Pittler: Der Zorn im Volk wird übersehen

andreas pittler
Foto: Christoph Sattler Zurück zu den Skandalen der Ersten Republik, um Parallelen zu heute zu finden: Der Historiker und Journalist Andreas Pittler.

Dank Nominierung für den "Glauser"-Preis wird endlich eine Serie wahrgenommen, die ab 1913 in den Krieg führt.

In "Tacheles" stirbt Dollfuß, in "Ezzes" brennt der Justizpalast, in "Chuzpe" tut sich Major Bronstein von der Polizeidirektion angesichts seines verschrumpelten Penis selbst sehr leid, und in "Tinnef" hängt ein Offizier am Kronleuchter. Immer sind in der Serie Kanaillen vertreten und Saubartel, die Leut’ tragen Untergatte und Kombinege – denn wir sind im Wien der Zwischenkriegszeit. Autor Andreas Pittler ist Historiker und Journalist. Seine vier Romane wuchsen bisher im Verborgenen. Aber sie wuchsen.

Band vier "Tinnef" wurde kürzlich für den bedeutendsten Krimipreis im deutschsprachigen Raum, den "Glauser", nominiert. Und plötzlich sieht man die weißen Bücher vermehrt in den Geschäften liegen. Und plötzlich geht "Tinnef" in die zweiten Auflage, "Tacheles" ist in der dritten, "Chuzpe" kommt gerade dorthin. Morgen, Dienstag, erscheint die fünfte und vermutlich letzte historische Geschichte, "Zores". Das Ende von Polizeioberst Bronstein? Dienstbeflissen ist er (aber nicht um jeden Preis), er isst sehr gern (selbstverständlich auch Leberkäse), und zu ebener Erd’ ist er genauso zu Hause ist wie im ersten Stock. Wenn’s denn unbedingt sein muss.

KURIER: Muss denn jeder einen Krimi schreiben?
Andreas Pittler: Da verweise ich gern auf den guten alten Dashiell Hammett. Wenn man jene Menschen erreichen will, die keine politischen oder historischen Werke lesen, dann muss man sich eines Genres bedienen, das diese Menschen kennen.

Sie haben vorher Sachbücher geschrieben, über Körner, Kreisky, Gusenbauer ...
... und ich meine, mit meinen Krimis mehr Verständnis für politisch-historische Zusammenhänge bewirkt zu haben als mit meinen Geschichtsbüchern.

Was kann man aus der Serie lernen?
Nach einer Lesung kam ein 90-jähriger Mann zu mir. Die Politiker, so sagte er mit Resignation, hätten vor 1933 die Republik und damit Österreich verspielt, weil sie um Details gestritten hätten, während die Menschen Arbeit und Brot brauchten. Und jetzt, so sagte er, sind sie schon wieder so kurzsichtig. Die Folgen der Skandale in der Ersten Republik – Korruption, Hirtenberger Waffenaffäre, Zusammenbruch der Bodencredit – sind bekannt. Und die Parallelen wohl auch. Die große Gefahr, welche die demokratischen Politiker der Zwischenkriegszeit übersahen, war der maßlose Zorn, der im Volk wächst, wenn ihm die Perspektive fehlt.

In den Romanen graben Sie immer tiefer – 1934, 1927, 1918, 1913 ...
Weil ich an die Wurzeln gelangen wollte, die Österreich in die Tragödie 1938 getrieben haben. Das Jahr 38 bildet den Abschluss der Serie. Allen vorangegangen Ereignissen ist eines gemein: Niemand erkannte die Tragweite. Niemand sah sich veranlasst, die eigene Position zu überdenken.

(kurier) Erstellt am
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