Kultur
18.10.2018

Per Gessle's Roxette in Wien: Zu Unrecht abgestraft

Die umstrittene Tour von Roxette ohne Sängerin Marie Fredriksson machte in der Stadthalle wenigen Fans viel Spaß.

„Vielleicht ist es ja eine Ego-Sache. Aber diese Songs sind so ein großer Teil meines Lebens. Ich will sie spielen.“ 

Per Gessle hat auch das Recht dazu. Denn diese Song heißen „The Look“, „Joyride“ und „Dressed For Success“. Und er hat sie geschrieben - all diese Welthits, mit denen das schwedische Duo Roxette in den frühen 90er-Jahren die Pop-Szene dominierte. Doch nachdem sich Sängerin Marie Fredriksson 2016 aufgrund der Folgeerscheinungen einer Gehirntumor-Operation von der Bühne zurückzog, empörten sich viele Hard-Core-Fans darüber, dass Gessle jetzt ohne Marie auf Tour geht. 

Wie sehr sie dagegen sind, zeigte auch das Konzert von „Per Gessle’s Roxette“ in der Wiener Stadthalle F: Halbleer war sie, nur rund 700 waren gekommen. Wenn man bedenkt, dass Roxette 2015 drüben in der großen D-Halle voll waren, wirkt das fast wie ein Boykott.

Aber das Konzept, bei dem Gessle, der gerade ein Country-Solo-Album herausgebracht hat, die Parts von Marie von Background-Sängerinnen singen lässt und die Roxette-Hits mit Pedal-Steel-Gitarre und Violine in etwas anderem Stil interpretiert, funktioniert gar nicht schlecht. 

Helena Josefsson, die seit 2003 immer wieder mit Gessle gearbeitet hat, übernimmt dabei den Hauptteil der weiblichen Gesangsparts. Stimmlich ist die 40-Jährige in der Rolle durchaus passabel. Zwar hat sie nicht das Charisma und das souveräne Auftreten der Frontfrau-Autorität Fredriksson, aber das ist wohl auch Teil des Konzeptes. Gessle wollte auf keinen Fall den Anschein erwecken, irgendwer würde Marie ersetzen. „Sie ist unersetzlich“, erklärte er im KURIER-Interview. „Deshalb sollen die Songs die Stars der Show sein“.

Das waren sie. Und die, die gekommen waren, feierten sie ausgelassen. In das Set der Welthits baute Gessle nur drei seine Solo-Songs ein, dafür aber auch weniger oft gehörte Roxette-Nummern wie „Opportunity Nox“ oder „Milk And Toast And Honey“, weil die zu seinen Favoriten zählen. 

Sonst aber zeigte das Programm eindrücklich, wie viele Welthits auf Gessles Konto gehen: „It Must Have Been Love“, „Crash! Boom! Bang!“, „Listen To Your Heart“, „Dangerous“ und, und, und . . . Und die Energie und die Leidenschaft, mit er und seine neue Band sie in Wien spielten, stand der der glorreichen Roxette-Zeiten in Nichts nach. 

So hatte man nach zwei Stunden und 20 Songs den Eindruck, Per Gessle’s Roxette wurde von den Fans zu Unrecht mit Desinteresse bestraft. Natürlich - ohne Marie, wird es nie wieder Roxette sein, wie man sie geliebt haben. Aber was Gessle bietet, ist eine gute Annäherung, die auch die einzige noch mögliche ist. „Es ist sehr, sehr traurig, dass Marie nicht mehr bei uns sein kann“, rechtfertigte sich der 59-Jährige im Interview. „Aber wenn das so ist, muss ich damit leben. Ich bin aber noch nicht bereit, diese Songs nicht mehr zu spielen. Dazu machen sie mir immer noch viel zu viel Spaß!“

Zumindest in der Stadthalle konnte er diesen Spaß mühelos auf das Publikum übertragen.