Kultur
21.10.2017

Péter Nádas ist das Rohmaterial der Geschichte

Das nächste epochale Werk des Ungarn führt über Suppe und Schuhe zu Hitler und Stalin.

Péter Nádas, dessen Vorfahren Neumayer hießen und vielleicht aus dem heutigen Österreich, vielleicht aus Deutschland kamen, wirft sich als "Rohmaterial" in die Geschichte Ungarns.

In seinen Memoiren erzählt er (vor allem) von den 1940er und 1950er Jahren, als das Land zwei Mal verblutete, zuerst unter Hitler, dann unter Stalin.

Nicht weiter in die Gegenwart geht Nádas, denn dann müsste der 75-Jährige über Menschen berichten, die vielleicht noch am Leben sind, und das wäre bestimmt nicht für alle angenehm.

Also lieber "nur" 1942 bis 1956, als im roten Stern auf der Kuppel des Budapester Parlaments – eine kleine Version des Sterns auf dem Kreml – die Lichter ausgeschaltet wurden.

Beginn des Ungarischen Volksaufstandes.

Aufwendig

Mutter war damals schon tot. Vater brachte sich 1958 um. Péter Nádas war mit 16 Vollwaise.

Als Fotograf und Fotoreporter überlebte er.

Und weil Geschichte die Geschichte von Menschen ist, sind "Aufleuchtende Details" die Geschichten Nádas’. Solche, die er selbst erlebt hat, solche von denen er erfahren hat.

Zur "großen Zeit" mit dem Kampf um Budapest zwischen deutscher Wehrmacht und Roter Armee gehört auch die Kleinigkeit, dass das Kind von seiner Großmutter Cecília Nussbaum gelernt hat, wie man eine Suppe kocht, die nach Rindfleisch schmeckt, obwohl nur Kürbis zur Verfügung steht.

Warum ist die Zubereitung einer falschen Fleischsuppe aufwendiger als eine echte?

So wundert sich der Schriftsteller heute noch.

Zackiger

Und als Rohmaterial (das ist die von ihm gewählte Bezeichnung) zieht er uns ins Vertrauen:

Ein "Schuhgefühl" hatte er damals, Stiefel bedeuteten ihm viel, und eine Frau wollte er sein – weil er Frauen für höherrangig hielt.

Die Verwandtschaft war über seine Spinnereien wenig erfreut. Das waren lauter wissenschaftliche Typen.

Großvater Adolf Arnold wollte Peter zackiger machen. "Männlicher" sollten die Bewegungen des Knaben endlich werden. Durch ein tägliches eiskaltes Bad?

Verbannt

Nádas erinnert sich auf 1.400 Seiten. Man stelle sich vor, er hätte sich auch an seine 1970er erinnert, als in Ungarn nichts von ihm publiziert werden durfte und er sich mit seiner Ehefrau nach Gombosszeg begab – selbst gewählter Verbannungsort bei einem wilden Birnbaum (49 Einwohner)

– und an die 1990er, als er zuerst den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur bekam und später dann auf offener Straße sein Herz für dreieinhalb Minuten stehen blieb ...

"Aufleuchtende Details" erscheint relativ kurz nach den 1.700 Seiten "Parallelgeschichten", an denen Nádas 18 Jahre lang geschrieben hatte: Als Leser stand man damals im Regen, aber mit Genuss – und Gewinn (und 90 Seiten Geschlechtsverkehr).

Bei seinen Memoiren kennt man sich besser aus; und versteht, weshalb er nicht nur logischerweise Diktaturen hasst, sondern auch bei billigen Komödien und Voreingenommenheiten der Republik nicht still wegschauen kann.

Péter Nádas:
„Aufleuchtende
Details“
Übersetzt von
Christina Viragh.
Rowohlt Verlag.
1280 Seiten.
41,10 Euro.

KURIER-Wertung: ****