Kultur
30.07.2018

"Penthesilea": Der ewige Kampf der Geschlechter

Johan Simons reduzierte Heinrich von Kleists Tragödie bei den Salzburger Festspielen auf zwei Stunden.

Achilleus, der hohnlachende Held der Griechen, wurde, nachdem er im Trojanischen Krieg seinen Gegenspieler Hektor und auch Penthesilea, die Amazonenkönigin, getötet hatte, von einem göttergelenkten Pfeil in die Ferse getroffen – und starb. Heinrich von Kleist erzählt die Geschichte ein wenig anders: Bei ihm ist die Liebe des Peliden Achillesferse. Sie macht ihn verwundbar – und aus dem Krieger einen sentimentalen Hundling, der sich, wiewohl er Penthesilea besiegt hat, ihr zweimal hintereinander geschlagen gibt.

Das allerdings kann nicht gut gehen. Denn der Grat zwischen Kuss und Biss ist schmal: Wer recht von Herzen liebt, könne, lässt Kleist seine Penthesilesa erkennen, „das eine für das andre greifen“. Auch das besinnungslose Wüten und der Wahnsinn liegen nah beisammen: Die Königin erdolcht sich – und folgt „dem Jüngling“ in das Reich der Toten.

Die Verse liegen blank

Dort necken und balgen sich die beiden weiter. Jedenfalls in der Version von Johan Simons, die am Sonntagabend im Salzburger Landestheater als Koproduktion der Festspiele mit dem Schauspielhaus Bochum (und Ergänzung zur „Salome“) Premiere hatte. Der starke Applaus galt wohl in erster Linie Sandra Hüller, bekannt als Tochter von Toni Erdmann, und Jens Harzer. Sie transportieren allein schon durch ihre wunderbare wie deutliche Artikulation Kleists Blankverse in eine fast heutige Sprache.

Das Regiekonzept hingegen enttäuschte. Simons wollte das Trauerspiel, 1808 vollendet, auf die beiden zentralen Figuren – und damit auf den Kampf der Geschlechter – reduzieren. Um den Preis, dass er den Aufbau zerstörte. Denn Penthesilea und Achill haben bei Kleist erst in der Mitte des Stücks ihre erste gemeinsame Szene – nach einem Kampf: Der Pelide trägt die tot geglaubte Königin auf seinen Armen.

Das Geplänkel davor erfahren wir – zumindest im Original – von Boten und Beobachtern abwechselnd auf beiden Seiten. Die auf Hügeln stehenden Kommentatoren, nie um eine Metapher verlegen, berichten, was sich da so tut auf dem Schlachtfeld, wie die Helmbusche von Penthesilea und Achill im aufgewirbelten Staub herumtanzen. Und wir hören auch im jeweiligen Lager, wie sich, gegengleich, Mann und Frau hineinsteigern, wie sie die Lust, das Begehren schüren. Bis sie dann eben tatsächlich auf der Bühne sehr friedvoll aneinandergeraten.

Simons aber hat alle Figuren, den listigen Odysseus wie die besorgte Prothoe, gestrichen. Hüller und Harzer bestreiten den exakt zweistündigen Abend daher von Beginn an gemeinsam.

Vasco Boenisch erstellte zwar eine konzentrierte Fassung. Doch die Geschichte der beiden im Kampf vereinten Liebenden nur über deren Monologe und Dialoge zu erzählen, kann nicht gelingen. Natürlich werden Passagen der Beobachter eingeflochten. Und Boenisch legt auch subjektive Einschätzungen oder Kommentare den Helden in den Mund: „Ich sank ... in Staub“, sagt Harzer zum Beispiel – obwohl dies eigentlich über ihn behauptet wird.

Zu einer Neudeutung führt dies allerdings nicht: Simons beschränkt sich darauf, die Ewigkeit des Geschlechterkampfspiels zu betonen. Er hinterfragt auch nicht, was die Protagonisten auszeichnet, warum gerade sie sich ineinander verbeißen. Eher missglückt ist zudem die szenische Umsetzung. Johannes Schütz legte lediglich einen Lichtstreifen an der Rampe quer zur Bühne, der mit Fortgang breiter, strahlender wird – und sich gegen Ende hin wieder schließt. Dies dürfte vom Parterre aus eine schöne Wirkung haben: Hüller und Harzer, schwarz gewandet, werden von unten angestrahlt.

Geblendet vom Licht

Doch vom Juchhe aus wird man geblendet. Die Sitzplätze in der ersten Reihe sind mit 100 Euro ( der KURIER erhielt eine Pressekarte) völlig überteuert: Entweder muss man sich extrem ducken, um unter dem Geländer hindurchzuschauen – oder man muss den Kopf recken. Im Geknarre der Sitze gehen Textpassagen unter. Und wie bei einer Gegenlichtaufnahme sieht man von den beiden Rasenden mitunter nicht viel mehr als deren Silhouetten.

Zu Beginn umkreisen sich Hüller, eine geradezu protoathletische Bauchmuskulatur zur Schau stellend, und Harzer mit abstrakten Bewegungen im Bühnenhintergrund. Später scharrt Penthesilea (im Gegensatz zum beschuhten Achill bloßfüßig) wie ein Pferd und schreitet stolz wie ein solches. Harzer spielt brutal Gesten der Unterdrückung aus. Hüller kommt angekrochen wie ein Hund – und gibt dem Objekt der Begierde einen Klaps auf den Arsch. Harzer entblößt sich – als Geste der Unterwerfung. Sportiv arbeitet man das gesamte Arsenal ab. Ach ja: In die Achillesferse wird auch gebissen.