Kultur
11.07.2018

Olaf Nicolai: „Es könnte auch alles anders sein“

Der Künstler über das Eigenleben von Bildern, geistiges Eigentum und Freiheit im Digitalzeitalter

Durch sein Deserteursdenkmal am Ballhausplatz ist Olaf Nicolai seit 2014 in Wien präsent. Ansonsten pflegt sich das Werk des Berliners aber oft an ungewohnten Orten zu verstecken.

KURIER: Ihre Schau „There Is No Place Before Arrival“ findet an vielen Orten statt. Ist die Kunsthalle im MQ das Herzstück?

Olaf Nicolai: Ja. Hier ist die intensivste Erfahrung möglich, es ist auch der Ort, der am ehesten die klassische Ausstellungssituation vorführt. Die anderen Orte – das Monument am Ballhausplatz, den Buchladen von Georg Fritsch, die Straßen um Burg- und Volkstheater – verbindet man ja nicht sofort mit Kunstpräsentationen.

In der Kunsthalle ließen Sie Bilder aus Zeitungen auf den Boden malen. Wie fällt die Entscheidung, dass so ein Bild Teil Ihres Werks werden soll?

Die Sammlung, aus der ich 22 Bilder für diese Ausstellung ausgewählt habe, betreibe ich seit den 1990er-Jahren. Viele dieser Bilder haben einen doppelten Charakter: Sie sagen nicht gleich, was sie zeigen sollen, und sie haben eine Präsenz, die auch ganz woanders hinführen könnte. Ein Beispiel wäre das Foto einer Schneelandschaft, die auf den ersten Blick ein klassisches Bild des Erhabenen im Winter in den Alpen sein könnte. Wenn man hört, dass das Bild einen Artikel über 16 Schweizer Rekruten begleitete, die in einer Lawine getötet wurden, wird das Bild zu etwas anderem. Es war mir aber ein Anliegen, dass sich mein Interesse an dem Bild nicht hundertprozentig in dieser Information auflösen lässt.

Im Saalheft stellen Sie jedem Bild noch zahlreiche Zitate bei.

Die Frage ist: Was entsteht da für ein Raum, wo geht so ein Bild noch hin? Das ist etwas, das wir alle kennen: Man fotografiert etwas, findet das toll, postet es auf Instagram, die Leute liken das und verwenden es weiter. Der Referenzraum ist heute extrem erweitert. Das ist auch das Zeitgenössische daran – dass Bilder ein eigenes Leben haben und inhaltlich ganz anders zurückkommen können, als man das je geglaubt hat.

„Die Mittel, mit denen wir die Welt gestalten, haben auch das Potenzial, sie zu verändern.“

Olaf Nicolai, Künstler

Zugleich werden Bilder im digitalen Raum sofort verschlagwortet, mit „Hashtags“ festgenagelt. Ist das Fluch oder Segen für ein vorurteilsfreies Sehen?

Ich glaube, dass man nie vorurteilsfrei sehen kann. Das ist ein Wunsch, und man muss den Wunsch und die Realität immer in einem Spannungsverhältnis zueinander begreifen. Du hast in dieser Aneignung ein großes Potenzial, dich zu bewegen und Dinge zu erproben, zugleich ist es etwas, das ökonomisch verwertet wird. Wie geht man damit um? Ich denke, dass man das immer wieder neu aushandeln muss und dass man versuchen müsste, ökonomische Verwertungen einzuschränken. Nicht in dem Sinn, dass sie nicht stattfinden, sondern dass man sich von ihnen nicht einschränken lässt.

Wie soll das gehen?

Indem man etwa seine Daten selbst besitzt – so dass die Firmen mit dir theoretisch verhandeln müssen. Es ist wie bei einer Straße: Hat man eine Infrastruktur, die für alle nutzbar sein sollte, oder darf man sie nur nutzen, wenn man in der Lage ist, dafür zu zahlen? Das ist auszuhandeln, das ist Politik. Natürlich hat ökonomische Verwertung ein unglaubliches Innovationspotenzial. Aber sie hat auch ein Enteignungspotenzial.

Sehen Sie bei der Aneignung von Bildern rechtliche Barrieren?

Das Urheberrecht ist genau jetzt in einer Phase, wo diese Dinge neu verhandelt werden müssen. Die Rechtsposition ist ja stets die des Eigentums. Wenn man sich Prozesse aneignender Produktivität ansieht, dann sind sie immer schneller als die Eigentumsverhältnisse. Beim Internet hat man zuerst gedacht, jeder kann da machen, was er will, bis Leute gesagt haben, Moment mal, das geht so nicht, wir müssen das Eigentum respektieren. Ab dem Moment ist das Internet ein Raum geworden, der gar nicht mehr so produktiv war – die Produktivität wäre viel höher, wenn man diese Eigentumsrechte freigegeben hätte. Es wären aber dabei sehr viele Leute enteignet worden. Das Recht ist immer auch eine neue Verhandlung darüber, in welche sozialen Zusammenhänge man sich begeben und welche Produktionsformen man eigentlich nützen möchte. Ich bin ein großer Fan davon, zu sagen: Das sind meine Daten, und wer die kommerziell verwerten will, muss sich mit mir unterhalten. Ich habe nie verstanden, warum Facebook an die Börse gehen konnte, ohne dass alle Menschen, die auf Facebook waren, sofort beteiligt wurden – das sind ja sozusagen die Arbeiter in der Fabrik.

Immer wieder kommen auch auch Künstler wegen Urheberrechtsverletzungen ins Visier.

Es gibt sicher Grenzbereiche, ich mache aber keine kommerzielle Verwertung von Dingen, die ich mir von anderen Leuten aneigne. Es gibt von mir sehr viele Arbeiten, die einfach da sind, und dann sind sie weg. Oft geht es nur darum, zu zeigen: Dort, wo Aufmerksamkeit hinfällt, hast du sofort etwas, das du verwerten kannst. Und Verrechtlichung ist immer ein Indiz dafür, dass etwas verwertbar ist. Deshalb werden unsere emotionalen Beziehungen ja auch gerade verrechtlicht. Weil wir in eine Industrie eintauchen, die auch unser Unbewusstes verwertet. Das ist die größte Ressource der Zukunft: Dir etwas zu verkaufen, von dem du gar nicht wusstest, dass du es dir wünschst.

In Ihrem Werk scheint es sehr oft um Kipppunkte zu gehen: Was normal war, wird fremd, das Publikum wird zum Akteur. Was ist die Grundlage dafür, dass Sie sich für solche Verschiebungen interessieren?

Ich denke, eine wichtige Erfahrung war, dass ich über künstlerische Arbeiten, seien es Texte, Musik oder Bilder, auch immer an anderen Realitäten partizipiert habe. Das hat das Bild der Realität, in der ich gelebt habe, massiv verändert. Ich bin ja in der DDR groß geworden, und da hat das massiv Reibungsflächen erzeugt. Einen Text von Ernst Jandl zu lesen oder mit der Band Dead Kennedys herumzurennen, war nicht unbedingt das, was einem als normal abgenommen worden ist. Diese Reibungen haben mich sehr sensibel werden lassen für das, was angeblich als normal gilt. Diese Kippfiguren sind der Versuch zu zeigen: Es könnte auch alles ganz anders sein. Und das ist nicht nur ein frommer Wunsch. Denn die Mittel, mit denen wir unsere Welt gestalten, haben auch das Potenzial, sie nicht nur zu gestalten, sondern auch zu verändern.

Info: Eine Schau mit vielen Schauplätzen.

Olaf Nicolai, 1962 in Halle/Saale geboren, gehört zu den wichtigsten deutschen Konzeptkünstlern. Seine  Schau „There  Is No Place Before Arrival“  eröffnet am 12.7. in der Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier und läuft bis 7. 10. In der Halle  ließ Nicolai Medienbilder auf den Boden übertragen. Die Bilder werden in einer Kooperation mit museum in progress auch in Printmedien, u.a. dem KURIER, publiziert. 

Nicolais Deserteursdenkmal am Ballhausplatz dient dazu als Bühne für Gesangs-Performances. Das Freud Museum präsentiert ein Projekt, bei dem Nicolai den Freud-Text „Trauer und Melancholie“ ins Arabische  übersetzen ließ. Für das ZOOM Kindermuseum  entwickelte der Künstler einen Workshop auf Basis von Arnulf Rainers Zeichnungen. Ein Werk zu H.C. Artmanns „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ ist im Antiquariat Georg Fritsch (1., Schönlaterngasse 7) zu sehen. Und der Mercedes, den Brechts Frau Helene Weigel  sich 1967 nach dem Mauerbau nach Ostberlin bestellte, wird zwischen Volks- und Burgtheater geparkt.