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Literatur
01/17/2019

"Polt"-Erfinder Komarek im Interview: Einzigartig soll man sein

Er hat den absurden Roman „Alfred“ geschrieben, in dem sich jemand vom Mistkübel zum abenteuerlustigen Hallodri wandelt.

von Peter Pisa

„Alfred“ heißt der neue Roman von Alfred Komarek. Die Geschichte eines Lebens, in dem, nach Anfangsschweirigkeiten, versucht wird, jede Minute auszukosten.

In der man sich  beim Lesen erkennt, obwohl alles ins Absurde gesteigert wird:

Zunächst ist Alfred nur ein Mistkübel, er  lässt alle abladen und vergisst dabei ganz auf sich selbst. (Als er von den Abfällen Durchfall bekam,  öffnete er verstohlen seine Bodenklappe.)  Später öffnet sich Alfred freundlich aller Welt und lässt sie dann im Vorzimmer warten. Sein Schweigen können die Schwätzer gut gebrauchen. Er findet Wege, die nichts von ihm wissen wollen.

Das ist die Tonart von „Alfred“.

KURIER: Ihr Name steht für Spannung und Entspannung. Ihr Gendarm Polt radelt durchs Weinviertel und genießt Veltliner. Musste „Alfred“ sein, um neben dieses Bild den abenteuerlustigen Alfred Komarek zu stellen?

Alfred Komarek: Es musste nicht sein, aber es durfte sein. Es gehört zu den gar nicht so raren Freuden des Alters, nicht nur an die Ernte denken zu müssen, sondern auch knorrig und verschroben den eigenen Wurzeln nachzuspüren. Simon Polt, wie er seine Welt bedächtig und ein wenig unbeholfen dreht und wendet, ist mir vertraut. Alfred ist mir noch näher. Als ich vor Jahrzehnten viel fürs Radio gearbeitet habe, war das einfach meine Art zu erzählen. Mein  erstes Buch – Galerie Hilfer, Auflage 300 Stück – hat den Titel „Traum ist Regen, der in den Himmel fällt“.

„Alfred“ ist Lebenslust. Ist Insichgehen, Unberechenbar-Bleiben,  Nicht-alles-Planen, Fehlermachen, immer Einzigartig-Sein. Habe ich etwas vergessen?

Das trifft's. Ganz abgesehen davon: Wenn das Manuskript zum Buch geworden ist, hab’ ich ohnehin nichts mehr zu sagen. Es gehört nicht mehr mir. Vielleicht finden sich sogar Leserinnen und Leser, die den Text in ihr Leben holen, die eigenen Gedanken und Träume damit verflechten und die Geschichte auf ihre ganz persönliche Art fortschreiben.

Es ist mir bewusst, dass Sie und Ihr „Alfred“ nicht in Verwandtschaft mit „Der kleine Prinz“ gebracht werden wollen. Aber Alfred IST „Der kleine Prinz 2.0“. Ist es nicht arrogant, den Vergliehc mit Saint-Exupery geringzuschätzen?

Arrogant? Im Gegenteil. Ich fürchte mich, besonders weil ich Saint-Exupery sehr mag und schätze ... obwohl sich manche mit spitzer Feder an ihm abarbeiten. Aber Denkmäler sind auch unbehaglich: Ihr Schatten lässt vieles verlöschen, ihre Strahlkraft macht andere unsichtbar. Als mich einmal Gerhard Roth brüderlich in die Arme genommen hat, war ich ganz verloren zwischen Freude und Höhenangst. Beim Schreiben habe ich übrigens nie den kleinen Prinzen vor Augen gehabt. Jetzt fällt mir schon einiges auf. Allerdings: Der kleine Prinz ist eine warmherzige Lichtgestalt. Alfred ist ein Hallodri.

Daran anschließend fällt die Frage schwer, wie autobiografisch „Alfred“ ist. Zitat: Er verlor den Boden unter den Füßen und fiel sich selbst in die Hände.

Autobiografisch trifft nicht ganz zu. Aber alles in diesem Text kenne ich sehr gut. Und nach einem frühen Höhenflug und einem ganz argen Absturz war ich froh darüber, einen festen Platz zu haben und irgendeinen Inhalt. Kaum ging’s irgendwie besser – nichts wie zurück auf die Achterbahn!

So nebenbei gesagt: Es gibt bedrückend viele fremdbestimmte, zwanghafte Berufe. Jeder einzelne Satz ist gehobelt und geschliffen und geschmirgelt. Haben Sie in einer Tischlerwerkstatt gedichtet?

Schon wieder eine geriatrische Lustbarkeit: Ich darf mir Zeit lassen. Am Alfred habe ich zwei Jahre vergnügt und sorgfältig gearbeitet.  Übrigens danke für den Tischler! Handwerk ist für mich sehr wichtig. Erst wenn alles passt, Material, Funktion und Form, darf  gespielt, umgedeutet, auch demoliert und neu geschaffen werden.

Und jetzt? Leere?

Ich schau’ „Alfred“ nach mit dem ganzen Chaos väterlicher Gefühle und Gedanken. Hoffentlich wird aus dem Fratzen was. Muss ja nichts Anständiges sein. Und was Ordentliches schon gar nicht.

Nicht ordentlich? Was bedeutet denn „ordentllich“?

Erst einmal: fad. Und ich halte mich gerne an Billy Wilders elftes Gebot: Du sollst nicht langweilen.

 

Alfred
Komarek:
„Alfred“
Haymon Verlag.
108 Seiten.
14,90 Euro.
KURIER-Wertung: ****