John-Otti-Band mit FPÖ-Song in Ö3-Charts: Wie ist das möglich?
Werner Otti von der "John Otti Band".
Der höchste Neueinstieg bei den aktuellen Ö3 Austria Top 40 heißt "Renn!".
Der Song stammt von der türkischstämmigen deutschen Sängerin Ayliva, landete auf Platz 7 und ist der FPÖ kein Anliegen. Die schaut lieber auf Platz 20. Denn dort landete ein Lied, das auch mit dem Thema Vorwärtsbewegung zu tun hat. Es heißt "Immer vorwärts FPÖ", stammt von der Parteihausband John Otti Band, FPÖ-Chef Herbert Kickl hat einen Gastauftritt und es gibt dazu kein Video.
Den Charteinstieg des Songs nützt die Partei, wie jede andere Gelegenheit auch, zur Anti-ORF-Politik: Ob der Sender den Song bei der Chartssendung wohl spielen werde, ätzten Vertreter der FPÖ am Montag. Ö3 tat es, mit Begleittext.
Oh oh oh oh oh oh oh oh
Abseits der Unterstützung durch die Partei - in anderen Fällen würde die FPÖ wohl von Staatskünstlern sprechen, siehe unten - fragt sich mancher vielleicht, wie es ein Song von dieser textlichen und musikalischen Prägnanz ("Oh oh oh oh oh oh oh oh oh/Oh oh oh oh oh oh oh oh/Immer vorwärts FPÖ") in die Charts schaffen kann. Da wird es ein wenig kompliziert.
Denn die Charts sind schon viele Jahre lang mit Herausforderungen bezüglich dessen konfrontiert, was wie und in welchem Ausmaß heute als Erfolg, als Musikkonsum und Abbild dessen, was die Menschen an Musik hören, zu zählen ist, wie der KURIER mehrfach berichtet hat.
Was zählt ein Stream?
Das liegt am veränderten Musikkonsum. Bei ihrer Gründung bildeten die Charts relativ genau ab, was die Menschen kauften: Songs konnte man damals nur physisch erwerben, das lässt sich leicht messen.
Nur: Das tut kaum noch jemand. Der Popmusikkonsum spielt sich zum allergrößten Teil in Streamingdiensten ab. Etwa bei Spotify, wo es, das macht es nicht leichter, einen Abozugang und einen werbegestützten Zugang gibt. Oder bei YouTube: Der dortige Musikkonsum fließt seit 2022 in die Charts ein.
Den absoluten Löwenanteil am Umsatz mit Musikkonsum haben längst Streamingabos: 99,6 Millionen Euro wurden damit im ersten Halbjahr 2025 in Österreich eingenommen, der gesamte Musikmarkt betrug dabei nur 113,2 Millionen Euro. Das heißt aber nicht, dass Gratisstreaming keine Rolle spielt - es bringt nur weniger Umsatz.
Für die Erstellung der Verkaufscharts stellt sich daher die durchaus komplexe Frage, wie einmal Gratisanhören eines Songs mit dem Erwerb desselben vergleichbar ist.
Die Antwort ist die sogenannte Charts-Einheit. Die setzt Songkäufe, das Anhören auf einem Streamingdienst mit Abo und das Anhören auf einem Streamingdienst ohne Abo in ein Verhältnis, das folgendermaßen aussehen dürfte - zumindest nach den letzten verfügbaren Infos und im internationalen Vergleich
Wie genau das Verhältnis zwischen Premium- und Free Streams zu Verkäufen in Österreich ist, diese Info ist schwer zu finden. Einen Aufschluss gibt jedoch ein Dokument, in dem es um Gold- und Platinauszeichnungen in Österreich geht. Dort heißt es:
171 Premium-Streams bzw. 533 „Free-Streams“ eines Einzeltitels entsprechen 1 Verkaufseinheit (d.h. Faktor 171:1 bei Premium-Streams bzw. Faktor 533:1 bei „Free-Streams“).
RICHTLINIEN FÜR DIE PRÄMIERUNG VON TONTRÄGERN UND BILDTONTRÄGERN IN ÖSTERREICH
180 Euro für YouTube
Ein Song müsste also demnach etwa auf YouTube mindestens 550 Mal gratis angehört werden, um gleich viel für die Charts zu zählen wie ein Kauf des Songs auf CD, Vinyl oder als MP3. Dementsprechend lässt sich die derzeitige Abrufzahl dort einordnen: 75.000 Mal wurde der Song auf YouTube gestreamt, das entspricht ungefähr 140 Singlekäufen.
Das klingt nicht nach viel - und ist es auch nicht. Andersrum gesagt: Mit rund 180 Euro Investition - ein Song kostet bei iTunes oder Amazon Music ab 70 Cent, diesfalls offenbar 1.29 Euro - kann man ebensoviel für die Charts bewirken wie - in diesem Fall - der Gratiskonsum auf YouTube.
"Die Ermittlung der Umrechnungsfaktoren in Charts-Einheiten basiert auf international erhobenen Wirtschaftsdaten und Erfahrungswerten. Diese werden halbjährlich überprüft und gegebenenfalls geänderten Marktbedingungen angepasst", heißt es auf der erklärenden Webseite der Ö3-Charts.
Wer Spotify abonniert hat, muss einen Song nur 171 Mal hören, damit er eine ebensogroße Chart-Unit bekommt wie ein gekaufter Song. Hier soll Manipulation ausgeschlossen werden: Der Benutzer muss aktiv auf den Song klicken (Playlisten in Dauerschleife zählen nicht) und den Song mindestens 31 Sekunden lang streamen, damit er gewertet wird.
Ob dieses Verhältnis Sinn macht? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Dass die Ö3-Charts am Montagabend (!) um 22 Uhr (!) gesendet werden, ist vielleicht eine Antwort.
Was also braucht es für Platz 20?
Das ist schwer zu sagen, denn der Charterfolg ist relativ und hängt unter anderem auch von den sonstigen Neuerscheinungen der Woche ab. Dass das John-Otti-Publikum wesentlich kleiner ist als jenes von Ayliva heißt jedenfalls nicht, dass man nicht aus ersterem politisches Kleingeld schlagen kann. Ob der Song nur Wahlwerbung ohne erweiterten ästhetischen Wert ist und damit auf Ö3 abseits der Werbeeinschaltungen nichts zu suchen hätte, wurde viel diskutiert. Die FPÖ drehte den Spieß um und verlangte eindringlich, dass "Immer vorwärts FPÖ" erklinge - gratis Werbung ist das jedenfalls.
Die zeitliche Nähe des Chartserfolgs zum neuen FPÖ-Radiosender ist augenfällig. Der war im Jänner gestartet worden - übrigens ohne Lizenz für Musiknutzung -, und zwar als Onlineangebot. Mehrere Zehntausend Mal soll die App heruntergeladen worden sein, wenn es dort den Song oftmals spielt, könnte das als Stream zählen? Eher nein: Dass YouTube künftig für die Charts zähle, war 2022 eine eigene Presseaussendung wert. Sollte das ursprünglich "nicht lizenzierte Webradio" (so der Geschäftsführer der für Produzenten und Interpreten zuständigen Verwertungsgesellschaft LSG, Thomas Auböck, im Jänner zum Standard) "Austria First" hier berücksichtigt werden, wäre das verwunderlich.
Hinter dem Erfolg des Songs steht aber jedenfalls die Partei - denn die machte Stimmung, den Song zu kaufen, und fuhr eine dementsprechende Kampagne über den neuen Parteisender und die Sozialen Medien. "Helft bitte weiterhin mit, ein patriotisches Lied an die Spitze der Charts zu bringen", heißt es dabei.
Eventuell kommt der FPÖ dabei ihr Wahlklientel statistisch zugute: Die demografische Gruppe, die Songs erwirbt und nicht streamt, könnte hier besonders groß abgebildet sein.
Was an dem Ganzen auch erstaunlich ist, ist, dass die Popmusik plötzlich wieder als politischer Faktor eingesetzt wird. Damit hat die FPÖ erneut etwas von Donald Trump und dessen MAGA-Bewegung kopiert. Auch diese hat zuletzt einen Auftritt einer Band benützt, um politisch Stimmung zu machen, und ideologisch genehme Musiker gefördert.
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