© Theater-Festival/Andrea Klem

Kritik
09/16/2021

"Nussschale": Ein Smoothie voll Shakespeare-Gift in Wr. Neustadt

Das Wortwiege-Festival in Wiener Neustadt zeigt eine Dramatisierung des Ian-McEwan-Romans "Nussschale". Ein schwieriges Unterfangen, das keineswegs gescheitert ist.

von Peter Temel

„O Gott, ich könnte in eine Nussschale eingesperrt sein und mich für einen König von unermesslichem Gebiete halten, wenn nur meine bösen Träume nicht wären.“

Dieses berühmte Zitat aus Shakespeates "Hamlet" verwandelte Ian McEwan 2016 im Roman „Nussschale“ in ein absurdes Gedankenexperiment. Hamlet – hier „Ich“ genannt – lebt im Bauch von Trudy (analog zu Gertrude) wie in der sprichwörtlichen Nussschale und verfolgt das Geschehen in einer Londoner Wohnung. Auch das Brudermord-Motiv wird umgesetzt: Gemeinsam mit ihrem Geliebten und Schwager Claude (Claudius) schmiedet Trudy ein Giftsmoothie-Komplott gegen ihren Ehemann John.

Claude, John, Trudy und Elodie

Anna Maria Krassniggs Festival Wortwiege konnte im Rahmen des Zyklus’ „Bloody Crown“ die Rechte für eine Dramatisierung an Land ziehen – und wurde der schwierigen Aufgabe gerecht.

Futuristisch

Das bedächtig räsonierende „Ich“ (Flavio Schily) wird via Video eingespielt, gedreht wurden diese Sequenzen im futuristischen Ambiente des AKW Zwentendorf und des Forschungszentrums MedAustron. Dass die Annahme eines hoch gebildeten, feingeistigen Säuglings optisch nicht einfach nachgestellt wird, ist der große Gewinn dieser Umsetzung. Die Distanz, die dadurch gewonnen wird, lässt die ganze Konstellation sogar plausibler wirken, da das "Ich" so eher entrückt beziehungsweise vergeistigt wirkt. 

Aber schon McEwans Text versucht gar nicht erst, die Sache allzu ernst zu nehmen. So freut sich das „Ich“ im Astronautenanzug über „durch die Plazenta dekantierten Burgunder“. Er saugt alle Weisheiten der von seiner Mutter abonnierten Podcasts auf. Übers Radio nimmt er aktuelle Weltprobleme wahr (Umwelt! Migration! Viren!).

Wirklich vertieft werden die angerissenen Themen nicht. Spannung baut sich aber tatsächlich auf, weil man sich fragt, wie der Säugling in die erstaunlich konventionelle Krimistory (eine Kommissarin tritt auf) eingreifen könnte. All das wird intelligent umgesetzt und solide gespielt.

Am Freitag (17.9.) folgt in den Kasematten die Premiere von „Dantons Tod“.

"Nussschale": Nach dem Roman von Ian McEwan; Übersetzung: Bernhard Robben

Schauspieler:
Flavio Schily (Me, Ich)
Nina C. Gabriel (Trudy)
Jens Ole Schmieder (Claude)
Martin Schwanda (John Cairncross)
Petra Staduan (Elodie, eine Dichterin)
Isabella Wolf (Chief Inspector Allison)

Stab:
Inszenierung Bühne: Jérôme Junod & Anna Maria Krassnigg
Inszenierung Fil: Anna Maria Krassnig & Christian Mair
Raum: Andreas Lungenschmid
Kostüm: Antoaneta Stereva
Kamera/Schnitt/Sounddesign/Produktion: Christian Mair
Lichtdesign: Lukas Kaltenbäck
Maske: Henriette Zwölfer
Bühnenmeister: Christoph Wölflingseder
Abendspielleitung: Marie-Therese Handle-Pfeiffer
Dramaturgie: Karl Baratta
Bühnenfassung: wortwiege

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