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© Onuka

Kultur
10/01/2019

Onuka singt gegen die Okkupation der Ukraine an

Die Musikerin verbindet die Folk-Musik ihrer Heimat mit moderner Elektronik und tritt am 3. Oktober im MQ in Wien auf

von Brigitte Schokarth

„Ich schaute die Nachrichten und wollte entweder vor Angst schreien oder vor Enttäuschung weinen.“ Nata Schyschtschenko erinnert sich an das Frühjahr 2014, als Russland Gebiete in ihrer ukrainische Heimat okkupierte und der Krieg begann.

„Ich wohne nicht weit von der Innenstadt von Kiew entfernt“, erzählt die 34-Jährige im KURIER-Interview. „Ich sah den Rauch über den Dächern und wusste, Live-Auftritte, um mein neues Musikprojekt vorzustellen, werde ich nicht kriegen. Also habe ich mich mit meinem Mann, dem Onuka-Produzenten Eugene Filatov, für sechs Monate zu Hause eingesperrt und das erste Album produziert.“

Mit dem zweiten Album im Gepäck erobern Schyschtschenko und ihr Onuka-Ensemble jetzt auch das Ausland. Denn die ambitionierte Musikerin hat damit einen innovativen Sound geschaffen, der die traditionellen Folk-Instrumente ihrer Heimat in die elektronische Musik der heutigen Zeit integriert. Die Liebe zu Ersterem hat sie von ihrem Großvater.

„Er baute die alten ukrainischen Folk-Instrumente, wollte sie wiederbeleben, da sie in der Zeit der Sowjetunion in Vergessenheit geraten waren. Schon mit fünf Jahren lernte ich bei ihm, die Sopilka, eine traditionelle Holzflöte, zu spielen.“

Genauso wichtig wie die Musik waren für die kleine Schyschtschenko die Erzählungen des Opas, der Fakten über die wechselvolle Geschichte ihrer Heimat in Märchen verpackte. „Dadurch lehrte er mich, mein Land zu lieben. Denn er hatte so eine tiefe Liebe zu der einzigartigen Natur und der so reichen, uralten Kultur der Ukraine. Das hatte nichts mit Patriotismus zu tun, es war nur eine innige Verbundenheit mit seinen Wurzeln.“

Die will Schyschtschenko jetzt weitergeben, hat ihr Projekt deshalb Onuka („Enkeltochter“) genannt und hat sich zum Ziel gesetzt, dem Rest der Welt ihre Kultur näher zu bringen. „In unseren Texten, die wir sowohl auf Englisch als auch auf Ukrainisch verfassen, gibt es keine direkten politischen Kommentare. Es geht um unsere innersten Gefühle in der momentanen Situation in der Ukraine. Und um die Hoffnung, dass wir eines Tages keinen Krieg mehr haben, alleine gelassen werden und uns selbst um unser Schicksal kümmern können.“

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Inspiration für ihre Songs holt sich Schyschtschenko – Geigerzähler in der Hand – im Sperrgebiet von Tschernobyl. Ihr Vater war dort Liquidator, einer jener Männer, die nach der verheerenden Reaktorkatastrophe aufräumten. „Ich war ein Jahr alt, als als das passierte, verstand nicht, warum mein Vater immer wieder verschwand. Als ich ihn später fragte, wollte er nichts darüber erzählen, die Erinnerung war wohl zu schmerzhaft. Also bin ich hingefahren, um mir selbst ein Bild zu machen, und fand es faszinierend. Denn das ist die pure Natur – ein Wald ummantelt von menschlicher Stille.“

Schyschtschenko sagt, sie könne sich auch vorstellen, in Russland für die dortigen Onuka-Fans live zu spielen, wenn der Krieg vorbei ist. „Aber davor müssten wir schon eine Art von offizieller Entschuldigung von Russland haben.“