© English National Opera/Screenshot

Kultur
03/19/2021

Opernsänger helfen Coronapatienten gegen die Angst zu ersticken

Die English National Opera unterrichtet via Zoom in Techniken, die gegen Panik beim Luftholen nützen.

Von Susanne Zobl

Sheeba kannte dieses Gefühl, diese Beklemmung, diese Angst, die sie jäh aus ihrem Schlaf riss und ihr den Atem raubte. Seit sie sich im März des vergangenen Jahres mit dem Coronavirus angesteckt hatte, war für sie das Selbstverständliche in ihrem Leben nicht mehr selbstverständlich. Atmen, einfach ein- und auszuatmen war für die junge Mutter zweier Kinder Schwerstarbeit.

Keine Panik

Doch in jener Nacht geriet sie nicht in Panik. Sie hatte gelernt, mit ihrem Problem umzugehen. Sie wusste, worauf es ankommt: sich zu entspannen und den Körper in die richtige Position zu rücken. Wie, das hatte sie Suzi Zumpe, Gesangsspezialistin und Kreativdirektorin der English National Opera gelehrt. Sheeba ist jedoch keine Opernsängerin, sondern Sozialarbeiterin in London und eine von 150 Absolventinnen des Programms „Breathe“ („Atmen“) der English National Opera.

Londons zweitgrößtes Opernhaus hatte die Nöte, die das Virus im Vereinigten Königreich ausgelöst hat, schon früh erkannt. Als erste Maßnahme wurden in der hauseigenen Schneiderei Schutzanzüge für das medizinische Personal angefertigt. Das Coliseum, der Sitz der Kompagnie, wurde zur Teststation umfunktioniert. So ergab eins das andere.

Wenige Monate nach Ausbruch der Pandemie wurden die ersten Nachwirkungen sichtbar. Für viele Covid-Patienten war das Kapitel Corona nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht abgeschlossen. Gelenksschmerzen, Gedächtnisschwächen, Müdigkeit und Atemnot, mit der Panikattacken und Angstzustände einhergehen, zählen zu häufigen Langzeitfolgen. Für Jenny Mollica, der Direktorin des Ausbildungsprogramms des Opernhauses, war klar, dass man da helfen konnte.

„Gesangsausbildung ist an unserem Haus tief verwurzelt“, sagt sie. Daher hatte sie auch das Personal dafür im Haus. Eine ist die Gesangsexpertin und Kreativdirektorin Suzi Zumpe. Gemeinsam mit Sarah Elkin, einer Expertin für Erkrankung der Atemwege am Imperial Hospital in London, begann Zumpe im Frühsommer ein Hilfsprogramm für Corona-Patienten, die unter Atemnot leiden, zu entwickeln.

So entstand „Breathe“.

Patienten, die an Atembeschwerden litten, wurden ermittelt. Das Angebot, einen Kurs an einem Opernhaus zu absolvieren, wurde jedoch nicht von allen ohne zu zögern angenommen. „Einige hatten zuvor noch kein Opernhaus betreten, andere wussten gar nicht, dass es die English National Opera gibt“, erzählt Jenny Mollica.

Eine von ihnen war Sheeba. Die in Kashmir geborene Sozialarbeiterin hatte jedoch Zweifel, ob sie überhaupt für einen solchen Kurs in Frage käme, denn einerseits verfüge sie über keine Kenntnisse, was Opern betrifft, und andererseits ist Englisch nicht ihre Muttersprache. Doch bald erkannte sie, dass ihre Bedenken unbegründet waren.

Atmen als Werkzeug

Denn in diesem Kurs ging es nicht ums Singen um des Gesangs Willen. Es ging um ihr Problem, nämlich wieder atmen zu lernen. „Wir versuchen, den Menschen ein Werkzeug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie ihre Probleme selbst in den Griff bekommen“, sagt Mollica.

„Breathe“ spiegle das wider, was bei Opernsängern angewandt werde, setzt sie fort. Die Betonung liegt jedoch auf spiegelverkehrt. Denn bei „Breathe“ lernt man Atmen durch Singen, in der Gesangsausbildung lernt man bewusst zu atmen, um zu singen. „Manche finden auch, dass ihre Sprechsprache nicht mehr so funktioniert, daher versuchen wir, ihnen Instrumente zu geben, die sie ihren Körper besser spüren lassen“, ergänzt Zumpe. Ziel des Programms ist die Beschleunigung des Heilungsprozesses, aber auch die mentale und emotionale Unterstützung der Patienten.

„Wer an Covid erkrankt ist, fühlt sich meist sehr einsam. Wir wollen den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind“, erklärt Mollica.

Die „Breathe“-Kurse sind für einen Zeitraum von sechs Wochen angelegt. Eine Stunde pro Woche wird per Zoom eine Gruppe unterrichtet. An den ersten Kursen nahmen Menschen von 27 bis über 80 Jahren aus allen Gesellschaftsschichten teil.

Zu jeder und jedem einzelnen Teilnehmer nehmen die Mitarbeiter der Oper persönlich vorab Kontakt auf. „Oft haben ältere Personen noch nie mit Zoom kommuniziert“, da müsse man mögliche Schwellenängste abbauen, erklärt Mollica.

„In einen Computer zu singen, ist schon etwas bizarr, aber für viele, denen es sehr schlecht geht, ist das die große Hoffnung“ sagt Zumpe.

Die Übungen mögen auf einen ersten Blick sehr einfach anmuten. Wichtig ist die richtige Körperhaltung. Suzi Zumpe zeigt vor, wie das geht: Die rechte Hand fasst unter den Sessel, der Kopf wird geneigt, die Linke streicht über die Halsmuskeln. Zur Auflockerung dreht sie leicht den Kopf und wiederholt den Vorgang mit der anderen Hand.

Stets betont sie das Wort „gentle“. Alles, jede Bewegung habe sanft zu erfolgen. Alles in diesem Programm beruht auf Ruhe und Behutsamkeit. Auch die Intonationsübungen. In einem speziellen Summ-Singsang fordert Zumpe ihre Online-Schützlinge auf, ihre Namen zu intonieren, zuerst in einem Ton, dann in verschiedenen Tonhöhen. „Das erste, worauf wir schauen, ist, dass die Menschen wieder darauf vertrauen zu atmen. Dazu müssen sie lernen, ihren Körper zu beobachten“, erklärt Zumpe und betont: „Atmen ist leben“.

Lieder gegen Angst

Gesungen werden fast ausschließlich Wiegenlieder. Manche sind ohne Text, werden nur gesummt. „Atemnot und Panik gehen Hand in Hand“, sagt Zumpe.

Wer in Not ist, vermag sich wahrscheinlich nicht an irgendwelche Theorien erinnern, aber an einfache, beruhigende Melodien.

Manche hat die ENO mit ihrem Chor und dem Orchester extra für die Covid-Patienten eingespielt, wie das „Abendgebet“ von „Hänsel und Gretel“.

Das Leiden der Kursteilnehmer sei mit jenem von Unfallopfern zu vergleichen, meint Zumpe. Das sei so, wie nach einem komplizierten Beinbruch erst wieder langsam gehen zu lernen.

Das bestätigt auch Startenor Piotr Beczala: „Atmen ist eine der unbewussten Funktionen des Lebens. Für Sänger aber ist es Teil ihrer Arbeit“, führt er aus. Professionelle Sänger können anderen zeigen, wie man den Atem effizient einsetzt. Viele seien sich gar nicht bewusst, dass sie im Alltag nicht das ganze Volumen ihrer Lunge ausnützen. Wenn aber ein gewisser Prozentsatz fehlt, muss man lernen, damit auszukommen. „Wenn man ständig daran denkt, dass man vorher 100 Prozent hatte und jetzt etwa nur 40, gerät man leicht in Panik“, führt er aus.

Dass man aber auch sehr gut mit reduzierter Lunge leben könne, zeige der polnische Bariton Andrzej Hiolski. Der hatte nur einen Lungenflügel, konnte aber durch seine Technik den Mangel ausgleichen. „Atmen ist ein großes Mysterium“, resümiert er und kommt auf das Thema zurück. „Eine Erkrankung ist kein Grund zum Verzweifeln, man muss eben nur lernen, seine Technik zu ändern“.

Heilkraft der Kultur

Das Programm der ENO hat sich damit indessen bewährt: 91 Prozent konstatierten, dass sie gelernt haben, ihre Angst zu ersticken abzubauen, 90 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass ihnen das Atmen leichter fiele. Nun arbeitet die ENO an einer Adaptierung für Opernhäuser in anderen Ländern, kündigt Jenny Mollica an und fügt hinzu: „Covid lässt uns unsere Kunst neu überdenken. Und dieses Programm kann die heilende Wirkung von Kultur erfahrbar machen.“

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