Kultur
05.12.2011

Pepys' Tagebücher: Politik und Sex

Man steht mit ihm auf. Tanzt mit ihm. Geht mit ihm aufs Klo und ins Bett: Das Wunderwerk des Tagebuchschreibers Samuel Pepys (1633-1703).

Dass er Bedenken habe, sich heute aufs Pferd zu setzen wegen Schmerzen in den Hoden - das steht nahezu gleichrangig mit Schilderungen der Pest in London (1665; ein Fünftel der Stadtbevölkerung starb) und dem großen Brand in London (1666; vier Fünftel der Innenstadt wurden zerstört).
Das macht Samuel Pepys' Vermächtnis derart besonders. Es ist der Roman seines Lebens. Inklusive ausgiebigem Ehestreit; und Sex; und - zwar nicht als Hauptthema, aber oft und oft für erwähnenswert gehalten - Blähungen. Man spricht seinen Namen "Pieps" aus. Begründung dafür gibt es keine.

Samuel Pepys - geboren 1633 als Schneidersohn in London, gestorben 1703 in London - war Staatssekretär im englischen Marineamt und Abgeordneter im Unterhaus. Er interessierte sich für fast alles, vor allem für Theater, Literatur, Musik und Mathematik.
Nach dem Tod ging die Bibliothek, so verlangte es sein Testament, an die Universität Cambridge. Es dauerte bis 1818, als irgendjemand blätterte und die geheimen Tagebücher entdeckte; was ihn posthum derart populär machte, dass Pepys zu den am häufigsten zitierten englischen Autoren zählt.
Am 24. August erscheint das Wunderwerk zum ersten Mal vollständig in deutscher Übersetzung.
Neun Bände, für jedes Jahr von 1660 bis 1669 ein Buch, insgesamt 4416 Seiten im Haffmans Verlag bei Zweitausendeins. Der Preis liegt bei rund 180 Euro. Bisher gab es bloß drei äußerst beliebte Auswahlbände. Die umfassen allerdings nur knapp 20 Prozent der Tagebücher.
Verleger Gerd Haffmans sagt selbst, es sei der Alterswahnsinn, der ihn zu diesem Großprojekt veranlasst hat. Aber schon vor dem Erscheinungstermin trudelten 2000 Vorbestellungen ein.

Am 30. Juli 1665 blieb er im Schlafrock

Samuel Pepys schrieb täglich. Er griff zur Feder wie die Musiker zu ihren Instrumenten. Rücksichtlos offen, aber in schwer lesbarer Kurzschrift. Denn hätte jemand die Tagebücher zu seinen Lebzeiten gelesen, wäre er zumindest politisch tot gewesen in den turbulenten, korrupten, lasterhaften Jahren (Rückkehr der Monarchie nach der Cromwell-Republik).
Haffmans: "Jeden Morgen stehen wir mit ihm auf und jeden Abend gehen wir mit ihm zu Bett. Wir werden Augen- und Ohrenzeuge einer aufregenden Epoche. Er hat die Enthauptung König Charles I. mit angesehen, war erst Cromwellianer, dann glühender Monarchist ..."
Und am 30. Juli 1665 hat Samuel Pepys "den ganzen Tag Schlafrock, Schlafmütze und Halsbinde anbehalten."

Verschlüsselung: Eigenes Wörterbuch für seinen Sex

Seine Tagebücher schützte er vor neugierigen Blicken, indem er eine Kurzschrift verwendete. Darüber hinaus verschlüsselte Samuel Pepys Stellen, in denen er seine sexuellen Erlebnisse schilderte, mit einem romanischen Sprachgemisch, "Lingua franca" genannt.
Für Österreicher ist ein bisschen schwer, das Mammutwerk zu bestellen: Es ist nur über den deutschen Zweitausendeins Versand erhältlich; dort können sich freilich auch Buchhändler sozusagen als Privatpersonen die Bücher schicken lassen. Es zahlt sich aus. Geboten werden auch zusätzliche Materialien, zum Beispiel das erotische Vokabular. Macht nicht nur Sprachwissenschaftlern Spaß ...

baisai = ich küsste
besarla = sie küssen
calor = Erregung
chose = Geschlechtsteil
cosa = Ejakulation
ellos = Monatsblutung
fregarla = sie streicheln
hermosa = schön
jupes = Röcke
mamelles = Brüste
ôter = ausziehen
pernos = Beine
tocar = berühren
voluptas = Genuss
yo = ich


Diese "Geheimsprache" ist für den Schriftsteller Robert Louis Stevenson, der die Tagebücher als "anerkannten Klassiker" gepriesen hat, Beweis dafür, dass Pepys beim Aufschreiben auch an eine Nachwelt dachte, die sein Mammutwerk einmal zu lesen versuchen würde. "mamelles" und "chose" waren Ausdruck seiner Scham.