Kultur
20.05.2017

"Performeum" eröffnet: Es fehlte nur das LSD

Wiener Festwochen haben ein neues Festivalzentrum – an einem coolen Ort in Favoriten.

Mitte der ’90er-Jahre kam die Idee auf, die Remise in der Engerthstraße als dezentrales Kulturzentrum oder Tanzquartier zu etablieren. Die Kommunalpolitik versagte: Die Remise wurde ein Supermarkt samt Parkplatz.

Erneut steht ein Backsteinbau, ob des Dachstuhls unter Denkmalschutz, zur Disposition: eine ehemalige Lagerhalle der ÖBB am Anfang der Laxenburger Straße. Bereits im Februar 2013 schlug Thomas Kohl, ÖVP-Bezirksrat in Favoriten, vor, diese "Gösser Halle" als Veranstaltungszentrum zu nutzen. Seit letztem Jahr stellen die ÖBB das Gelände immerhin Gruppen und Vereinen zur Verfügung. Im August 2016 etwa ließ das Kindermuseum Zoom ein riesiges Kugelbahnlabyrinth bauen.

Und davor, im Juni, fand das von God’s Entertainment konzipierte "Real Deal"-Festival statt. Die Gösser Halle als "Festivalzentrum" war den ÖBB sogar eine Pressemitteilung wert. Realisiert würde "ein in Wien in dieser Form bis jetzt nicht existentes internationales Festival für die Fusion von Performance, bildender Kunst, elektronischer Musik und Klubkultur".

Aufgemotzt findet es nun erneut statt. Denn die Gösser Halle dient den Wiener Festwochen als "Performeum", als temporäres "Museum für performative Künste", was ein Holler ist, denn ein Museum hat, im Unterschied zur Kunsthalle, eine Sammlung. Eine zentrale Rolle übernimmt natürlich die Gruppe God’s Entertainment, die Stammgast beim Donaufestival unter Tomas Zierhofer-Kin, dem neuen Intendanten der Festwochen, war. Im Performeum zeigte sie zur Eröffnung am Donnerstag als "Super Nase & Co" bekannte Fake-Kunstwerke und ein Reenactment des Videos zu "Famous" von Kanye West mit schlafenden Menschen als Promis.

Nebenan musste man sich die Schuhe ausziehen, wenn man die organische Skulptur "Death Center for the Living" von Daniel Lie betreten wollte, einen sakral anmutenden Raum zum Dösen (und Sterben) auf Stroh.

Zu erkunden waren auch fünf Installationen der Festwochen-Schau "The Conundrum of Imagination", deren Hauptteil im Leopold Museum zu sehen ist. Wie berichtet, geht es unter dem Motto "God, Gold, Glory" um die Aufarbeitung von Kolonialismus. Die Casinos Austra legten passenderweise Goldtaler mit Schokolade als Werbepräsente auf. Und weil wir ja dachten, dass die Wilden Menschenfresser gewesen seien, verkauft Opavivará unter der Marke "Tupycolé" Körperteile am Stil: Füße, Hände, Brüste als Speiseeis um je zwei Euro. Auch als Penis zum Lutschen ein Hit.

Psychedelisch

Der Intendant trug Gehrock mit Rüschchenhemd – wie Syd Barrett und viele andere Musiker 1967. Das war stimmig. Denn das in violettes Licht getauchte, mit Glitter und amorphen Gebilden verzierte "House of Realness" erinnerte samt den Visuals an ein Setting aus der psychedelischen Ära. Nur, dass kein LSD vorrätig war. In diversen Beiträgen ging es laut Ankündigung um "queere ekstatische Praxis als Widerstand". Man lag entspannt auf Sitzsäcken und hörte u.a. einer Sängerin zu, die einen Loop zum Choral überlagerte.

Andere Darbietungen schienen von der Catwalk-Show für den Life Ball übernommen. Ob Mann oder Frau? Egal. Wer es eindeutig mag, wechselte die Straßenseite. Zu "Claudia’s Bar".