Erinnerungskultur
06/15/2015

Österreich-Schau im KZ Auschwitz: Abkehr von der Opferthese

Österreich gestaltet eine neue Schau fürs KZ Auschwitz – mit Brückenschlag nach Wien.

von Thomas Trenkler

Auschwitz-Birkenau in Südpolen war das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten: Etwa 1,1 Millionen Menschen, darunter eine Million Juden, wurden zwischen 1940 und 1945 ermordet, 900.000 davon gleich nach der Ankunft "vergast".

1947 entschied das polnische Parlament, Auschwitz-Birkenau und das drei Kilometer entfernte Stammlager in eine Gedenkstätte umzuwandeln. 1959 erhielt jedes Land mit Opfern in Auschwitz das Recht, für die gemauerten Blocks des Stammlagers Dauerausstellungen zu gestalten. Zunächst kamen die damaligen Ostblockstaaten ČSSR, Ungarn, UdSSR und DDR zum Zug, 1965 wurde die belgische Schau eröffnet, nach und nach entwickelte sich das ehemalige KZ zum vielfältigen Erinnerungsort.

Von 1978 an präsentierte sich Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus – auf einer riesigen Tafel: Soldatenstiefel marschieren über die rot-weiß-rote Landkarte. Die verzerrte Sichtweise wurde zwar schon damals kritisiert, es dauerte aber bis zum Jahr 2005, ehe man die Besucher darauf hinwies, dass die Opferthese nicht mehr dem Geschichtsbild Österreichs entspricht.

2009 wurde der Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus beauftragt, eine Neukonzeption in die Wege zu leiten. Man gründete Gremien und Beiräte, man schrieb die Gestaltung aus. Im Oktober 2013 wurde die alte Schau geschlossen, seit April 2014 arbeitet ein Team unter der Leitung von Hannes Sulzenbacher und Albert Lichtblau an der neuen.

Keine Nabelschau

Nun wurden erstmals die Pläne für das Erdgeschoß von Block 17 mit 600 vorgestellt. Architekt Martin Kohlbauer konzipierte im Abstand von 60 cm zu den Außenwänden eine transparente "innere Hülle". Der Raum im Raum erlaubt Blicke auf die Originalstruktur und stellt eine "Reflexionsebene" dar. Im Zentrum werden vier rautenförmig angeordnete Bildwände errichtet, die als Projektionsflächen dienen.

Aufgrund neuer Richtlinien der Museumsverwaltung dürfen sich die Länderausstellungen nur mit dem Zeitraum bis zur Befreiung von Auschwitz am 27. Jänner 1945 befassen.

Eine nationale Nabelschau wird somit verhindert. Das österreichische Team hofft aber, "Zitate" aus der alten Schau integrieren zu können, darunter fünf Glasfenster von Heinrich Sussmann.

Keine Abschiebung

Der Titel "Entfernung. Österreich in Auschwitz" soll auf die geografische Distanz verweisen, zugleich aber auch auf die Entfernung der Deportierten aus Österreich und dem Leben. Im letzten Bereich der Ausstellung, die im Herbst 2017 eröffnet werden soll, versucht man, Österreich mit Ausschwitz zu verbinden: Der Besucher darf in ein "virtuelles Gästebuch" Nachrichten schreiben; die Texte wird man allerdings nicht im Block 17 lesen können, sondern in Wien.

Als idealen Ort hierfür erachten die Verantwortlichen den Heldenplatz. Ebendort soll bis zum November 2018 das Haus der Geschichte der Republik realisiert werden.

Der Historiker Oliver Rathkolb, mit dem Konzept beauftragt, unterstützt das Projekt: "Man kann die Geschichte der Schoah nicht in die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau abschieben. Man muss das Thema zurückholen nach Österreich – ohne die Bedeutung der Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands schmälern zu wollen."

Das Haus der Geschichte wird einen ähnlichen Ansatz verfolgen, so Rathkolb: "Wir wollen die österreichische Geschichte nicht auf den Raum Österreich beschränken, sondern im Kontext und über die Grenzen hinaus darstellen." Beleuchtet werden soll z. B. die Rolle von österreichischen NS-Tätern und Mitläufern nicht nur in Ausschwitz, sondern im gesamten besetzten Polen: "Die Spannbreite reicht von Hans Swarowsky bis hin zu den Bürokraten, die die NS-Raubwirtschaft organisiert haben und im Dunkel der Geschichte verschwunden sind."

Der von Rathkolb genannte Swarowsky war 1944/’45 Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters in Krakau. Er brachte Hans Pfitzners Komposition "Krakauer Begrüßung" zur Uraufführung, die Hans Frank gewidmet war. Frank, Generalgouverneur des besetzten Polen, wurde der "Judenschlächter von Krakau" genannt. Nach dem Krieg war Swarowsky Lehrer bedeutender Dirigenten wie Zubin Mehta und Claudia Abbado. Er starb 1975 in Salzburg.

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