Parov Stelar wurde in Linz geboren und gründete dort auch sein erstes Label.

© Jan Kohlrusch

Kultur
05/16/2019

Parov Stelar: "Linz hatte musikalisch Vorreiterrolle“

Der König des Elektroswing über seine Jugend auf Zeltfesten, die Studienzeit in Linz und was ihm Oberösterreich bedeutet.

Wie war das, als junger kreativer Mensch im Mühlviertel aufzuwachsen? Mit 16 trugen Sie Anzug und fuhren Vespa. So sind sie wahrscheinlich nicht zum nächsten Zeltfest nach St. Martin?
Parov Stelar: Sie werden lachen, aber ich bin mit dem Anzug und der Vespa, die ich übrigens immer noch habe, auch aufs Zeltfest nach St. Martin gefahren. Ich hatte mein Schuhputzzeug natürlich mit. Denn: Wo kannst du mehr polarisieren? Wir waren eine Clique, die sich anzog wie im London der 60er-Jahre. Allgemein war es sehr beschützt, dort aufzuwachsen. Ich habe viel Erdung mitbekommen, das macht mich aus.

Sie waren schon als Teenager viel im Linzer Nachtleben unterwegs, im Café Landgraf, der Stadtwerkstatt, im Tunnel und im Cembran-Keller. Sie begannen, Flyer für Partys zu designen.
In den 90er-Jahren herrschte Aufbruchsstimmung in der Stadt, Techno war riesig. Linz hatte musikalisch eine Vorreiterrolle. Mit „Danube Rave“ und Ähnlichem war man am Puls der Zeit. Das war noch so richtig Underground. Damals waren wir weit davon entfernt, dass elektronische Musik salonfähig ist.

Aber man spürte: Da passiert gerade was.
Die Verkleidungen mit Gas-Masken und Ledermantel waren nicht mein Ding. Aber es war interessant zu beobachten, dass da etwas entsteht, das man noch gar nicht so konkret benennen kann.

Wieso sind es genau die mittelgroßen Industriestädte, wie Detroit oder Linz, in denen viel Musik entsteht?
Platz ist ein entscheidender Faktor. Wenn jedes zweite Gebäude denkmalgeschützt ist, kann wenig Neues entstehen.

Hätte Linz den Berliner Weg einschlagen sollen?
Der damalige Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, erkannte, dass die Techno-Bewegung wichtig ist. Er sagte nicht: „Da gehts nur um Drogen." Und plötzlich war die Kreativwirtschaft der größte Anziehungsfaktor Berlins – Menschen aus London und New York sind hingezogen. Das ist damals in Linz leider Gottes verabsäumt worden. Da hat man, glaube ich, schnell Angst vor dieser neuen Welt bekommen und Regeln eingeführt.

Wieso haben Sie sich dafür entschieden, experimentellvisuelle Gestaltung in Linz zu studieren?
Weil Professor Herbert Lachmayr eine Koryphäe auf seinem Gebiet war und die Linzer Kunstuni einen sehr guten Ruf hatte.

Was haben Sie vom Kunststudium mitgenommen?
Professor Lachmayr war ein richtiger 68er, ein Freidenker. Er hat mir gezeigt, dass man keine schnellen Urteile fällen sollte. Dass der zweite Blick wichtiger ist. Er ist immer im adretten Anzug dahergekommen und klargemacht: Nicht jeder, der sich gut anzieht, ist gleich ein Spießer.

Sie haben einmal gesagt: "Linz ist der Ort, den sich meine Eltern ausgesucht haben und wo ich auf die Welt gekommen bin. Das kann man nicht ändern." Wie ist ihr Verhältnis zur Heimat?
Ich kann nicht behaupten, dass Linz grausam zu mir war. Es war damals allgemein eine schwierige Zeit als Musiker. Was ich generell in Österreich vermisse: ein gesundes Selbstbewusstsein. Das kann ruhig ein kritisches sein. Aber hierzulande wartet man lange, bis man sagt: Okay, das ist cool. Und dann ist nur das cool und es wird nur noch über das berichtet. Dieses Auf-Nummer-sicher-Gehen finde ich langweilig.

Bevor Sie nach Mallorca gezogen sind, hatten Sie ihr Büro in der Linzer Altstadt, ihr Studio in einem umgebauten Bauernhof in Altenfelden, davor in Rohrbach. Wieso?
Ich dachte mir: Man kann die Welt auch von hier aus erobern. Und das hat bis zu einem gewissen Grad auch gut funktioniert. Es war ein Stilbruch. Genauso, wie ich angefangen habe, alten Swing mit elektronischer Musik zu mixen. Stilbrüche machen Dinge erst interessant.

Der schönste geheime Platz in Oberösterreich, den Sie uns verraten können?
Wenn du von Lichtenberg nach Puchenau und weiter nach Ottensheim fährst: Ein Blick über das ganze Mühlviertel und die Donau. Früher bin ich da, wenn die Gedanken nicht zur Ruhe kommen wollten, mitten in der Nacht hingefahren. Ein Kraftplatz. Ich habe da viel Zeit verbracht. Manchmal vermisse ich diesen Platz sehr.

Welche Musik lief dabei?
Solche Momente habe ich immer in Stille erlebt, ohne Musik. Wenn du den ganzen Tag im Studio sitzt und Beats hörst, ist es irgendwann genug. Wenn ich im Taxi am Weg zu einem Auftritt bin, bitte ich immer darum, die Musik abzudrehen. Stille ist der Luxus der Musiker.

Als Jugendlicher haben Sie als Nebenjob am Wochenende Bierfässer gereinigt. Die beste Brauerei in Oberösterreich?
Das Hofstettner Bier aus St. Martin im Mühlkreis.

Sie sind bekennender Genießer. Ihre Oberösterreich-Lokalempfehlungen, bitte.
Das kann nur der Kepplinger-Wirt in St. Johann sein.

Was muss man dort bestellen?
Wurscht was. Einmal hatten wir im Sommer Tour-Pause und ich bin 15 Tage hintereinander hingegangen. Am 16. Tag hatte ich keine Zeit. Der Junior-Chef, Heinz Kepplinger, hat mich gleich angerufen und gefragt: Ist eh alles in Ordnung?

Sie leben Großteils in Ausland, auf Mallorca. Welche Eigenschaft, die besonders oberösterreichisch ist, wird Ihnen da an Ihnen selbst bewusst?
Handschlagsqualität. Der Fließenleger hier legt die Fließen, wie er das bei sich zu Hause tun würde – Handwerkerehre. In Spanien versucht der, so schnell wie möglich fertig zu sein – oder kommt erst gar nicht. Die Oberösterreicher sind sehr verlässliche Menschen.

 

Parov Stelar wird 1974 in Linz als Marcus Füreder geboren. Er gilt als einer der Pioniere der Musikrichtung Elektro-Swing und ist der aktuell wohl erfolgreichste lebende Musiker aus Österreich. Mit Live-Band tourt er durch die ganze Welt. Stelar ist mit der Sängerin Lilja Bloom verheiratet und lebt mit dem gemeinsamen Sohn Max auf der Insel Mallorca.

 

 

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