"Sehr elegante Bücher, aber nicht schwierig zu lesen": Patrick Modiano in der Nobelpreis-Begründung

© Reuters/CHARLES PLATIAU

Sich über die Vergangenheit beugen
11/10/2014

Sich über die Vergangenheit beugen

Am Montag erscheinen die "Gräser der Nacht" des neuen Literatur-Nobelpreisträgers.

von Peter Pisa

Früher waren es eher 5000 Exemplare, mit denen Bücher des Franzosen Patrick Modiano an den Start gingen. Damals war er froh, dass er – wie er es ausdrückte – in See gestochen war, bevor der morsche Anlegesteg zusammenbrach.

Am Montag sind es 100.000: "Gräser der Nacht" heißt der neue Roman des heurigen Literatur-Nobelpreisträgers. Jetzt ist er ein Bestsellerautor.

Neu ist der Roman, weil er auf Deutsch erscheint. Aber er ist aus dem Jahr 2012. In Frankreich kommt dieser Tage bereits Modianos 28. Beschwörung in die Buchhandlungen.

Notizbuch

"Gräser der Nacht" ist eine für den mittlerweile 69-Jährigen typische Erinnerungskunst.

Gut geeignet, um erstmals seine Welt zu betreten und die "kleinen" Aquarelle anzuschauen, die entstehen, wenn er die verlorene Zeit sucht und findet.

Modiano erfindet nichts. Er bittet um Stille, niemand möge an der Tür klopfen, das Telefon müsse schweigen ... dann beugt sich der Ich-Erzähler (ein alternder Schriftsteller, es könnte Patrick Modiano selbst sein) über die Vergangenheit.

In ein schwarzes Notizbuch schaut er. Namen lösen sich vom weißen Papier. Er wird wieder jung. Die Reise geht diesmal nicht zurück zur Vichy-Regierung im den Zweiten Weltkrieg – wie in "Ein Stammbaum", wie in "Dora Bruder" (sie werden dieser Tage bei dtv als Taschenbücher herausgebracht) ...

Sondern in den Herbst 1965, als es in Paris unter Charles de Gaulle eine Staatsaffäre gab, die Modiano am Leben erhalten will.

Der Erzähler erinnert sich an ein Mädchen, Dannie, vielleicht war sie Studentin, vielleicht stammte sie aus Casablanca, jedenfalls wurde Dannie für einige Wochen seine (dunkle) Geliebte. Durch sie lernte er "im Hinterland von Montparnasse" eine Gruppe zwielichtige Typen kennen. Flüchtig waren die Begegnungen, heimlich die Beobachtungen, und bestimmt hatten alle etwas mit diesem Mord zu tun:

Der führende marokkanische Oppositionspolitiker Mehdi Ben Barka war nach Paris gelockt und am helllichten Tag vor der berühmten Brasserie Lipp entführt worden. Vom Geheimdienst der ehemaligen französischen Kolonie UND von französischen Agenten bzw. Polizeibeamten.

Spaziergänge

In der Villa eines Bordellchefs wurde Ben Barka versteckt und im Beisein des herbeigeeilten marokkanischen Innenministers zu Tode gefoltert. Die Leiche wurde nach Rabat geflogen und dort angeblich in Säure aufgelöst.

Bis heute fehlt es an Aufklärung – an der Modiano in "Gräser der Nacht" gar nicht so sehr interessiert ist:

Hier zählen viel mehr die Spaziergänge mit Dannie auf den Uferstraßen von Paris. Sie sollen nicht verschwinden. Nie. Und falls diese Frau in den Mord verwickelt war, stellt sich zunächst die Frage: "Haben wir das Recht, über die zu urteilen, die wir lieben ..?"

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