Kultur
18.02.2018

Phänomen Helene Fischer: Atomlos durchgedacht

Die beste Sängerin unter den Akrobaten verkörpert das Reinheitsgebot von 2018.

Europas erfolgreichste Unterhaltungskünstlerin war nach sieben Absagen endlich wieder angesagt: Helene Fischer erfüllt die Wiener Stadthalle (heute, Sonntag, zum dritten Mal) mit präzise jener "Bombast-Show" (wie der Boulevard hechelte), die ihre atemlosen Zehntausend seit zwölf Jahren pro Abend als selbstverständlich voraussetzen. So weit, so bekannt und bewährt. Neu war, dass die Geld- und Glücks-Maschine – 33 Jahre, zwölf Millionen Tonträger – vor Materialermüdung nicht gefeit ist. So geriet die Genesung zur Resurrektion. Die Rückkehr auf die Bühne nach einem grippalen Lungeninfekt wurde in parareligiöser Verklärung als Auferstehung zelebriert.

Die zweifellos beste Sängerin unter den Akrobaten – Fischer trifft jeden Ton in jeder Höhe, selbst zehn Meter über dem Menschen-Meer – hat sich mit Bronchialgewalt als wildentschlossenes Wirtschaftswunder des deutschen Schlagers zurück zum Dienst gemeldet. Das verdient Respekt und Bewunderung. "Sie ist sicher irrsinnig tüchtig", attestiert auch Philosoph und Psychologe Karl Stifter (67). Aber was verkörpert sie, was bewegt sie, wofür steht sie?

Direkt vom Reißbrett

Stifter spricht von der "Faszination durch Unerreichbarkeit" und er ruft Kants These vom "interesselosen Wohlgefallen" in Erinnerung: "Diese Frau sendet asexuelle Sexualreize aus – das entspricht total dem Reinheitsgebot unserer Tage: Correctness, Kontrolle, Minimierung der Zumutbarkeit bei Maximierung der Disziplin." Kurzum: "Sie ist wie ein animiertes Computer-Modell, perfekt bis zur Sterilität, direkt vom Reißbrett."

Statt "Atemlos durch die Nacht" (Fischers Millionenhit seit 2013) atomlos durchgedacht. "Ihr Sex ist ungefährlich", so Stifter, der im selben – kontrollierten – Atemzug an den "Prototypen" gemahnt, ebenso blond, ebenso ebenmäßig, ebenso deutschstämmig.

Doris Day (heute 93 oder 95), geborene Kappelhoff, die ab den späten 1950ern Hollywoods Prüderie auf den Höhepunkt trieb, ohne es je zu Höhepunkten kommen zu lassen. Frank Sinatra ( 1998) knurrte: "Sie ist die einzige Frau, die unter ihrem Slip noch einen trägt." Groucho Marx ( 1977) fügte hinzu: "Ich kannte sie schon, als sie noch keine Jungfrau war."

Christkindl-Gefühle

Soziologie Bernhard Heinzlmaier (66) nennt den Industriezweig Fischer gar "die reine Lüge, nichts als Rolle". Er sieht sie "am ganzen Körper lysoformiert", was dem aktuell herrschenden gesellschaftlichen Ideal der "postmodernen Biederlichkeit" entspräche: "Saubere, deutsche, unangekränkelte Kultur, welche die Fantasien der bürgerlichen Mitte bedient. Ein zeitgeistiger sedierender Gegentwurf zu all den beängstigenden Dystopien, die uns bedrohen."

In exakt die selbe Kerbe schlägt der graumelierte Trafikant aus Wien-Meidling in der Stadthalle, schon verwitwet und in Pension, aber noch stattlich, der den Reporter von Mann zu Mann jovial ins Vertrauen zieht: "I verrat’ Ihna jetz’ wos: Kloa is des a Schönheit. Mit die Augen hob i jo no nix. A so a Figürl – und blond aa no ... Oba, immer wann i ma’s anschau, erinnert s’ mi ans Christkindl. Genau so hab i ma als Bua des Christkindl vorg’stellt."

Schenkt also die fromme Helene ihren Fans keinen reinenWein ein? Bei den Standeln in den Gängen trifft das jedenfalls zu –dort wird nur vorab-gefüllter G’spritzter verkauft. "Wie soll denn da a Unterhaltung zustande kommen?", fragt der brummelnde Begleiter einer glühenden Helenistin, im Stile und in der kongenialen Anmutung des seligen Herrn Karl.

Ist Fischer also nur ein Objekt der weiblichen Begierde? Während Altmeister Werner Schneyder (81) zum Lustfaktor nur Lapidares beisteuert – "Sie ist schön und sie singt gut; wofür sie das hergibt, dafür bin ich nicht zuständig" –, gesteht Dennis Beck (52), Geschäftsführer der Wiener Gesundheitsförderung und davor langgedienter Obmann der Aids-Hilfe offen: "Sie ist auch eine Schwulen-Ikone." Denn: "Sie berührt mit ihren Texten jeden. Sie singt über Gefühle, die uns alle betreffen. Diese Sehnsüchte sind in jeder sozialen Schicht unerfüllt und unerfüllbar. Sie erzählt uns Märchen. Vermutlich auch das, dass sie selbst in einer glücklichen Beziehung lebt." Nicht alle Bewunderer trauen dem Traumpaar Goldkehlchen und Silbereisen.

Unheimlich, aber gut

Professionelle Anerkennung kommt von heimischen Größen. Marianne Mendt (72): "Neidlos gesagt: Mir ist Helene Fischer lieber als die Zillertaler Hosentürln. Auch wenn sie nicht mein Cup of Tea ist." Und Stefanie Werger (66) ist diese Frau zwar unheimlich, aber: "Geschrieben hätte ich ,Atemlos‘ schon gern – ganz ohne mich zu genieren."