Schriftsteller Peter May.

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Der alte Bauer macht mehr Angst als der Mörder
06/14/2014

Der alte Bauer macht mehr Angst als der Mörder

Beim Leben deines Bruders. Schottischer "Regionalkrimi" überrascht mit Elvis Presley und einem dementen Zeugen.

von Peter Pisa

Schottische Polizisten sind halt auch nur Schweden.

Soll heißen: so gebeutelt vom Schicksal ...

Fin Macleod (Mitte 30) ist geschieden, denn sein kleiner Sohn wurde beim Spazierengehen auf dem Zebrastreifen von einem unbekannt gebliebenen Autofahrer getötet. Und nur dieser Bub hatte die Eheleute zusammengehalten.

Polizist Macleod kündigt seinen Job in Edinburgh und zieht zurück auf die Hebriden-Insel Lewis, wo er eine schöne Kindheit hatte.

Er will das Dach des leer stehenden Elternhauses flicken, und allein dass auf Lewis fast immer der Regen peitscht und der Sturm durch die Haustüren bläst, ist kein guter Grund, "Beim Leben deines Bruders" zu lesen.

Es wird heute wieder Torf gestochen, um Heizkosten zu sparen. Dabei entdeckt man ein en jungen Mann; tot, Kehle durchgeschnitten.

Das Tattoo

Vergeblich wird gehofft, die Moorleiche könnte jahrhundertealt sein und keine Arbeit verursachen ... das spielt’s nicht: Da ist ein Elvis Presley-Tattoo auf einem Arm. Etwa 50 Jahre lag der Tote im Torf.

Und auch das ist noch nicht das Überzeugende am Roman des 63-jährigen Schotten Peter May, viel beschäftigter Drehbuchautor fürs britische TV. (Zu einfach darf man es den Krimiautoren, die sich heutzutage wie die Karnickel vermehren, nicht machen.)

Der 70-jährige Bauer Tormod Macdonald könnte das Rätsel lösen. Er ist, wie sich herausstellt, mit dem Toten verwandt. Aber er sitzt im Altersheim, seine Frau hat ihn nicht mehr ausgehalten, und wenn er pinkelt, dann legt er seine Brille in den Strahl.

Heimkehrer Macleod mischt sich in den Fall gerade rechtzeitig ein, um – die Brille zu putzen.

Er kennt den dement gewordenen Macdonald gut – als Vater seiner Jugendliebe.

Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem man sagen muss: Dieser Krimi hebt sich aus der Masse hervor, er berührt, er interessiert, er wandert in ein Edinburgher Waisenhaus zurück und hört in den vernebelten Kopf Macdonalds hinein – der übrigens gar nicht Macdonald ist ... man bekommt also genügend "Futter" und bekommt mehr Angst vor dem Altern als vor dem Mörder.

Die Trilogie

"Beim Leben deines Bruders" ist der zweite Teil einer Trilogie. Über Band eins, "Blackhouse", kann – Entschuldigung – an dieser Stelle nichts gesagt werden. Dass er daneben geraten ist, ist kaum möglich. Der abschließende dritte Teil, "The Chessmen", wird nächstes Jahr übersetzt.

Verdattert wegen der eigenen Vorurteile über sogenannte "Regionalkrimis" stellt man fest: Das war jetzt aber etwas sehr Feines...

KURIER-Wertung:

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