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Tipps
10/25/2013

Politische Dokus bei der Viennale

Die Dokus der Viennale greifen politische Themen und Missstände in verschiedenen Teilen der Welt auf.

Man stelle sich vor, man kommt 40 Jahre nach Kriegsende nach Deutschland und die Nationalsozialisten sind noch an der Macht. Dieses Gefühl beschlich Filmemacher Joshua Oppenheimer in Indonesien, wo der Mord an schätzungsweise bis zu drei Millionen Regimegegnern im Jahr 1965 bis heute weder geahndet noch aufgearbeitet wurde. "The Act of Killing", Oppenheimers beinahe dreistündige, fesselnde Abrechnung mit einem vergessenen Holocaust, ist das Highlight unter den politischen Dokumentarfilmen bei der diesjährigen Viennale und in Anwesenheit des Regisseurs am ersten Festivalwochenende zu sehen.

"Wir töteten mit einem Lächeln auf den Lippen", sagt Anwar Congo, einer jener "Gangster" und Paramilitärs, die 1965 den Staatsstreich von General Suharto in Indonesien unterstützt hatten und heute mit ihren "Heldengeschichten" und der Auslöschung der Kommunisten prahlen. Regisseur Joshua Oppenheimer und Kollegin Christine Cynn baten sie, die oftmals von Hollywoodfilmen inspirierten Morde von einst zum besseren Verständnis nachzustellen. "The Act of Killing" ist eine Dokumentation dieses Prozesses: Schockierend ist die nüchterne Detailtreue, mit der die Männer ihre Foltermethoden nachahmen, unverständlich die fehlende Reue, die sie dabei zeigen, surreal der Moment, in dem Anwar für den angeblichen Film in die Rolle des Opfers schlüpft und emotional zusammenbricht. Lange Einstellungen und Oppenheimers Nähe zu den Protagonisten über mehrere Jahre hinweg ermöglichen eine außergewöhnliche, surreale Studie über das Böse im Menschen, die laut Menschenrechtlern die Geschichtsschreibung Indonesiens verändern wird. (26.10., 18:00, Gartenbaukino, 28.10., 16:00, Urania, in Anwesenheit von Joshua Oppenheimer)

Eine einfallsreiche Art, das Unerzählbare zu illustrieren, findet auch der kambodschanische Regisseur Rity Panh. In seinem Cannes-Wettbewerbsfilm "L'image manquante" ("The Missing Picture") verarbeitet er den Völkermord an bis zu 2,2 Mio. Kambodschanern durch die Roten Khmer mithilfe bemalter Tonfiguren in detailgetreuen Szenerien sowie mit dokumentarischem Archivmaterial und einer Erzählerstimme aus dem Off. Ausgangspunkt ist seine erfolglose Suche nach einem Foto, das die Roten Khmer in der Zeit von 1975 bis 1979 selbst während einer Hinrichtung geschossen hatten. Doch Panhs persönliche Erinnerungen sind klar und schmerzlich lebendig, lassen ihn mit Liebe zum Detail sein eigenes Bild kreieren. Denn: "For if a picture can be stolen, a thought can not." (4.11., 15:30, Gartenbaukino, 5.11., 16:00, Metro)

Missstände in Indien

Missstände in Indien, mit denen es sich zu arrangieren oder von denen es sich zu befreien gilt, eint schließlich die Protagonisten in den Dokus "Salma" und "Katiyabaaz". Einst als 13-jähriges muslimisches Mädchen in einem kleinen Zimmer eingesperrt und später zwangsverheiratet, blieb Salma in den 25 Jahren Gefangenschaft nur das Gedichteschreiben, das sie später zur berühmtesten tamilischen Poetin machen sollte. Die renommierte Dokumentaristin Kim Longinotto begleitet die faszinierende Frau in ihr südindisches Heimatdorf, wo sie auf das Schicksal ihrer Genossinnen aufmerksam machen will und doch weiter um die Akzeptanz ihrer eigenen Familie kämpfen muss. "Salma" ist so intimes Porträt einer bemerkenswerten Frau und zugleich schockierendes Bild einer rückständigen, frauenverachtenden Gesellschaft. (26.10., 13:30, Stadtkino im Künstlerhaus, 27.10., 21:00, Metro)

Blackout

Keine klare Linie zwischen Gut und Böse zeichnen indes Fahad Mustafa und Deepti Kakkar in ihrer Dokumentation "Katiyabaaz" ("Powerless"). In Kanpur, der einstigen Lederhauptstadt Indiens, sind 400.000 von 3 Mio. Einwohnern ohne Energieversorgung. Während der 28-jährige Loha Singh für sich und weitere Ärmere auf abenteuerliche und gefährliche Art und Weise auf Maste klettert, Strom anzapft und damit regelmäßige Blackouts auslöst, muss Ritu Maheshwari als Chefin des finanziell angeschlagenen, lokalen Energiekonzerns Kesco bei Diebstahl und unbezahlten Rechnungen hart durchgreifen. "Katiyabaaz" lässt beiden Seiten ihren Raum, zeigt das Kabelchaos auf Kanpurs Straßen ebenso wie die angespannten Meetings bei Kesco, ist deshalb aber mitunter verwirrend. (26.10., 18:30, Stadtkino im Künstlerhaus, 27.10., 24:00, Urania)

www.viennale.at

Das österreichische Filmschaffen ist heuer mit vier neuen Dokumentarfilmen bei der Viennale vertreten: Ruth Beckermann reiste in "Those who go Those who stay" um das Mittelmeer und ließ dem Zufall viel Raum, Norbert Pfaffenbichler wirft in "A Masque of Madness" einen experimentellen Blick auf den Horrormeister Boris Karloff, Juri Rechinsky zeigt in "Sickfuckpeople" eine deprimierende Welt am Beispiel der Ukraine, und Elisabeth Maria Klocker fertigte ein einfühlsames Künstlerporträt der Avantgarde-Ikone Mara Mattuschka an. In Folge ein Blick auf die vier heimischen Beiträge:

Die Dokumentarfilmerin und Autorin Ruth Beckermann setzt sich in "Those who go Those who stay" wie schon im Vorgänger "American Passages" mit der Bewegung auseinander. So ist das Reisen, das Unterwegssein das einigende Band in dieser losen Folge von Zufallsbegegnungen und Archivaufnahmen. Beckermann reiht in ihrer persönlichen Reise rund um das Mittelmeer nigerianische Asylwerber in Sizilien an alternde Pariser Emigranten und arabische Musiker in Israel. In den poetisch verdichteten Alltagsmomenten findet ein fortpflanzungsaktiver Kater ebenso seinen Platz wie drei verschleierte junge Frauen beim minutenlangen Versuch, eine stark befahrene Straße in Alexandria zu überqueren. Beckermann ist ein Essay über den Zufall, dem man den roten Teppich ausrollen muss, gelungen. (25.10., 18.00, Gartenbaukino, 27.10., 13.30, Urania)

Geschichte des Kinos

Der Künstler und Experimentalfilmer Norbert Pfaffenbichler setzt sich in seinen filmischen Arbeiten mit der Geschichte des Kinos auseinander. Sein neuestes Werk "A Masque of Madness (Notes on Film 06-B, Monologue 02)" ist nun als Eloge auf den Horrormeister Boris Karloff komponiert. In einem schier aberwitzigen Zusammenschnitt hat Pfaffenbichler Dutzende Filmen der Hollywoodikone zu einem neuen, selbstreflexiven Werk verdichtet. Karloff tritt in unzähligen Masken als Monster, Wissenschafter, orientalischer Zauberer oder Hinterwäldler mit sich selbst in Dialog, verfolgt sich, reagiert auf sich, lacht mit sich. Dabei hat der 46-jährige Regisseur nicht nur das Bild, sondern auch die Tonebene gekonnt miteinander verschränkt. Wer braucht in diesem psychedelischen Metakino schon mehr Darsteller als das Leinwandchamäleon Boris Karloff? (4.11., 18.00, Kino am Schwarzenbergplatz)

Gleich mit seinem Langfilmdebüt scheint der 1986 in der Ukraine geborene Juri Rechinsky zum Festivalliebling zu avancieren. Sein "Sickfuckpeople" hat beim Filmfestival von Sarajevo ebenso wie beim Raindance Festival gewonnen. Und dabei ist das Triptychon des jungen Regisseurs alles andere als leichte Kost. So porträtiert der Filmemacher eine Gruppe obdachloser Kinder, die in einem Keller in Odessa Unterschlupf gefunden haben, und zeigt ihren alltäglichen Kampf um Nahrung und Drogen. Rechinsky hält sich dabei zurück und setzt weder Interviews noch Kommentare als Stilmittel ein. Als zweite Erzählschiene zeigt er einen Heranwachsenden auf der Suche nach seiner Mutter und ein Mädchen, das trotz des Widerstands der Familie sein Kind zur Welt bringen will. Der junge Regisseur zeigt eine deprimierende Welt am Beispiel der Ukraine, an der so mancher Kinogänger schwer zu schlucken haben dürfte. (27.10., 23.00, Kino am Schwarzenbergplatz, 28.10., 18.30, Stadtkino im Künstlerhaus)

Mara Mattuschka ist schon seit mehr als drei Jahrzehnten die vielleicht exponierteste Experimentalfilmerin Österreichs. Die gebürtige Bulgarin gibt sich mit einer Profession allerdings nicht zufrieden und ist im Kunstbetrieb auch als Malerin, Schauspielerin, Performancekünstlerin, Professorin und Sängerin aktiv. Ebenso widersprüchlich, sprunghaft und energiegeladen präsentiert sich nun "Mara Mattuschka_Different Faces of an Anti-Diva" der 45-jährigen Vorarlbergerin Elisabeth Maria Klocker. Die Filmemacherin schafft es, Mattuschka aus der Reserve zu locken, sie in ihrem Witz und ihrer Inkonsequenz über längere Zeit zu begleiten, ohne dabei ihre Schutzgrenze zu durchbrechen. Auf intelligentem Wege gelingt Klocker eine ebenso unterhaltsame wie stimmige Annäherung an ihr Sujet als Panorama einer Momentaufnahme. (4.11., 23.00, Kino am Schwarzenbergplatz, 5.11., 18.30, Urania)

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