Paul Schrader: "Hollywood bricht zusammen"

Paul Schrader in Wien. Der US-Kultregisseur gehörte zu den legendären "Hollywood Brats" wie Scorsese, Spielberg oder Bogdanovich, die in den Siebziger Jahren Filmgeschichte schrieben.
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Der "Taxi Driver"-Autor und "American Gigolo"-Regisseur war im Jänner zu Gast in Wien: Im KURIER.at-Interview sprach er u.a. über die Zukunft des Kinos.

Er war an einigen der bedeutendsten Filmen des New Hollywood beteiligt, schrieb für Scorsese "Taxi Driver", "Raging Bull" und "Die letzte Versuchung Christi". Paul Schrader (64) drehte aber auch selbst große Filme des Independent-Kinos, machte etwa mit "American Gigolo" Richard Gere zum Star.
Anfang des Jahres war der US-Filmemacher in Wien, jedoch in ungewohnter Rolle. Am 19. Jänner hatte sein Theaterstück "Der Cleopatra Club" im Wiener stadtTheater Walfischgasse Europa-Premiere (Regie: Rupert Henning). In dem "Clash of Cultures"-Stück (Termine: siehe ganz unten) werden ein US-Regisseur und ein US-Filmkritiker zu einem Filmfestival in Kairo eingeladen. Dort initiieren sie einen gemeinsamen Aufruf für einen israelisch-palästinensischen Film, der vom Festival abgelehnt wurde. Das mündet in Verfolgung und strenge Verhöre. Die islamisch-fundamentalistische Muslimbruderschaft spielt ebenfalls eine Rolle.

Im KURIER.at-Interview sprach der einflussreiche Regisseur und ausgebildete Filmkritiker über die Wiederentdeckung seines Theaterstücks, über seinen Hauptberuf Filmemachen und zeigt sich pessimistisch, was die Zukunft des Kinos betrifft. Dennoch zeigt der Schöpfer vieler komplexer Filmfiguren einen Sinn für trockenen Humor. Und ein bisschen Optimismus scheint auch bei Schrader durch: So habe bei den "Golden Globes" tatsächlich (ausnahmsweise) diesmal der beste Film gewonnen.

KURIER.at: Sie haben das Stück "The Cleopatra Club" 1995 geschrieben, also lange vor dem 11. September 2001. Aus heutiger Sicht könnte man die Themenwahl fast prophetisch nennen. Wie kam es dazu?

Paul Schrader: Ich hab es geschrieben, weil ich 1995 in Kairo war. Ein paar Sachen, die im Stück passieren, sind mir tatsächlich passiert. So wurde ich damals gleich einmal ausgeraubt - und dann von der Polizei befragt. Dann hörte ich von Begriffen wie Muslimbruderschaft und Al-Qaida, mit denen ich davor nichts anfangen konnte. Das hörte sich interessant für mich an und ich webte das ins Stück ein - allerdings nur als Subtext. Denn das Interessanteste an dem Stück waren für mich die beiden Männer und ihre jeweilige Geschichte.
Aber dann haben die Geschehnisse diesen Subtext zur Hauptsache gemacht. Als das Stück 1997 in New York uraufgeführt wurde, thematisierten die ersten Kommentare eher Filmemachen und Aids. Wenn man jetzt darüber liest, geht es nur um islamistischen Terror und das Aufeinanderprallen der Kulturen. Da haben sich die Prioritäten ganz schön verschoben.

Wie denken Sie über die ungeahnte Aktualität des Stücks, und darüber, dass es nun zum ersten Mal in Europa gezeigt wird?

Das kam komplett unerwartet. Ich bin ja überhaupt kein Theaterautor. Ich hatte nur die Idee zu diesem Stück und dachte, es könnte vielleicht ein Film draus werden. Davor hatte ich gerade einen Film mit Harold Pinter fertiggestellt und hab mich daher dem Theater zugewendet. Es wurde in New York gespielt und dann verschwand es eigentlich aus meinem Leben. Und dann kam vor ein paar Monaten aus dem Nichts plötzlich ein Email: "Wir freuen uns, die Europa-Premiere zu machen ... usw." Das war eine totale Überraschung - aber eine positive Überraschung.

Es mutet etwas seltsam an, dass das Stück nach den Entwicklungen nach 9/11 in den USA nicht wieder gezeigt wurde ...
Na ja, so etwas ist schnell vergessen. Es werden in New York so viele Stücke geschrieben und aufgeführt. Aber wer weiß, vielleicht wird diese Produktion ja noch anderswo übernommen?

Hat man in den USA Probleme mit diesen Themen?
Man hat höchstens das Problem, dass es zu viele Stücke über 9/11 gibt. Die Leute hatten eher genug davon.

Hatten Sie in irgendeiner Form daran gedacht, dass dieser Kampf der Kulturen so dominierend und explosiv werden könnte?
Eher nicht. Dass es im Mittleren Osten schlimm wird, habe ich mir schon gedacht. Das war damals ja im Gespräch. Dass es ein weltweites Problem werden könnte, konnte ich mir nicht vorstellen. Das war ja das Außergewöhnliche an 9/11. Es wurde zum größten Theaterereignis des neuen oder des vergangenen Jahrhunderts, da bin ich mir nicht ganz sicher, wo es hingehört. Aber es war: Theater. Und darum geht es schließlich bei dieser Art des Terrorismus, weniger darum, Leute zu töten.

Zukunft des Kinos

Paul Schrader in Wien. Der US-Kultregisseur gehörte zu den legendären "Hollywood Brats" wie Scorsese, Spielberg oder Bogdanovich, die in den Siebziger Jahren Filmgeschichte schrieben. Foto: APA Paul Schrader in Wien. Der US-Kultregisseur gehörte zu den legendären "Hollywood Brats" wie Scorsese, Spielberg oder Bogdanovich, die in den Siebziger Jahren Filmgeschichte schrieben.

Sie haben davor schon ein Theaterstück geschrieben. Ist das eine Möglichkeit für Sie, dem Hollywood-Business zu entkommen?
Ja, theoretisch schon. Jetzt, da Hollywood bzw. die Filmindustrie zusammenbricht, schreibe ich vielleicht noch ein weiteres.

Glauben Sie tatsächlich, dass die Filmindustrie zusammenbrechen wird?
Ja. Das geschieht ja bereits.

James Cameron hat kürzlich von einer "Story-Krise" in Hollywood gesprochen. Es gebe nur noch Fortsetzungen, die Studios setzen seiner Meinung nach bloß auf bekannte Ware, die bereits vor dem Kinostart eine Marke ist. Es werde kaum Neues ausprobiert.
Ich bin mir nicht sicher, ob es so einfach ist. Wenn man sagt, das Problem liege nur darin, dass es zu wenig gute neue Filme gibt, dann verschließt man die Augen vor der Wahrheit. Die Technologie schiebt den Film beiseite. Film ist die Kunstform des 20. Jahrhunderts, aber nicht die des 21. Jahrhunderts. Und die Idee von einem abgedunkelten Raum, einem Projektor und dem Publikum ist 20. Jahrhundert. Filme, wie wir sie kennen, werden zusehends obsolet. Wir verkabeln unsere Gehirne neu, um es an neue Technologien zu gewöhnen. Wie Filme in Zukunft aussehen werden, darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren. Vielleicht werden sie sich eher den YouTube-Videos annähern.
Es wird zwar noch Kinopublikum geben, aber die Idee des Multiplex ist meiner Meinung nach vorbei. Für Special Performances wie Opern-, Theater- oder Rock-Konzertübertragungen sehe ich eine Zukunft, aber die Idee, sich in eine schwarze Schachtel zu setzen und eine Art TV-Show anzusehen, das ist vorbei.

Die 3D-Technologie wird daran nichts ändern?
Ich bin mir nicht sicher, wie organisch 3D ist. Zurzeit ist es ziemlich erfolgreich, weil man für ein Kinoticket fünf Dollar mehr verlangen kann. Auf diese Weise lässt sich verdecken, dass weniger Leute ins Kino gehen. Aber: Dieses Jahr werden 36 Filme in 3D veröffentlicht. Ob jeder bereit ist, für diese jeweils fünf Dollar mehr zu zahlen? Das glaube ich wirklich nicht.
Diese Produktionen sind teurer, daher müssen auch die Ticketpreise angehoben werden. Wenn man das macht, werden die Leute wiederum offener für Piraterie.

Wie schnell werden die von Ihnen skizzierten Entwicklungen ablaufen?
Die Besucherzahlen in den Kinos gehen Jahr für Jahr zurück. Die Frage ist nur, wann der Boden wegbricht. Und wenn das passiert, kann es sehr schnell gehen. Die DVD hat vielleicht noch ein, zwei Jahre, dann wird sie weg sein. Die Plattenindustrie: Zwei Jahre, dann sind die meisten Plattenläden zu. Die Buchhandlungen New Yorks verschwinden bereits jetzt. Ich war fast schockiert, als ich hierher kam, dass es noch so viele Büchergeschäfte gibt.

Facebook-Film triumphierte zurecht bei den Golden Globes

Sie haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass Sie sich gerade in einer schweren Krise befanden, als Sie "Taxi Driver" geschrieben haben. Letztlich war der Film Ihr Durchbruch. Leiden die Drehbücher von heute an einem Mangel an persönlicher Involviertheit?
Das kommt darauf an, wer sie schreibt. Schon zu der Zeit, als ich an "Taxi Driver" arbeitete, schrieben 99 Prozent der Autoren, um Geld damit zu verdienen. Und dieser Prozentsatz hat sich nicht verändert. An diesem Punkt meines Lebens war es eben so, dass ich für persönliche Therapiezwecke schrieb. Ich hatte daher das Glück, meine Arbeit aus dem bestmöglichen aller Gründe zu betreiben.

Im Vorjahr hat Martin Scorsese den Golden Globe für sein Lebenswerk bekommen, gerade eben Robert De Niro. Läge da nicht eine gewisse Logik drin, wenn Sie nächstes Jahr dran wären?
Ich glaube nicht, dass ich den absoluten Hit hatte, den man für so etwas braucht. Die Golden Globes sind eine finanzielle Institution. Sie verleihen Preise nur an jene Leute, die ihre Gewinne erhöhen können. Scorsese passt da hinein, Bob passt da hinein, aber ich nicht.
Awards werden selten für Worte vergeben. Da geht's immer um andere Dinge. Robert Benton hat einmal zu mir gesagt: Die Academy wird immer einen Weg finden, einen auszeichnen zu können. Aber nie für die richtigen Sachen (lacht).
Aber das könnte heuer ein außergewöhnliches Jahr werden. Eines jener seltenen Jahre, in denen wirklich der beste Film gewinnt. Das passiert sonst nie. Aber "The Social Network" könnte tatsächlich den Oscar gewinnen. Das wäre bemerkenswert - wenn der beste amerikanische Film tatsächlich "Bester Film" wird.

Sie sprechen in Wien auch anlässlich einer Retrospektive zu Ozu Yasujiro im Wiener Filmmuseum. Außerdem wird dort am Donnerstag Ihr Film "Mishima: Life in Four Chapters" gezeigt. Wie kam es dazu, dass Sie so starke Verbindungen zum japanischen - und europäischen - Kino haben?
Das war ursprünglich reiner Zufall. Mein Bruder wollte aus seiner Vietnam-Einberufung rauskommen. Ein möglicher Weg dazu war damals, religiöse Gründe anzugeben. Daher wollte er Missionar werden. Es waren zwei Stellen zur Auswahl: Teheran oder Kioto. Er warf eine Münze, und es wurde Kioto. Dort verlor er seinen Glauben, seine Frau und interessierte sich sehr für die japanische Kultur. Damit hat er mich angesteckt.

Lag es vielleicht auch daran, dass sie in Ihrer Kindheit - bis sie 18 waren - durch ihre streng calvinistische Erziehung keine Filme sehen durften, und daher bis dahin all die amerikanischen Filme nicht gesehen haben?
Natürlich wurde aus mir dadurch ein wesentlich "ernsthafterer" Kinobesucher. Als ich anfing, Filme anzusehen, war ich bereits College-Student. Daher hab ich überwiegend Filme gesehen, die sich Filmstudenten halt ansehen, und interessierte mich nicht für die Highschool-Movies.

"Taxi Driver" soll einzigartig bleiben

Paul Schrader in Wien. Der US-Kultregisseur gehörte zu den legendären "Hollywood Brats" wie Scorsese, Spielberg oder Bogdanovich, die in den Siebziger Jahren Filmgeschichte schrieben. Foto: APA Paul Schrader in Wien. Der US-Kultregisseur gehörte zu den legendären "Hollywood Brats" wie Scorsese, Spielberg oder Bogdanovich, die in den Siebziger Jahren Filmgeschichte schrieben.

Bei der vergangenen Berlinale tauchten plötzlich Gerüchte auf, Martin Scorsese könnte ein Remake von Taxi Driver planen, was Scorsese sofort dementiert hat ...
Das hat Lars von Trier vermasselt. Er hat letztes Jahr in Berlin mit Marty gesprochen. Er wollte eine neue Version von seinem eigenen Film "The Five Obstructions" machen und hatte die Idee, dass man das ja auch mit "Taxi Driver" machen könnte. Marty hat nur irgendwie darauf geantwortet und einer von Lars' Freunden war von der Presse und sog sich diese Geschichte aus den Fingern. Das ist eine dieser Storys, die, wenn sie einmal in die "Blogosphäre" gelangen, nicht mehr wegzukriegen sind. Aber da war nie etwas dran.

Würde ein Remake überhaupt irgendeinen Sinn ergeben?
Wir haben das über die Jahre stets blockiert. De Niro wollte ein Remake machen, in Kopenhagen sollte eine Theaterversion entstehen. Martys und meine Position dazu ist: Wir hatten das Glück, etwas Einzigartiges zu schaffen, das aus gewissen Gründen genau so existiert. Ich habe immer gesagt: Vermasselt es nicht, greift es nicht an, kommt nicht einmal in die Nähe davon (lacht) und: Kopiert es auf keinen Fall. Lasst es einfach so, wie es ist. Die einzige Möglichkeit dabei wäre, es komplett zu vermasseln.

Haben Sie andere Projekte mit Scorsese in der Pipeline?
Ja. Wir arbeiten an etwas. Er würde produzieren, ich Regie führen. Es ist ein Bollywood-Projekt, das ich geschrieben habe. Aber es ist ziemlich tricky, den Cast zusammenzubekommen. Es ist so: Du könntest den größten Bollywood-Star aus Indien bekommen. Aber du weißt, du könntest auch einen ebenso großen US-Star aus Hollywood kriegen. Der meint: Mach mir ein Angebot! Aber du weißt, das kannst du nicht machen, weil der Bollywood-Star bereits zugesagt hat (lacht). Aber wir bleiben da dran.

Es wirkt so, als ob Sie sich auf der ganzen Welt Stoffe suchen: Japan, Ägypten, Indien, ...
... und nächsten Herbst mache ich auch noch einen Film in Mexiko ("The Jesuit"), über einen Latino-Actionhelden. Und davor hab ich in Israel und Rumänien gedreht ("Adam Resurrected"). Die bittere Wahrheit ist, dass Independent-Filmemacher wie aasfressende Hunde sein müssen. Überall auf der Welt halten Sie nach Krümelchen Ausschau, die vom Tisch fallen. Ein Krümelchen hier, ein Krümelchen da, und nach fünf, sechs Monaten ergibt das dann eine Mahlzeit (lacht bitter).

Haben Sie einen grundlegenden Ratschlag, den sie jedem angehenden Autor oder Filmemacher in dieser Situation geben könnten?
(Atmet tief durch) Ich hatte einmal Rat für solche Fälle. Aber die Welt, in der ich anfing, Drehbücher zu schreiben, gibt es nicht mehr. Daher hätten auch meine Ratschläge wenig Sinn. Das wäre so, wie eine Einführung ins Drehbuchschreiben von William Shakespeare zu bekommen. Er mag zwar ein guter Autor gewesen sein, aber das hilft den Leuten heute wenig. (lacht)

Sie haben einmal folgendes Zitat von Mark Twain benutzt: "Es gibt keinen traurigeren Anblick als einen jungen Pessimisten - mit Ausnahme eines alten Optimisten." Sie zählten sich zur zweiten Kategorie. Sind Sie nun ein Optimist oder ein Pessimist?
Ich glaube nicht, dass man da die Wahl hat. Es ist die Frage, wie man die Werteeinschätzung vornimmt. Wenn ich mich frage, ob ich optimistisch in Bezug auf die Menschheit bin, sage ich: Nein. Aber ich bin auch nicht der Meinung, dass sie noch lange in dieser Form existieren wird. Bin ich optimistisch in Bezug auf das, was nach dem Homo sapiens kommt? In 50-75 Jahren werden wir eine neue Art von synthetischer Spezies haben, die auf biochemischen Maschinen beruht. Ich glaube also nicht, dass der Homo sapiens überlebt, wir waren ohnehin schon lange genug da.
Die Leute sagen: "Rettet den Planeten!" Aber das ist nicht der Punkt. Der Planet ist OK, wenn nur keine Menschen darauf wären ... . Nach einem Nuklearkrieg wäre nach 10.000 Jahren alles wieder wie vorher (lacht). Der Planet wäre absolut zufrieden.

Würden Sie darüber gerne einen Film machen?
Ja, ich habe das schon versucht. Aber das Problem ist: Wenn Sie einen Film machen würden über einen Krieg zwischen den Neandertalern und den Homo sapiens, könnten Sie die Tickets nur an die Neandertaler verkaufen, denn Homo sapiens kaufen keine Tickets mehr. Aber wie würde man dann zu Geld kommen? Die Neandertaler wird man wohl auch kaum ins Kino bringen können. (lacht)

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(KURIER.at / Interview: Peter Temel) Erstellt am
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