© Werner Kmetitsch

Kritik
09/20/2020

Oper "Die Passagierin" in Graz: Das omnipräsente, unentrinnbare Grauen

Opernhaus Graz zeigt zur Eröffnung eine beklemmende „Passagierin“ von Weinberg (Von Helmut C. Mayer).

Das Grauen ist stumm, aber omnipräsent, wie auch die alte Frau, die schon vor Beginn der Oper im hellgrauen Einheitsraum mit unzähligen Türen herumräumt. Sie beobachtet, summt das Lied vom „Lieben Augustin“ vor sich hin und greift auch immer wieder ins Geschehen ein. Es ist Lisa, die ehemalige Aufseherin des KZ Auschwitz in fortgeschrittenem Alter.

Mit diesem Kunstgriff hat Regisseurin Nadja Loschky noch eine dritte Zeitebene eingezogen. Denn eigentlich beginnt die Geschichte der Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg, basierend auf der Novelle von Zofia Posmysz, auf einem Schiff: Genauer auf einer Überfahrt in den 1960er Jahren nach Brasilien von Lisa und ihrem Mann Walter, der keine Kenntnis von der Vergangenheit seiner Frau hat.

Da vermeint Lisa in der Passagierin Marta eine ehemalige KZ-Insassin zu erkennen. Erinnerungen kommen hoch und wir switchen immer wieder vom Schiff nach Auschwitz ins Jahr 1944 zurück. Die Regisseurin setzt dabei nicht auf peniblen Realismus, sondern legt drei Zeitebenen übereinander, in denen das Grauen präsent bleibt. Man sitzt nicht als distanzierter Zuhörer da, sondern erspürt beklemmend das Leid der Insassen.

Es ist dem Grazer Opernhaus hoch anzurechnen, dieses Werk – 1968 komponiert, szenische UA erst 2010 bei den Bregenzer Festspielen – dessen Aufführung eigentlich letzten März geplant war, jetzt zum neuen Saisonbeginn durchzuführen.

Sprachen-Kaleidoskop

Gesungen wird in deutscher, polnischer, französischer, tschechischer, jiddischer, russischer und englischer Sprache. Dshamilja Kaiser als Lisa beeindruckt mit expressivem Spiel und charaktervoller Stimme. Ihr Mann ist mit Will Hartmann solide besetzt.

Nadja Stefanoff ist eine intensive Marta, ihren Verlobten Tadeusz hört man bei Markus Butter mit weichen aber tremoloreichen Bariton. Auch die vielen kleineren Rollen sind wunderbar besetzt. Die Musik von Weinberg (1919-1996) – der seine gesamte Familie im Holocaust verloren hat – kann mit berührenden Harmonien in den unvorstellbaren Wahnsinn dieser Zeit hineinziehen, mit Elementen der Zwölftonmusik, lyrischer Folklore über Jazz, Walzer bis hin zu Bruchstückhaftem.

Der neue, exakt agierende Chefdirigent Roland Kluttig lässt bei den Grazer Philharmoniker ein wunderbar farbig schillerndes Kaleidoskop der Emotionen und Erinnerungen entstehen.

 

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