Ostrowski spricht über Ott und die Welt

Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott).
Foto: Luna Film

Michael Ostrowski, Hauptdarsteller in "Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott" über seine Filmpartnerin, Graz und den "Würstl-Hannes".

Eine 85-jährige Kammerschauspielerin dazu zu bringen, im Nachthemd aufs Bett zu steigen und einen wiehernden Lipizzaner zu spielen - das ist dem Team um Regisseur Andreas Prochaska, Michael Ostrowski, Alfred Schwarzenberger und Uwe Lubrich gelungen. Sie haben das Drehbuch für diese herrlich fiese "Lower Comedy" nach US-Vorbild erarbeitet (Kinostart: Freitag, 1. Oktober). Es ist der Beweis dafür, dass aus Österreich längst nicht bloß Kabarettistenkomödien kommen müssen.
Da werden Gummipuppen aufgeblasen, Marihuana-Pfeifen kreativ benutzt, der beste Freund in einer Stretch-Limousine betrogen und eben Frau Elfriede Ott einfach aus dem Krankenhaus "ausgeborgt". Als Ersatz für die Oma von Horst (Andreas Kiendl), die längst gestorben ist, für die Horst aber noch die Pension kassiert und der der Bezirksvorstand zum runden Geburtstag gratulieren möchte. Noch Fragen?
Alle weiteren Fragen beantwortet Michael Ostrowski, bekannt aus Filmen wie "Nacktschnecken", als Amadeus-Moderator und Ensemble-Mitglied des Grazer Theater im Bahnhof, im KURIER.at-Interview.


KURIER.at: Was war zuerst da? Die Ott oder der Plot?
Michael Ostrowski: (lacht) Der "Ott-Plot" war von Anfang an immer klar. Für diese Handlung kam nie jemand anderer in Frage. Schon in der Urfassung, die Uwe Lubrich und Alfred Schwarzenberger verfasst haben, und zu der ich beigezogen wurde, war der Plot schon mit der Ott verknüpft.

Wie seid ihr eigentlich auf Elfriede Ott gekommen?
Man hat natürlich eine Person gesucht, die jeder kennt. Weiters hat man sich überlegt: Wer könnte diesen Losern möglichst viel Stress machen? Und da war Frau Ott von ihrer komödiantischen Seite her prädestiniert: Allein schon mit ihrer Stimme und dass Sie da einmal aufdreht und den Jungs die Nerven raubt.
Außerdem ist sie eine der letzten lebenden Ikonen aus einer vergangenen Zeit. Sie hat mit Hans Moser oder mit Maxi Böhm gespielt. Sie war für uns als Figur über die Jahrzehnte spannend.

Sexpuppe und Babyflascherl

Natürlich gehört dann auch dazu, dass sie bei dem "Schabernack" auch mitmacht. Sie muss ja einiges über sich ergehen lassen. War es schwer, sie zu überreden?
Als sie die erste Fassung zu lesen bekommen hat, hat sie einfach einmal "Ja, ja" gesagt und eigentlich nicht daran geglaubt, dass sich da noch einmal jemand melden wird. Als es dann tatsächlich so weit war, dass wir das fertige Drehbuch präsentieren konnten, besuchten wir - Andreas Prochaska und ich - sie in den Kammerspielen. Dort haben wir uns sofort gut verstanden und da sie - und auch ihr engeres Umfeld - das lustig gefunden haben, war es überhaupt kein Thema mehr, dass das nichts werden könnte.

Waren ihr da schon Einzelheiten der Handlung - wie die Sexpuppe und das mit Betäubungsmitteln gefüllte Babyflascherl - bekannt?
Sie hat schon manchmal gesagt: "Na, ich weiß nicht, was das alles ist. Wie soll man das alles filmen?" - Sie hat sich aber sehr wohl gefühlt und hat Andreas Prochaska sehr vertraut. Natürlich waren da Sachen drin, bei denen wir uns selbst gedacht haben: "Uiuiui, hoffentlich findet sie das auch lustig" - Aber Frau Ott hat sich nie verarscht gefühlt. Wenn einmal etwas im Text nicht so zu ihr gepasst hat, hat sie das auch immer gesagt. Die Änderungen waren aber miminal.

Frau Ott fährt im Film etwa im Rollstuhl auf die Bühne. Das weckt die Assoziation: Hier kann jemand einfach nicht aufhören, Theater zu spielen. Da gehört wohl sehr viel Selbstironie dazu, das zu spielen ...
Ich glaube, dass es für sie etwas ganz Natürliches ist, bis zum Schluss Theater zu spielen. Bei Fritz Muliar war es ja auch so. Für Theatermenschen, die im hohen Alter noch auf der Bühne stehen, ist das nichts Besonderes.

Wobei Elfriede Ott natürlich noch keinen Rollstuhl braucht und weiterhin gut drauf ist, wie man auch im Film sehen kann ...
Natürlich hat man Frau Ott so weit wie möglich entlastet. Bei manchen Szenen hat man Doubles eingesetzt, oder Puppen - aber nicht die Gummipuppe ... (lacht). Aber es gab auch für sie beim Drehen zwei Zwölf-Stunden-Tage. Da hab ich sie wirklich bewundert. Es ist selbst für jüngere Schauspieler anstrengend, zwölf Stunden durchgehend zu drehen. Sie hat es echt ohne Eitelkeit, ohne herumzumucken, super gemacht.

Wie war's mit Ihrem Theater-im-Bahnhof-Kollegen Andreas Kiendl zu drehen?
Das war lustig! Es war ja auch von Anfang an für uns beide geschrieben. Wir kennen uns ja noch vom TiB, das letzte Mal haben wir aber 2004 in Elfriede Jelineks "Burgtheater" miteinander gespielt.

"Auf Hochglanz polierte Fernsehfilme interessieren mich weniger"

Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott). Foto: Luna Film Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott).

Die Rolle erinnert an "Nacktschnecken" und "Contact High", studentische Loser, die ihre finanzielle Lage aufbessern wollen und etwas planen. Waren Sie es, der diese spezielle Note ins Drehbuch hineingebracht hat?
Nein, Horst und Toni waren von Anfang an so gezeichnet - der eine eher passiv, sitzt meistens zuhause und wird dann cholerisch. Und der andere, der alles leicht nimmt und auf sich zukommen lässt. Ich finde aber, dass die Figuren sehr unterschiedlich sind. Der Max aus "Nacktschnecken" ist einer, der große Ideen hat, große Reden schwingt, aber dann doch unsicher ist. Der Toni Cantussi ist dagegen die absolute Naivität, hat kein Interesse an großen Theorien - Der will gern ein gutes Auto haben, und möglichst pudern, wenn's geht und was Gutes zum Essen und Trinken haben. Was ähnlich ist, ist das Milieu des nicht ganz gelungenen Lebens. Die ist ganz eindeutig da.

Sie kehren immer wieder zu Figuren in diesem speziellen Milieu zurück. Macht das auch Spaß, diese "Loser" zu verkörpern?
Ich kann mich mit diesen Typen sehr gut identifizieren. Es interessiert mich, so ein Leben zu erzählen, weil darin ein sehr großes komödiantisches Potenzial steckt, weil es aber auch eine Realität aus unserem Leben widerspiegelt. Diese auf Hochglanz polierten Fernsehfilme interessieren mich weniger. Ich weiß nicht, wer diese Menschen in schön gebügelten Hemden sind, die mir in den aufgeräumten Wohnungen begegnen. Die gibt's nur im Fernsehen. Auch "Nacktschnecken", mein erstes Drehbuch, war vielleicht auch eine Reaktion darauf, die Welt so zu zeigen, wie ich sie kenne und lustig finde.
Das war davor unterrepräsentiert, hatte ich den Eindruck. Die Drehbücher von "Nacktschnecken", "Kotsch" und "Elfriede Ott" wurden in einer ähnlichen Zeit geschrieben.

Und wie lange wird es Spaß machen, diese Rollen zu verkörpern?
Wenn man sich die Judd Apatow-Filme ansieht, z.B."Beim ersten Mal". Da ist auch Seth Rogen immer mit von der Partie - auch als Drehbuchschreiber, Hauptdarsteller - und keiner fragt ihn: Warum spielen Sie mit Mitte Dreißig noch diese Typen? Das sind einfach Genrefilme, die manchmal das Genre erweitern. Da geht's mehr darum: Worauf hat man Lust in einer Gruppe und was hat eine Relevanz? Und so lange macht man das. Sobald man das Gefühl hat, dass es uninteressant wird, macht man's nicht mehr.

Der Würstl-Hannes

Das Grazer Milieu kommt hier ganz deutlich zum Vorschein. Graz war selten als Filmschauplatz so präsent. Hätte es auch eine andere Stadt sein können?
Die Größe von Graz war natürlich ideal für eine Geschichte, bei der sich die Leute über zwei, drei Ecken alle kennen. Da braucht man nicht viel zu erklären. In Graz ist das so: Der Toni kennt den Geri, den Autohändler, weil er halt die Stretch-Limo von ihm hat. In Graz gibt's halt einfach nur zwei Autohändler, die Limos verchecken. Andererseits hat uns die Stadt deshalb interessiert, weil sie als Filmschauplatz eine sehr interessante und wenig erforschte Stadt ist.

Das wundert einen, weil Graz oberflächlich gesehen eine sehr schöne Stadt ist. Was könnten dafür die Gründe sein?
Das hat sicher damit zu tun, dass die lokalen Filmförderungen bis jetzt immer recht klein dotiert waren. Wenn du einen größeren Film drehen willst, brauchst du immer den Wiener Filmförderungsfonds. Das Zweite ist, dass viele Filmemacher von Graz weggegangen sind. Andreas Prochaska hat Graz kaum gekannt und hat eine große Lust entwickelt, die Stadt kennenzulernen, zu erforschen und im Film zu zeigen. Wir wollten es von der Sprache her dort verankern, wo wir geglaubt haben, dass es richtig ist.

Viele Schauplätze sind ja in der Nähe des Theater im Bahnhof, von der Kegelbahn Scheff bis zum Imbissstand "Würstl-Hannes" ...
Ich merk schon, Sie sind da ein Spezialist. (lacht) Den "Würstl-Hannes" gibt's ja in der Form mittlerweile gar nicht mehr. Ich hätte fast geweint! Jetzt hat er eine Holzhütte. Ich bin ja so froh, dass wir den orangen "Würstl-Hannes"-Bus noch im Film haben ...

Nein, echt? Das sind ja dann fast historische Aufnahmen ...
Es IST historisch. (lacht) In "Contact High" hatten wir noch den Südbahnhof groß im Bild, der ist mittlerweile auch abgerissen worden. Wir müssen in Zukunft, glaub ich, aufpassen, wo wir filmen!

Der Geist Nestroys

Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott). Foto: Luna Film Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott).

Im Ott-Film spielen Nestroy-Couplets eine nicht unwichtige Rolle. Sie
spielen auch Nestroy im Herbst. Ist das Zufall?

Eigentlich ist es Zufall. Aber man weiß eh, wie das so ist, mit Zufällen … Das Schauspielhaus Graz ist auf mich zugekommen, weil ich die ideale Besetzung für diesen Revoluzzer Ultra wäre, der die Freiheit nach Krähwinkel bringen will. Das hat sicher auch mit den Typen zu tun, die ich immer wieder verkörpert habe. Daher ist das eher ein halber Zufall. Aber: Lustig ist auch, dass ich an den Wiener Kammerspielen ein Engagement hatte und quasi abwechselnd mit der Elfriede Ott in der gleichen Garderobe war. Gerade jetzt, fast gleichzeitig mit dem Film kommt "Ladies Night" wieder ins Theater. Und da der Geist Nestroys auch Kollegium Kalksburg für die Filmmusik engagiert. Die kommen ja auch aus der Tradition des Wienerlieds und der Nestroyschen Couplets. Dass der Nestroy jetzt wieder zurück kommt, anhand der "Freiheit in Krähwinkel", gefällt mir. Ich find das schön, wenn alles ein bisschen miteinander zu tun hat.

Da fiele mir noch eine Verbindung ein: bei der NESTROY-Verleihung 2004 wurde auch Ihr Alter Ego Schallbert Gilet einer breiteren Öffentlichkeit vorgeführt ...
Er wurde von sich selbst vorgeführt ... (lacht)

Wie hat sich diese Figur seither entwickelt?
Fangfrage! Ich freue mich immer, wenn ich ihn treffe. Sein Vorteil ist: Er ist mit niemandem verbandelt. Er hat nicht das Problem, dass er jemanden privat kennt und sich daher auf der Bühne überlegen müsste: "Was sag ich jetzt?"
Ich finde er hat sich zum Positiven entwickelt - vor allem publikumsmäßig. Von 900 Zusehern bei der ersten NESTROY-Verleihung im Ronacher bis zu 35.000 Menschen live am Wiener Rathausplatz bei den Wiener Festwochen. Das wird schwer zu toppen sein. Eigentlich war's das jetzt... (lacht)

Verschiedene Hochzeiten

Wie schafft man die Balance - wie vor kurzem bei der Amadeus-Gala - das mit einem gewissen Augenzwinkern zu behandeln, aber doch dem Anlass gerecht werden zu wollen?
Das ist die sehr große Herausforderung bei dieser Veranstaltung, wie bei allen Preisverleihungen. Es ist ein sehr großes Pflichtprogramm zu erledigen und es ist immer ein sehr großer Spagat zwischen volkstümlicher Musik und Hard'n Heavy - ich glaub', vielmehr muss man eh nicht sagen. Und dann muss das Ganze noch sowohl für das Saal- als auch für das Fernsehpublikum funktionieren. Wenn man da nicht eine gewisse Ironie an den Tag legt, wird das echt eine schwierige Aufgabe!
Ich versuche da immer an die Grenze zu gehen - zwischen einer Verarschung und einem Ernst-Nehmen des Ganzen. Ich will aber auf keinen Fall Geehrte verarschen, sondern eher das Genre oder auch mich selbst.
Natürlich muss man dennoch die Veranstaltung gut und professionell durchführen. Und bei diesem Grenzgang, da freu ich mich immer über den Schallbert, weil er zwar sehr unberechenbar ist, aber dann doch funktioniert, wenn's darauf ankommt. Wie früher Harald Juhnke...

Wie reagieren die Geehrten darauf?
Also, Schläge hab ich noch keine bekommen. Es war eher gute Stimmung für'n Schallbert. Ich finde, dass sich die Veranstaltung gut entwickelt, es ist ein Lernprozess. Die Reform im vergangenen Jahr mit dem Schwerpunkt auf Österreichische Musik, wertet den Preis ungemein auf. Man versucht halt, mit einem weit geringerem Budget das gleiche zu machen wie die MTV Awards.

Sind Sie dem Theater im Bahnhof noch immer stark verbunden?
Im Film "Kotsch" sagt die Figur, die ich spiele, auf die Aufforderung, doch nach Wien zu gehen, "wenn man schon so gscheit is!": "Glaubst, ich lass' mich entdecken?" (lacht) Darin liegt eigentlich eh schon alles. Ich lass' mich natürlich schon gern entdecken, aber ich bleib' sehr gern auch in Graz, weil ich einfach mit den Leuten vom TiB und anderen Freunden hier sehr gerne arbeite. Aber deswegen muss ich auch nicht die ganze Zeit nur in Graz sitzen und mich darüber freuen, dass ich daheim bin. Ich finde es sehr schön, auf verschiedenen Hochzeiten zu tanzen.

(Interview: Peter Temel)

Zur Person: Michael Ostrowski

Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott). Foto: Luna Film Horst und Toni: Andreas Kiendl und Michael Ostrowski (rechts) bekommen plötzlich große Probleme mit einer "Leih-Oma" (Elfriede Ott).

Steiermark
Michael Ostrowski (eigentlich Michael Stockinger) wuchs in Rottenmann in der Steiermark auf. Er studierte in Graz, Oxford und New York. 1993 erste Auftritte in der experimentellen Grazer Theatergruppe Theater im Bahnhof mit Ed Hauswirth. 2002 gewann er mit ihnen den Nestroy-Theaterpreis für die beste Off-Produktion.

Film
Seine erste Kinofilmrolle erhielt er 2002 in "Nogo". Sein bisher bekanntester Film war die Komödie "Nacktschnecken" aus dem Jahr 2004. Michael Glawogger führte Regie, Ostrowski hatte das Drehbuch Ende der 90er-Jahre verfasst. Der Nachfolger "Contact High" (2009) konnte den Erfolg von "Nacktschnecken" nicht übertreffen. Weiters Auftritte in den Filmen "Kotsch" und "Slumming".

Moderator
Unter seinem Alter Ego Schallbert Gilet moderierte er unter anderem die "Krone-Fußballgala", 2003 die Nestroy-Gala. 2008, 2009 sowie 2010 führte er durch das Programm des Amadeus Music Award.

Herbst
Ab 2. Oktober ist Ostrowski wieder in Stephen Sinclair und Anthony McCarten "Ladies Night" an den Wiener Kammerspielen zu sehen.
Am 13. Oktober hat Nestroys "Freiheit in Krähwinkel" am Schauspielhaus Graz Premiere.
Ab 7. November läuft wieder die Theater im Bahnhof-Produktion "Demokratie - Die Show" am Schauspielhaus auf der Probebühne. Ostrowski präsentiert gemeinsam mit Pia Hierzegger aktuelle politische Themen.

(KURIER.at) Erstellt am
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