© Wienkonzert/Andrea Putz

Kritik
07/22/2022

Patti-Smith: Familien-Reunion als Booster für die Widerstandskraft

Die Punk-Poetin war Donnerstagabend zum ersten Mal seit Pandemie-Beginn in der von ihr geliebten Wiener Arena zu Gast.

von Brigitte Schokarth

Eigentlich könnte man die Wiener Arena in Patti-Smith-Arena umbenennen. Die Punk-Poetin steht mit ihrer politischen Haltung und dem unermüdlichen Einsatz für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit für die Werte, die aus diesem ehemaligen Schlachthof ein kultiges Kulturzentrum machten.   

Vor der Pandemie war Smith gefühlt jeden Sommer hier zu Gast. Und beim von 2020 nachgeholten Konzert Donnerstagabend sagt sie es gleich nach dem ersten Song: „Ihr wisst ja, dass ich nicht nur Wien, sondern vor allem die Arena liebe.“ Was sie aber auch gleich dazu sagt, ist, dass sie heute Schwierigkeiten mit der Hitze und der hohen Luftfeuchtigkeit hat: „Es macht mich langsam.“ Am Beginn des Programms bei der Rezitation des Gedichts „Footnote To Howl“ von Allen Ginsberg, oder Songs wie „Redondo Beach“ und „My Blakean Year“ merkt man das noch nicht. Da schöpft die 75-Jährige auch verstärkt aus dem Repertoire ihrer langsameren Songs, wirkt dabei mit dem unverwechselbaren Timbre ihrer Stimme und beschwörenden Gesten genauso beherzt wie früher.

„Free Money“, bei dem sie in der Stimmung zum ersten Mal von meditativ auf kämpferisch und vorwärtsdrängend schaltet, ist ein erster Höhepunkt. Genau wie „Beneath The Southern Cross“ und die Fusion der Songs „I Wanna Be Your Dog“ (von Iggy Pop) und „Walk On The Wild Side" (Lou Reed) in der Mitte des Sets. Dazwischen wird aber gelegentlich auch klar, was Smith eingangs meinte: Sie kann die Kraft ihrer Performance nicht durchgehend aufrechterhalten. Übel nimmt ihr das keiner. Sind Smith-Konzerte in der Arena doch immer wie ein Familientreffen, bei dem Wildfremde einander angrinsen, nur weil es so schön ist, wieder in dieser Gemeinschaft der Gleichgesinnten zusammenzukommen.

Das Ende ist dann mit Smiths größten Hits „Because The Night“, das sie für ihren Mann Fred Sonic Smith (den Papa ihres Sohnes und Gitarristen Jackson) geschrieben hat, und „People Have The Power“ in der Zugabe, der übliche, fast schon rituelle Abschluss des Treffens. „Glaubt daran“, sagt sie, als die 3000 Besucher den Refrain dieser Mutmacher-Hymne lautstark mitsingen. Und in die letzte Wiederholung hinein gibt sie ihren Fans ein „People have the power  – vergesst es nicht“ mit. Auch wenn dieser Auftritt nicht permanent so packend war, wie man es von anderen Patti-Smith-Shows gewohnt war, geht man danach doch mit wesentlich mehr Widerstandskraft gegen das seit Monaten herrschende Bombardement der schlechten Nachrichten zurück in den Alltag.

Nachschlag: Am Freitag, 22. Juli, gibt es einen zweiten (ausverkauften) Auftritt von Patti Smith in der Arena, im Zeichen der Volkshilfe-Aktion "Nacht gegen Armut" und als Ersatz für das für 2020 geplante Linz-Konzert

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