minuten.

Hysterie um Nichts

Das freut Martin Isherwood, den Chef der Musikabteilung an der von Paul McCartney gegründeten Liverpooler Pop-Uni. Er unterrichtet seit 28 Jahren Songwriting: „Diese Entwicklung macht meinen Job viel einfacher. Ich predige meinen Studenten nämlich schon immer: Lasst alles Unnötige weg, kommt sofort auf den Punkt. Rock-’n’-Roll-Klassiker wie ,Hound Dog´ oder ,All Shook Up´ waren unter drei Minuten lang. Genauso viele Beatles-Songs. Und die Beatles wussten schon damals, dass Refrains an den Beginn gehören: ,Yesterday´, ,Help´ und ,She Loves You´ gehen kopfüber in medias res. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Songs von Pink Floyd oder ,Bohemian Rhapsody´ von Queen – aber im Prinzip macht das einen großartigen Pop-Song aus.“

Wie von Appen glaubt auch Isherwood nicht an den Tod der Refrains, wie ihn die Macher von „Switched On Pop“ prophezeien: „Das ist viel Hysterie um Nichts. Ich glaube sogar im Gegenteil, dass es bald eine Renaissance der klassischen Strophe/Refrain-Struktur geben wird. Zwar sage ich meinen Studenten auch, die Hauptaufgabe eines Songwriters ist, Emotionen zu wecken. Und das geht mit allen Songformen, auch wenn sie wie zur Zeit weniger melodiös und rhythmischer werden. Solche Hits sind genauso Soundtrack zu unserem Leben. Aber ich denke, die Leute lieben und brauchen starke Melodien und den emotionalen, aufbauenden Kick, den die uns geben.“

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